WAS IST DIE SCHARIA? Eine islamkritische Einführung

von Giordano Brunello

Unter dem Begriff Scharia ist entgegen weitverbreiteter Annahme nicht bloß das barbarische Strafrechtssystem mit seinen Hadd-Strafen sowie das frauendiskriminierende Zivilrechtssystem des Islam zu verstehen, sondern die Gesamtheit sämtlicher islamischer Verhaltens- und Rechtsnormen auf der Grundlage der islamischen Quellen, die in ihrer Ganzheit betrachtet und bei einer flächendeckenden Einhaltung eine ideale islamische Gesellschaftsordnung widerspiegeln. Dabei ist der Begriff „Recht“ sehr umfassend zu verstehen, weil die Scharia auch Bereiche regelt, die üblicherweise in der Rechtsetzung nichts verloren haben. Außerdem offeriert die Scharia die Methode der Rechtsfindung, um mit diesen Quellen umzugehen. Nicht zuletzt deswegen bedeutet der Ausdruck Scharia „der Weg zur Quelle“. Je nach Quellenlage, die nicht immer identisch ist, und je nach Rechtsschule können dabei unterschiedliche Ergebnisse resultieren, womit die Scharia nicht überall auf der Welt gleich ist, was in zivilisatorischer Hinsicht allerdings keine Rolle spielt, genauso wenig wie bei der Frage, ob es sich dabei um schiitischen oder sunitischen Islam handelt. Im vorliegenden Artikel werde ich die Grundlagen dieses archaischen Rechtssystems am Beispiel des sunnitischen Islam wiedergeben und dieses kritisch würdigen.

Die primäre Rechtsquelle der Scharia ist der Koran. Die islamische Tradition geht davon aus, dass ein arabischer Prophet namens Mohammed zwischen den Jahren 610 und 632 – d.h. insgesamt während 23 Jahren und ab seinem 40. Altersjahr – auf der arabischen Halbinsel mehrmals vom Erzengel Gabriel aufgesucht worden sei. Der Erzengel soll ihm dabei von Gott Sure für Sure – d.h. Kapitel für Kapitel – den ganzen Koran überbracht und damit den Menschen eine neue heilige Schrift offenbart haben, dies insbesondere deshalb, weil die Juden und die Christen den wahren Glauben an Gott nach dem Empfang ihrer eigenen Schriften verfälscht hätten. Unter „Offenbaren“ dieser Suren, die aus Versen (Ayat) bestehen, ist in diesem Kontext damit das „Überbringen des unmittelbar vom Gott gesprochenen Wortes“ zu verstehen, weshalb der Koran nahezu zu 100% in direkter Rede verfasst ist, wobei nach islamischem Verständnis der Sprechende Gott höchstpersönlich ist.

Diese Eigenart des Korans unterscheidet den Islam ganz erheblich von anderen Religionen, bekanntlich auch vom Judentum und dem Christentum. Es ist diese Besonderheit, weshalb es den meisten Muslimen derart schwer fällt, sich von gewissen Inhalten des Korans zu distanzieren, die viele Menschen im Westen haarsträubend finden. Aufgeklärte Muslime, die es ja auch gibt, geben in diesem Zusammenhang oft an, dass diese und jene Passage im Koran in ihrem Privatleben keine Rolle spiele und dass sie diese Stellen in einem historischen Kontext verstünden. Eine bewusste und ausgesprochene Distanzierung nehmen aber die wenigsten Muslime vor, indem sie offen einräumen, dass sie diese oder jene Stelle im Koran schlecht finden, weil eine Ablehnung von Koranstellen, so primitiv, rassistisch und menschenverachtend sie auch sein mögen, für einen gläubigen Muslim letztendlich nichts anderes bedeuten würde als die Ablehnung von „Wort Gottes“. Jedenfalls dürfte es wohl einfacher für einen gläubigen Christen sein, einen biblischen Inhalt wie beispielsweise eine Auffassung des Apostels Paulus abzulehnen, etwa seine Meinung, dass die „Weiber“ in der Gemeinde zu schweigen hätten (1. Korinther 14:34). Die Schwierigkeit sich von koranischen Inhalten zu distanzieren und sich davon zu emanzipieren, bildet meines Erachtens eines der größten Probleme der Scharia. Dass viele Gläubige die Gebote des Korans über die Gesetze von modernen Staaten stellen, in denen sie leben, geht meines Erachtens nicht zuletzt auch auf die vorerwähnte Besonderheit des Korans zurück, weil von Menschen gemachte Gesetze bei einer Mehrheit von Muslimen auf der Welt niemals die gleiche Akzeptanz finden können wie der angeblich von Gott offenbarte Koran. Dies erklärt auch, weshalb in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam jedem erdenklichen Grundrecht ein Schariavorbehalt vorangesetzt wurde. Aufgrund der Kairoer Erklärung soll mindestens in diesen Ländern keine Gesetze erlassen werden, die der Scharia widersprechen. Gleichzeitig wird in der Kairoer Erklärung die Scharia als Hauptquelle zur Rechtsfindung im Bereich der Menschenrechten erklärt, damit auch diese nicht im Widerspruch zur Scharia stehen, was absurd ist, zumal Menschenrechte Individualrechte darstellen, die das Individuum schützen sollen und nicht etwa eine religiöse Ideologie, wie Scharia-Muslime dies für ihre Religion fordern und den Grundgedanken der Menschenrechte ad absurdum führen. Wie diese angeblich unmittelbar von Gott stammende Gebote und Verbote des Koran wirken und die Emanzipation von Musliminnen und Muslimen verhindern, ist an diesen Tatsachen und an der Rückständigkeit der islamischen Welt sehr deutlich zu erkennen.

Wenn man die islamische Tradition nicht kennt und nun auch über die immense Heiligkeit und Autorität dieser Worte für Muslime Bescheid weiß, dürfte die Leserin oder der Leser davon ausgehen, dass ein verantwortungsvoll handelnder Prophet Mohammed sich unmittelbar nach Empfang einer jeden Sure hingesetzt haben müsste, um das soeben empfangene Wort Gottes niederzuschreiben oder mindestens per Diktat niederschreiben zu lassen, damit nichts aber rein gar nichts für die Nachwelt verloren geht. Beim Tod Mohammeds wäre der Koran dann komplett gewesen und die ersten Muslime hätten die losen Blätter nur noch binden müssen, um die erste vollständige Ausgabe des Korans in den Händen zu halten. Einer solchen “Logik” widerspricht die islamische Darstellung. Zum einen soll der Prophet gemäß islamischer Tradition weder lesen noch schreiben gekonnt haben. Diese Behauptung mag eine Person aus dem Westen angesichts der Weisheit, die die Muslime dem Propheten zurechnen, erstaunen; sie hat einen theologischen Hintergrund. Mit dem Argument des Analphabetismus des Propheten kann begründet werden, dass der Koran tatsächlich von Gott (über den Erzengel Gabriel) offenbart worden sei und mit der Angabe, dass Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, kann die Behauptung abgewehrt werden, Mohammed habe den Koran aus den heiligen Schriften der Juden und der Christen abgeschrieben respektive zusammengetragen. Dieses Argument ist im Islam deshalb so wichtig, weil damit eine vom Judentum und Christentum losgelöste – d.h. eigenständige – Offenbarung begründet werden kann, obwohl im Koran Parallelen zu den vorgenannten Religionen ganz offensichtlich vorhanden sind. Zum anderen erzählt die islamische Darstellung ohnehin eine ganz andere Entstehungsgeschichte des Korans. Die Anhänger Mohammeds hätten die Suren in erster Linie auswendig gelernt, die ihnen der Prophet vorgetragen habe und nur in wenigen Fällen niedergeschrieben. So habe es in den ersten Jahren des Islam, unmittelbar nach dem Tode des Propheten, noch keine komplette Ausgabe des Korans gegeben. Erst rund 25 Jahre nach dem Tod des Propheten sei unter dem Kalifen Uthman das komplette Buch entstanden, das wir heute als Koran bezeichnen, im Übrigen auch die Reihenfolge der Suren. Man spricht dabei vom uthmanischen Koran oder vom uthmanischen Kodex. Die heutige Theologie des sunnitischen Islam beruft sich auf diesen Text. Diese Informationen, die uns die islamische Tradition gibt, bedeutet allerdings nichts anderes als, dass im Islam, in dem ein Buch eine zentrale Rolle spielt, welches gemäß islamischer Vorstellung an Heiligkeit nicht zu übertreffen ist, in den ersten Jahren dieser Religion – namentlich zu Lebzeiten des Propheten und während 25 Jahren nach dessen Tod – in Schriftform noch gar nicht existierte, mindestens nicht in einer umfassenden Form. Die von Gott offenbarte heilige Schrift des Islam bestand damit zunächst vor allem aus wandelnden menschlichen Surenträgern und einigen wenigen schriftlich niedergelegten Suren respektive Teilen davon.

Um dem Leser eine umfangmäßige Vorstellung über den Koran zu geben, möchte ich darauf hinweisen, dass die Bibel aus rund 774’000 Wörtern besteht. Der Koran hingegen umfasst circa 77’000 Wörter und ist damit vom Umfang her rund zehnmal kürzer als die Bibel. Zieht man noch in Betracht, dass rund 20% des Korans selbst für Experten völlig unverständlich ist, wird dieser Umfang in inhaltlicher Hinsicht noch kleiner. Damit spreche ich die „dunklen Suren“ des Korans an, deren Bedeutung nach islamischer Vorstellung kein Mensch kennt und kennen kann, weil nur Gott sie angeblich verstehen könne. Sie bleiben aber im Koran, weil auch sie als heilig gelten, zumal auch sie gemäß islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben. Überschlagsmäßig gerechnet, bedeutet dies dennoch, dass den Menschen vorerst rund 61’600 Wörter aus dem Koran verbleiben, mit denen sie überhaupt etwas anfangen könnten. Das sind dann nur noch rund 8,5% des Umfangs der Bibel!

Es kommt hinzu, dass sich Suren in einigen Fällen inhaltlich widersprechen. Vielfach wird eine frühere Sure aus Mekka durch eine spätere Sure aus Medina aufgehoben, oder umgekehrt. In theologischer Hinsicht folgt man bei einer solchen Konstellation der Regel, die im Koran in Sure 2, Vers 106 vorgeschrieben ist:

„Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen [nansach] oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist.[…]“

Dieses koranische Gebot, das mit dem Fachbegriff Abrogation beschrieben wird, führt dazu, dass eine frühere Sure materiell aufgehoben wird, d.h. sie gilt nicht mehr und wird von der „neueren“ Sure ersetzt. Formell verbleibt die aufgehobene Sure aber weiterhin im Koran. Ich kann nicht sagen, wie viel der Koran durch die Abrogation noch zusätzlich an materiellem Inhalt verliert. Es sollte aber klargeworden sein, dass damit der Koran wegen seines geringeren Umfangs und den vorgenannten Gründen wesentlich weniger Inhalt vorweisen kann als die Bibel. Dem kann zwar entgegengehalten werden, dass die Bibel Wiederholungen enthält. Solche sind im Koran aber ebenfalls vorhanden.

Nachdem der Leser nun eine Vorstellung über den Umfang des Korans haben sollte, dürfte er nachvollziehen können, dass ein Buch von dieser Größe keinesfalls sämtliche Regeln beinhalten kann, die es in einer Gesellschaft überhaupt geben kann. Mit anderen Worten wäre ein allumfassendes System wie die Scharia allein auf der Grundlage der Primärquelle Koran nicht möglich. Weshalb sich eine solche allumfassende Gesellschafts- und Rechtsordnung im Islam überhaupt aufdrängt respektive aufgedrängt hat, geht theologisch auf die beiden nachfolgenden Stellen im Koran zurück.

Sure 3, Vers 32:

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

 Sure 33, Vers 21:

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Damit wird den Menschen befohlen, einerseits den Geboten sowie Verboten des Korans und andererseits den Geboten und Verboten des Propheten zu gehorchen. Ferner sollen die Menschen das vorbildliche Verhalten des Propheten kopieren. Der gläubige Muslim folgt damit den Geboten und Verboten des Korans und folgt der Sunna des Propheten, wie dieser Vorgang auch bezeichnet wird. Indem er beides tut, führt er ein gottgefälliges Leben. Wie der Muslim ein gottgefälliges Leben führen kann, beantwortet ihm die Scharia, d.h. die Gesamtheit dieser Rechtsquellen inklusive die Methode der Rechtsfindung. Da der Koran nach islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben soll, kann es freilich nicht sein, dass die darin enthaltenen Gebote und Verbote auch jene umfassen, die vom Propheten stammen. Beim Koran spricht ja Gott in direkter Rede und nicht etwa der Prophet. Es ist daher geradezu zwingend, dass es für die Sunna des Propheten, welcher der Gläubige folgen soll, andere Quellen geben muss, die sich logischerweise nur außerhalb des Korans befinden können. Das heisst also, dass die beiden Koranstellen, die ich vorhin zitiert habe, gewissermaßen als Anknüpfungspunkt dienen, um ausserkoranische Sekundärquellen, die das vorbildliche Leben des Propheten sowie seine Taten, Befehle, Gebote und Unterlassungen enthalten, Teil der islamischen Glaubenspraxis zu machen. Bei diesen ausserkoranischen Quellen, die teilweise kanonisch sind, handelt es sich in erster Linie um die Hadithe sowie um die Sira.

Wie der große Doyen der Islamwissenschaften, Ignaz Goldziher, halte auch ich sämtliche Hadithe, die mindestens 200 Jahre nach den angeblichen Ereignissen, die sie beschreiben, schriftlich niedergelegt wurden, für nachkoranische Erfindungen. Die Hadithe, die mehrere hunderttausendfach überliefert wurden und deren Authentizität mittels zweifelhafter wissenschaftlicher Methoden ermittelt wurde, worauf ich weiter unten eingehen werde, widerspiegeln daher keineswegs Befehle und Verhaltensweisen eines arabischen Propheten Mohammed zu dessen Lebzeiten sondern soziale, rechtliche und religiöse Vorstellungen der Gesellschaften, in denen die Hadithe verfasst wurden und zwar genau jene Vorstellungen, die dort zum Zeitpunkt der Niederschrift der Hadithe galten. Damit sich die Leserin oder der Leser vorstellen kann, wie weit sich die entsprechenden Verfasser zeitlich und geographisch zu den angeblichen Ereignissen um einen arabischen Propheten Mohammed, der angeblich zwischen 570 und 632 auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens gelebt haben soll, befinden, möchte ich nachfolgend lediglich die sechs kanonischen Hadith-Sammlungen des sunnitischen Islam aufzählen, mit Angaben darüber, wann der jeweilige Verfasser gelebt hat und wo er jeweils geboren wurde.

Gemäß Vorstellung der islamischen Tradition sollen die auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens entstandenen Hadithe, bevor sie zu den vorgenannten Autoren gelangten, mehrere hunderttausendfach mündlich von Person zu Person weitergereicht worden sein und hätten damit schon vor ihrer Niederschrift existiert. Eine solche Behauptung ist nicht nur aus zeitlicher und geographischer Perspektive völlig absurd. Sie bedeutet gleichzeitig, dass die ersten Muslime in einer Gesellschaft von fleißigen Auswendiglernern gelebt hätten – ähnlich wie in Ray Bradburys Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“ – wenn diese Vorstellungen der Realität entsprechen würden. Die frühen Muslime, denen damit die Eigenschaft von lebenden Datenträgern zugeschrieben wird, hätten nicht nur tausende von Hadithen auswendig gelernt, welche profanste Lebenssituationen des Propheten betrafen, wie etwa, dass er Honig mochte, sondern – wie bereits oben erwähnt – auch den Korantext und sie hätten beides zunächst mündlich an andere weitergegeben und dabei stets streng unterschieden, was Koran und was Hadith-Überlieferung war.

Die Personen, die sich die Hadithe angeblich mündlich weitergereicht haben sollen, spielen sodann eine sehr wichtige Rolle dabei, ob ein Hadith sahih (höchster Grad an Vertrauenswürdigkeit eines Hadith) ist, was etwa eine Voraussetzung für die Aufnahme in die heiligste kanonische Hadith-Sammlung des sunnitischen Islam, Sahih Bukhari, war. Denn um sahih zu sein, müssen die Personen in der Überlieferungskette (sog. isnad) und die Überlieferungskette selbst vertrauenswürdig sein. Nebst der wichtigsten Voraussetzung für einen Hadith, die darin besteht, dem Koran nicht zu widersprechen, spielt für die Vertrauenswürdigkeit eines Hadith einzig die vorerwähnte Vertrauenswürdigkeit der Personen in der Überlieferungskette eine Rolle, um sie von hunderttausenden von anderen Hadith-Quellen zu unterscheiden. Dass auch die Überlieferungskette in ihrer Gesamtheit erfunden sein könnte, wovon meines Erachtens ausgegangen werden kann, ist im Islam nicht wirklich ein Thema.

Das bedeutet, dass bei jedem Hadith zunächst die Überlieferungskette erwähnt wird, bevor der Text anfängt. Das funktioniert praktisch so:

A hat von B gehört, der seinerseits von C gehört habe, der von D vernommen habe, (…), wonach X den Gesandten Allahs gehört habe, wie er dieses und jenes gesagt hat, als dies und das geschah.

In inhaltlicher Hinsicht sind in den Hadithen einerseits Lebenssituationen zu finden, die in erster Linie den Propheten als Hauptperson haben. Die in den Hadithen enthaltenen Verhaltensweisen des Propheten, dessen Gebote und Verbote sind dann für den Gläubigen Maßstab für eigenes Verhalten. Praktisch wichtig sind insbesondere auch Hadithe, welche konkrete Situationen umschreiben, bei denen die Suren des Korans offenbart worden seien. Damit wird ein Kontext zwischen dem im Hadith beschriebenen Ereignis und der Offenbarung der Sure hergestellt, was dem Textverständnis des Korans dient. Oft werden Suren erst durch diesen Kontext, der durch einen Hadith hergestellt wird, überhaupt verständlich. Angesichts der Tatsache, dass sämtliche Hadithe spätere Erfindungen darstellen, kann man sich vermutlich nun auch vorstellen, dass auch dieser Kontext erfunden ist und der Korantext ursprünglich wohl ganz etwas anderes aussagte, als dies von der Tradition angenommen wird. Nebst dem Koran und den Hadithen gibt es noch eine dritte Quelle der Scharia. Bei der sogenannten Sira handelt es sich um eine theologische motivierte Lebensgeschichte des Propheten, die kanonisch ist und die ebenfalls durch Isnad-Ketten überliefert ist. Die Sira bietet eine weitere Möglichkeit, um das Verhalten des Propheten zu kopieren. Schließlich sind die wichtigen Kommentare zu nennen, Koran-Kommentare, wie der von Tabari, oder Kommentare anderer Quellen.

Anhand dieser Quellen für die Scharia-Praxis können sogenannte fatwas ausgesprochen werden, die ihrerseits eine Quelle für die Scharia-Praxis sein können. In der Regel wird eine fatwa mit dem deutschen Begriff „Rechtsgutachten“ übersetzt, was natürlich zutrifft. Allerdings ist in diesem Kontext unter dem Begriff Recht etwas wesentlich breiteres zu verstehen. Es geht bei der Scharia bei weitem nicht nur um zivil- oder strafrechtliche Rechtsgutachten, was ich bereits am Anfang angesprochen habe. Vielmehr werden damit oft ganz alltägliche Dinge beantwortet. Von Körperhygiene bis zu den Essgewohnheiten, Fragen rund um die Sexualität, über die Kleidung, über die Art, wie der Bart getragen werden sollte, ob Frauen und Männer genitalverstümmelt werden sollten oder wie Bankgeschäfte verrichtet werden können. Es gibt nichts, was nicht mit einer fatwa beantwortet werden könnte.

Wie umfassend und weitreichend die islamischen Vorschriften sind, die in intimste Bereiche des menschlichen Lebens und damit in die Privatsphäre eingreifen, kann dem nachfolgenden Beispiel über das Zähneputzen entnommen werden. Es gibt offenbar zahlreiche Hadithe, die das Zähneputzen thematisieren. Hier seien nur einige aus dieser Seite zitiert:

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen gehört zur natürlichen Veranlagung (fitra) und zum Monotheismus (Tawhid).“

(Kanz-ul-Ummal, Bd 6, S. 654)

Der Prophet (s) sprach:

Gabriel kam zu mir und sagte:

„Oh Muhammad! Wie sollen wir dir herab gesandt werden, während du dir nicht die Zähne putzt?“

(Bihar Al Anwar, Bd 76, Seite 130)

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen enthält zehn Besonderheiten:

Es macht den Mund wohlriechend, es macht das Zahnfleisch fest, es beseitigt den Auswurf, es verleiht den Augen Glanz, es beseitigt den Zahnschmelz, es ordnet den Magen, es ist die Verfahrensweise (Sunnah) des Propheten (s), es erfreut die Engel, es stellt den Herrn zufrieden und es erhöht die Wohltaten.“

(Kanzul Ummal, Bd. 9, S. 129)

Nun könnten die Befürworter der Volkszahngesundheit dazu angeben, dass dies ja wunderbar sei. Bereits die Scharia empfiehlt den gläubigen Muslimen, dass man sich die Zähne putzen sollte. Daraus folge doch, dass damit die Scharia einen positiven Beitrag dazu leistet, dass Muslime gesunde Zähne haben. Das Problem dabei ist, dass es nicht die Sache der Religion ist und sein kann, im Bereiche der Gesundheit oder der Medizin sachdienliche Tipps zu geben. Was gesund ist und was ungesund, wird durch die Erfahrungswerte bestimmt, die uns die Wissenschaften zur Verfügung stellen und nicht durch eine vormittelalterliche Ideologie. Diese Erfahrungswerte können sich mit der Zeit ändern. Wenn man dies auf die Zahnpflege überträgt, sei lediglich darauf hingewiesen, wie die Formen der Zahnbürsten sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben, wie sehr sich die Zahnpasta verändert hat, die zunächst in Pulverform verkauft wurde und wie sich die Putzmethoden, die von den Zahnärzten empfohlen wurden, in den letzten 50 Jahren veränderten. Die moderne Zahnmedizin vom 21. Jahrhundert lässt sich auch nicht wirklich mit der Zahnmedizin vergleichen, wie wir sie vor 100 Jahren kannten. Da kann der Hinweis, wonach der Prophet seine Zähne mit einem Miswak geputzt habe, nicht wirklich etwas bringen, schon gar nicht, wenn man anfängt seine Zähne mit einem Miswak zu putzen, um damit den Propheten zu kopieren. Das Beispiel der schariakonformen Zahnpflege zeigt, dass nicht rationale Argumente die Zahngesundheit fördern sondern Befehle respektive zu kopierende Verhaltensweisen. Damit ist auch möglich, dass allenfalls irrationale oder schädliche Aspekte in den Lebenswandel einfließen können. Beispiel: Der größte Teil des Vitamin D, das wir Menschen benötigen, wird vom Körper mithilfe des Sonnenlichts selbst hergestellt. Wenn der Körper vollständig verdeckt ist etwa durch religiöse Kleidung, wird dies mindestens nicht so gut gewährleistet wie bei Menschen, die keine religiöse Kleidung tragen.

Abgesehen von dieser möglichen Gesundheitsgefährdung stellt die Scharia auch einen massiven Eingriff in die Freiheit eines Menschen dar und unterwirft diesen einer totalitären Zwangskultur, wenn man bedenkt, dass solche Einmischungen sämtliche Lebensbereiche umfassen und deren Einhaltung von der Glaubensgemeinschaft und von der Familie sichergestellt wird wie beispielsweise das Tragen des islamischen Kopftuches, welches von der Trägerin nicht einfach so abgelegt werden kann. Die Scharia hat eine Meinung darüber, ob Frauen sich mit Pinzetten die Augenbrauen zupfen sollen, eine Meinung darüber, mit welcher Hand man sich den Hintern putzen sollte, wenn man das große Geschäft verrichtet hat; sie bestimmt etwa auch, dass Frauen während des Geschlechtsverkehrs nicht sprechen sollten, weil sonst das gezeugte Kind stottern würde. Die Scharia besagt, dass die Zeugenaussage eines Mannes doppelt so viel wert ist wie die einer Frau, dies weil sie “emotional” sei. Die Scharia sagt den Muslimen, dass sie keine Freundschaften mit Juden und Christen schließen sollen. Auch sagt die Scharia, dass Muslime nach Ablauf der heiligen Monate Ungläubige ermorden sollen, wo auch immer sie diese antreffen. Erwähnenswert ist aber auch, dass die Scharia die Ermordung sämtlicher Juden für die Voraussetzung der Heilserfüllung bei der Apokalypse ansieht. Von der Verweigerung des Handschlags bis zu den Auspeitschungen von Menschen wie Raif Badawi, vom Kopftuch bis zur Burka, vom Züchtigungsrecht des Ehemannes gegenüber seiner Ehefrau bis zur Zwangsverheiratung von Minderjährigen aber auch andere haarsträubende Unzulänglichkeiten des Islam, die uns beschäftigen, haben ihre Grundlage in der allumfassenden Scharia. Eines der wesentlichsten Probleme der Scharia ist genau diese letztgenannte Eigenschaft, welche die Scharia, sofern man es zulässt, dass sie in alle Lebensbereiche durchdringen kann, zu einer totalitären Ideologie macht, die zudem inhaltlich in erheblicher Weise unseren modernen Werten im Westen und unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung widerspricht, diesen Dingen sogar diametral entgegengesetzt ist und diese konkurrenziert und gefährdet. Das ist deshalb keine Überraschung, weil die Idee der Scharia darin besteht, eine ideale islamische Gesellschaft auf der Grundlage der Regeln der Scharia zu begründen und zu gewährleisten, wo diese archaischen Regeln, die aus dem Vormittelalter stammen, vollumfänglich ihre Wirkung entfalten sollen.

Trotz meines Bekenntnisses zu den Grundrechten und damit auch zur Glaubens- und Gewissensfreiheit kann ich es in Kenntnis darüber, wie die Scharia funktioniert und welche materiellen Inhalte sie beinhaltet, niemals billigen, dass diese archaischen und freiheitsfeindlichen Regeln über die Grundrechte Einzug in unsere Gesellschaftsordnungen finden, obwohl sie mit Religion nichts zu tun haben, sondern gesellschaftspolitisch motivierte Maßnahmen darstellen. Freiheit darf niemals dazu dienen, Unfreiheit zu fördern, das ist meine tiefe Überzeugung.

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