Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt

von Hanne Straube

 

Über die Existenz der Familie Ebe erfahre ich durch das Foto, dass die französische Schriftstellerin Olivia Rosenthal dem Journalisten Simon Broll vom Hessischen Rundfunk überlässt. Auf dem Foto stehen acht Personen vor einem Laden mit der Aufschrift „Inhaber A. Ebe Lederwaren“. Es sind, so finde ich später heraus, Vater und Mutter, ihre fünf Kinder und die Verwandte Rosa aus München.

Anlaß für das Gespräch zwischen Simon Broll und Olivia Rosenthal ist, daß die Schriftstellerin, deren Bücher in Frankreich prämiert sind, nach Frankfurt kommen soll. Zwei ihrer Bücher sind für die Buchmesse 2017 mit dem Gastland „Frankreich“ ins Deutsche übersetzt worden. Simon Broll vom HR/FS Kultur und Wissenschaft, will ihr Buch „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“[1]für Arte  vorstellen. Darin schreibt Olivia Rosenthal über die Krankheit Alzheimer, über Erinnerungslücken und die eigene, nicht erzählte Familiengeschichte.

Ein zweites Buch, das ebenfalls zur Buchmesse in Deutsch übersetzt wurde, heißt „Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung“[2]; es thematisiert Nahtoderfahrungen. Um über solche Themen schreiben zu können, hat sie teilnehmend beobachtet.

Beim ersten Kontakt mit dem HR schickt Olivia dieses Foto ihrer Urgroßeltern Ebe mit. Eine Mitarbeiterin des HR erkennt den „Lederwarenladen Ebe“ auf dem Foto als unsere Weinstube. Wir werden angerufen und gefragt, ob wir bereit sind, Olivia Rosenthal bei ihrem Besuch in Frankfurt unser Lokal zu zeigen.

Bei der Ortsbesichtigung erwähnt Simon Broll das Interview, das Olivias Großtante Esther Clifford, geb. Ebe, am 03.11.1996 in Cranbury/New Jersey/USA Irene Dansky von der USC Shoah Foundation gab.[3]  Frau Clifford berichtet in diesem Interview ergreifend über das Leben ihrer Familie, die einst in „unseren“ Räumen lebten.

Für den Filmbeitrag wird Olivia Rosenthal ganz unvorbereitet in die Weinstube geführt und das obwohl sie im Buch schreibt: „Ich werde nicht nach Frankfurt auf Spurensuche nach meinem Urgroßvater gehen.“[4] Ihre Großmutter Regina Ebe, verheiratete Rosenthal, deren Familie sich durch Flucht nach Frankreich im Jahre 1933 hat retten können, habe nicht gerne über die Zeit in Frankfurt gesprochen.[5]

Das Foto, der Bericht ihrer Urgroßtante Esther und die Begegnung mit Olivia, bilden den Anlass, mich auf die Suche nach dem Leben unserer jüdischen Vormieter zu begeben.

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Familie Ebe vor ihrem Laden

Abraham, Selda und ihre fünf Kinder

Abraham Ebe wird am 10.04.1884 in Warschau in Polen geboren. Sein Vater ist Leibu Ebe, die Mutter Rifka Ebe. Bis zum 16. Lebensjahr geht Abraham Ebe in die „Jeschiwa“ (jüd. Lehranstalt), dann macht er eine dreijährige Ausbildung zum Sattler und Portofeuilleur und arbeitet anschließend als Geselle in Warschau.

Im Jahre 1907 heiratet Abraham Ebe Selda, geb. Eyba (in den Dokumenten manchmal auch Eiba genannt), geboren am 02.04.1884 in Warschau in Polen. Ihr Vater ist Hirsch Eiba (in den Dokumenten auch Eyba geschrieben, ihre Mutter heißt Esther Perel Eiba[6]. Esther Ebe wird also nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt.

Am 13.12.1908 wird in Warschau die erste Tochter des Ehepaars Regina(Rywka) geboren, die Großmutter von Olivia.  Am 15.04.1911 kommt ebenfalls in Warschau die zweite Tochter Mary (Sura-Mirjan) zur Welt.

Etwa 1911 zieht die Familie wegen der Pogrome in Polen und der besseren Schulausbildung für ihre Kinder nach Deutschland, zuerst nach Offenbach. Dort wird die dritte Tochter Rosa am 10.08.1914 geboren. Bald übersiedelt die Familie nach Hannover, wo am 07.03.1918 der Sohn Leo (Leibu), benannt nach seinem Großvater väterlicherseits, geboren wird. – In Hannover lebten damals Verwandte, ebenfalls mit dem Nachnamen Ebe; vielleicht ein Grund hierher zu ziehen.

Esther Ebe
Esther Ebe in ihren jungen Jahren

Vom August 1914 bis 1918 wird Abraham Ebe als Zivilgefangener und „feindlicher Ausländer“ in Holzminden interniert, erzählt Esther.[7]– Von 1918 bis 1921 lebt die Familie in München. Hier wird am 05.12.1920 die Jüngste, Esther, geboren.

Die häufigen Umzüge der Familie zeigen, welche Schwierigkeiten für polnische Juden bestehen, sich in Deutschland anzusiedeln. Auch in München können sie nicht lange bleiben. Danach erfolgt, so Regina, ein vergeblicher Versuch in Leipzig aufgenommen zu werden.[8]

1921[9] zieht die Familie nach Frankfurt in die Eckenheimer Landstraße 84.[10]Hier richtet der Vater unten sein Lederwaren-Geschäft, verbunden mit der Werkstatt für die Herstellung und Reparatur, ein. Stolz wird dies auf dem Foto dokumentiert. In den hinteren Räumen lebt die Familie. „Wir hatten eine kleine Wohnung hinter dem Laden mit einer Küche und zwei Zimmern, in denen die Eltern und wir fünf Kinder schliefen.[11]Sie waren nicht wohlhabend, aber die wirtschaftliche Lage ist stabil. Esther schildert das Leben der Familie als bescheiden, aber glücklich, insgesamt mit vielen Besuchen von Verwandten und Bekannten als sehr rege. Auch Weihnachten feierte man und auch nicht jüdische Bekannte kamen zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest.

Im Nordend[12]von Frankfurt leben sie in einem Viertel, in dem jüdische Mitbewohner ihre eigene Infrastruktur einbringen können. Hier befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Laden, nur einige Querstraßen zur Stadtmitte hin, in der Hebelstraße 14-16, das Philanthropin, eine jüdische Schule[13]. Die Synagogen in der Friedberger Anlage und am Börneplatz sind zu Fuß erreichbar.

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Abraham und Selda Ebe mit Tochter Esther

Esther erzählt, dass ihre Eltern sowohl in ein kleineres Gebetshaus für polnische Juden in der Nähe gingen, wie auch in die Synagoge am Börneplatz, die hauptsächlich von deutschen Juden besucht wurde. Dies sieht man in der in deutsch gehaltenen  Einladung zu der Bar Mitzvah-Feier von Leo Ebe, die am 14.3.1931 in der Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main stattfand. – Sie schildert ihre Eltern als orthodox, aber nicht chassidisch. Der Vater ging Freitag abends und Samstag, aber oft auch noch mehrmals in der Woche in die Synagoge.

Die Eltern sprechen zunächst noch Jiddisch, lernen durch die Kinder aber schnell deutsch, erzählt Esther. Zu ihren polnischen Namen erhalten sie deutsche. Selda Ebe heißt auch Sophie, Rywka auch Regina, Sura-Mirjan auch Mary, Rosa auch Rosie, Leibu auch Leo und Esther auch Berta.

Alle Kinder der Familie sind künstlerisch begabt. Leo ist Solist in der Synagoge am Börneplatz. Alle Kinder gehen ins Philanthropin. Die älteste Tochter Regina, die im Alter von zwei Jahren nach Deutschland kam und von 1914 bis 1920 die Volksschule in München besuchte, geht bis zur Erreichung der Reife für die Obersekunda im Oktober 1926 dorthin. Danach arbeitete sie in der Firma Rheine Co. am Blittersdorf Platz in Frankfurt[14]28 als Sekretärin und Übersetzerin für Französisch und Englisch. Ihr Gehalt betrug damals 200,– RM.[15]  – Mary, die zweitälteste Tochter, geb. am 15.04.1911 in Warschau, in der Familie Mariechen genannt, geht nach dem Besuch des Philanthropins in Frankfurt vier Jahre lang in die Hochschule für Kunstgewerbe in Offenbach. – Rosa, die drittälteste Tochter, wurde in der Klenze-Frauen-Schule in München eingeschult. Auch sie besucht das Philanthropin. Zeugnisse aus den Jahren 1923/24, 1924/1925, 1925/26 vom Klassenlehrer B. Schleifer liegen vor. Sie zeigen, dass sie eine exzellente Schülerin war. – Esther ging ab 1926 bis 1933 ins Philanthropin. Sie erzählt, dass die Kinder der Ebe hier gerne gesehen wurden, da die älteste, Regina, eine sehr gute Schülerin gewesen sei, die mehrmals eine Klasse übersprungen habe. – Rosa, Leo und Esther sollen im Philanthropin ihr Abitur  machen.[16]Leo sollte eventuell Medizin studieren[17], vielleicht aber auch Kantor werden.

Die beiden älteren Töchter gehen bald ihren eigenen Weg. Regina heiratet in Frankfurt Willy (Chil) Rosenthal,geb. 10.08.1905 in Balutach, Bezirk Lodz bei Warschau, zunächst am 03.12.1929 amtlich, dann am 25.12.1929 vor dem Gemeinderabbiner. Beide sind Angehörige der israelitischen Religion. Er ist von Beruf Kaufmann und besitzt die Staatsangehörigkeit in Preußen laut Einbürgerungsurkunde des Reg. Präsidenten zu Hannover vom 27.10.1919.[18]

Willy und Regina sind ab dem 03.12.1929 zunächst in der fünf Zimmer Wohnung im Haus seiner Eltern in der Unterlindau 55 gemeldet. 1930 erfolgt dann Reginas Eintritt in das Geschäft ihres Mannes. – Ab 1932 lebt die Kleinfamilie in der Wittelsbacher Allee 66 in einer eigenen Wohnung. Ihr Kind, Hermann Rosenthal, wird am 29.10.1930 in Frankfurt geboren.

Mary, die zweitälteste Tochter, heiratet am 15. Oktober 1935 Arthur Halberstadt in Frankfurt. Er ist am 29. Januar 1899 in München geboren. Gemeinsam mit ihm zieht sie 1935 nach München.

Bereits 1931/32 zieht die Familie Ebe um in die Lenaustraße 93 im Nordend, nur zwei Strassen entfernt. „Nach etwa 10 Jahren, also gegen 1931, verlegte mein Vater dieses Geschäft nach der Lenaustraße.“[19]

 

Die Machtübernahme

 

Nach der Ernennung  Hitlers zum Reichskanzler am 30.01.1933 werden zügig die rassistischen, antisemitischen Pläne durch die Nationalsozialisten durchgeführt. Unter anderem führte dies zu Maßnahmen wie einem Berufsverbot für alle Juden[20]. Am 07.04.1933 wird dann das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedet.[21]Die Lebensbedingungen von Juden und Jüdinnen in Deutschland verändern sich dramatisch.

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Jakob David Rosenthal (Schwiegervater von Regina geb. Ebe) mit seinem Enkel Hermann (Henry) und rechts seine Frau Judith Maria Rosenthal

Jakob David Rosenthal, Reginas Schwiegervater, von Beruf Kaufmann, hatte bereits früh beschlossen, dass, wenn Hitler 1933 an die Macht kommen würde, er mit seiner Familie Deutschland verlassen wird. Er handelt prompt. Von einem Frankreich-Aufenthalt im Mai 1933 kehrt er mit seiner Frau Judith Maria, geb. Kolsky– beide bisher wohnhaft in Frankfurt, beide mit der Staatsangehörigkeit „Preußen“, seinem Sohn Willy Rosenthal, 28 Jahre alt, und seiner Schwiegertochter Regina, 25 Jahre alt, die Älteste der Ebe Kinder, und seinem Enkelkind, Hermann, zweieinhalb Jahre alt, nicht mehr nach Deutschland zurück. (Laut Interview mit Esther Clifford ist auch sein zweiter Sohn mit der Familie mit ausgewandert.)[22]

„Sie emigrierten erst nach Straßburg, doch durch die Nähe zur deutschen Grenze flüchteten sie bald weiter nach Paris. Sie lebten ab 01.06.1933 in Frankreich unter falschem Namen in Domaize. (Departement Puy-de-Dȏme, Region Auvergne-Rhȏne-Alpes).[23]

Abraham und Selda Ebe sind zunächst zuversichtlich. „Niemand glaubte, dass sich dieser Hitler in einem Volk voller berühmter Ärzte, Denker, Komponisten und Schriftsteller lange halten könne. – Mein Vater nannte ihn einen Clown.“[24]

Die Repressalien gegen Juden nehmen zu. Die Veränderung ab 1933 nimmt Esther bedrohlich wahr. Die Verbrennung der Bücher von jüdischen und oppositionellen Schriftstellern hat sie miterlebt, als sie mit ihrer Mutter auf dem Weg zum Einkaufen war. Sie erinnert die Hetzparolen und Karikaturen in der Zeitung „Der Stürmer“ an den Kiosken. An öffentlichen Plätzen steht: „Die Juden sind unser Unglück.“ Die negative Propaganda belastet sie. Sie erinnert alle Demütigungen, die Juden in diesen Tagen angetan werden. Immer mehr macht sich die „Hitlerjugend“ bemerkbar mit Attacken gegen jüdische Kinder. Für Esther ist alles – auch der Gang zur Schule – mit Angst verbunden. Sie lauern den jüdischen Kindern auf, wenn sie aus dem Philanthropin kommen. Sie werfen Steine, wenn jüdische Kinder vorbeilaufen. – Die Situation in der Familie Ebe ist angespannt. Wenn einer zur verabredeten Zeit nicht nach Hause kommt, ist man auf das Schlimmste eingestellt. Als ihr Bruder Leo einmal abends nicht vom Violine-Unterricht zurück kommt, geht Esther sogleich, ihn zu suchen. Sie findet ihn blutig zusammen geschlagen, auf dem Boden liegend, neben ihm die zerbrochene Violine. – Sie erinnert sich an eine Situation in der Straßenbahn, in der sie von Jugendlichen drangsaliert wird. Keiner der Erwachsenen hilft ihr, dem bedrängten jüdischen Mädchen.

Auf einem Markt erlebt sie, dass, als sie ein lebendes Huhn kaufen will, wo sonst Hühner geschlachtet werden,  ihr jemand zuruft: „Eure Köpfe werden bald genauso rollen wie die Köpfe der Hühner.“[25]

Esther sagt, dass ihre Eltern erst 1935 realisierten, wie ernst die Lage war. Nachbarn wurden verhaftet oder verschwanden einfach. Traf man Juden, ging es nur darum, wer, wie und wann Deutschland verlassen könne. Es herrschte Freude, wenn man auf jemanden traf, der ausreisen konnte.

Abraham Ebe musste jährlich eine Erlaubnis einholen, um seinen Beruf als Sattler und Portofeuilleur auszuüben. Ab 1936 bekam er die Erlaubnis nicht mehr. Es fehlte an Geld für das Essen, für die Miete. Die Familie verarmt langsam. Esther verlässt deswegen, aber auch wegen der Übergriffe im Jahre 1935 die Schule; andere Schüler verlassen ebenso die Institution wegen der zunehmenden Aggressionen[26] Allmächlich verlassen alle Kinder das Philanthropin. Rosa hilft der Mutter zu Hause, Leo beginnt eine kaufmännische Lehre, Esther versucht von der Mutter nähen zu lernen.1935 beginnt sie bei einer Hutmacherin auf der Zeil eine Lehre als Putzmacherin. Die Devise der Eltern ist, die Kinder sollten vieles so gut beherrschen, um überall überleben zu können.

Und wieder muss die Familie wegen der finanziellen Notlage umziehen:

„Im Jahre 1936 musste mein Vater sein Geschäft wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte aufgeben. Danach richtete er sich in unserer Wohnung in der Hanauer Landstraße 27 ein Zimmer als Handwerksstube ein und arbeitete inoffiziell weiter, verdiente jedoch nicht genügend zur Bestreitung unseres Lebensunterhalts.“[27]Er arbeitet heimlich in einem Verschlag im hinteren Teil der Wohnung. Nachts brachte er die angefertigten Taschen etc. unter einem weiten Mantel heimlich zu den Auftraggebern, potentiellen Käufern.

Die Auswirkungen des Boykotts der jüdischen Geschäfte schildert Ernest I. Erbesfeld, selbst von den Maßnahmen in 1938 gegen polnische Juden betroffen, 1957 aus New York. „Ich stand mit Herrn Abraham Ebe in geschäftlicher Verbindung. Er besaß in Frankfurt am Main, Lenaustraße,  ein offenes Ladengeschäft für Lederwaren mit anschließender Werkstatt. Er erzeugte unter anderem auch Handtaschen, womit er auch meine Firma I.& E. Erbesfeld, Lederwarenfabrikation, Frankfurt am Main, Zeil, in den Jahren 1934-1936 belieferte. Als er 1936 wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte seinen Laden aufgeben musste, richtete er sich in seiner Wohnung Hanauer Landstraße eine Werkstatt ein und verrichtete Heimarbeit bis zu seiner Ausweisung im Oktober 1938. – Bis 1936 hatte Herr Ebe ein gutgehendes Geschäft. Sein damaliges Einkommen schätze ich auf mindestens RM 6000  jährlich, während er mit der Heimarbeit von 1936-1938 kaum noch die Hälfte verdient haben dürfte.[28]

Viele Juden versuchen, Deutschland zu verlassen. Auch die Eltern Ebe denken, so erzählt Esther, an eine Emigration in die USA. Leo brachte ein New Yorker Telefonbuch aus dem Jahre 1937 mit. Sie suchten nach jüdischen Namen und schrieben diese an, mit der Bitte um ein Affidavit.[29]  Leo scherzte, dass die Mutter dann in USA einmal „Mrs. Ibi“ heißen würde.

 

Die „Polenaktion“

Am 29.10.1938 werden im Rahmen der „Polenaktion“[30]die fünf noch in Frankfurt lebenden Mitglieder der Familie Ebe – Abraham und Selda, die Kinder Rosa, Leo und die jüngste Tochter Esther – morgens um fünf Uhr durch die SS abgeholt. Es klopfte: „Anziehen, mitkommen“, erzählt sie. Sie werden auf einem Lastwagen abtransportiert. Zunächst werden sie in eine Zelle gesperrt, in dem bereits viele weitere polnische Juden sind. Abends werden sie zum Bahnhof gebracht und in einen Zug verfrachtet. Im Zug werden sie mit weiteren Juden und Jüdinnen bis kurz vor die polnische Grenze nach Zbąszyń /Bentschen gebracht. Zum Zeitpunkt der Deportation sind Abraham und Selda Ebe circa 54 Jahre, Rosa 24, Leo 20 und Esther 18 Jahre alt.

In Sechserreihen werden circa 1500 polnische Juden unter den Befehlen der SS zur polnischen Grenze getrieben. Alle müssen ihre Identitätspapiere oder Pässe bereit halten. Die Männer hatten zusätzlich Israel, die Frauen Sara vor ihrem Nachnamen eingetragen. An der Grenze wird Esther von dem Rest der Familie getrennt. Ihr Vater und ihre Mutter intervenieren und wollen zeigen, daß Esther mit auf dem Papier ihres Vaters steht. Doch niemandem interessiert das. Sie muß sich mit erhobenen Armen mit dem Gesicht zur Wand stellen und hört nur noch die sich entfernenden Schritte ihrer Angehörigen, die wegmaschieren müssen. Mit circa 50 weiteren polnischen Juden wird sie etwas später in eine ehemalige Synagoge gebracht, die zum Gefängnis umgewandelt wurde.[31]Deutsche Juden aus der Umgebung kommen und versorgen sie mit Nahrung. Nach einigen Tagen helfen ihr einige jüdische Jugendliche. Sie zeigen ihr, dass das Tor offen steht. Sie kann mit ihrer Hilfe zum Bahnhof entkommen und kehrt mit dem Zug nach Frankfurt zurück. – Erst später erfährt sie, daß bald darauf auch die anderen polnischen Juden aus der Synagoge nach Frankfurt zurückgeschickt werden. Polen hatte die Grenze geschlossen und keine weiteren polnischen Juden mehr hineingelassen.[32]

Die Situation erklärt Esther im Antrag auf Entschädigung für ihren in der Deportation verschollenen Vater:„Auf Grund eines Ausweisungsbefehls des Polizeipräsidiums Frankfurt wurde mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Rosa, mein Bruder Leo und ich selbst am 29.10.1938 nach Polen abgeschoben. Da ich wegen Minderjährigkeit noch keinen Pass besaß, wurde ich nicht über die Grenze gelassen und wieder nach Frankfurt zurückgeschickt.“[33]

Esther sieht nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt, daß die Wohnung versiegelt ist. Ein christlicher deutscher Nachbar hilft ihr in die Wohnung zu kommen. Sie gibt ihm einige Gegenstände aus der Wohnung und bekommt dafür Geld von ihm. Esther sieht dort noch die Teetassen stehen, in denen ihnen die Mutter vor der Deportation Tee einschenken wollte. Sie macht kein Licht an, versteckt sich voller Angst in der Wohnung. Esther begreift, dass sie nun auf sich allein gestellt ist. Alle Entscheidungen hat die 18jährige jetzt selbst zu treffen.

Ende 1937 hatte sie eine Ausbildung als Hutmacherin im Geschäft von Frau Friedmann auf der Zeil begonnen. Sie sucht sie auf. Frau Friedmann umarmt sie herzlich. Sie hat sich schon Sorgen um Esther gemacht, da diese nicht mehr zu Arbeit gekommen war. Sie findet bei ihr für einige Tage Unterschlupf. Sie kehrt dann aber wieder in die Wohnung zurück.

Ihre ältere Schwester Regina ist zu dieser Zeit 30 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie Rosenthal in Frankreich. Mary, ihre zweitälteste Schwester, circa 27 Jahre alt, lebt seit 1935 mit ihrem Mann Arthur Halberstadt in München. – Voller Angst übernachtet Esther in Frankfurt dann manchmal bei Bekannten, manchmal in der Wohnung.

In Frankfurt erlebt Esther einige Tage später in der Nacht vom 09. auf den 10. Oktober 1938 die Kristallnacht.[34]Durch den Lärm der zersplitternden Fenster und dem Gegrölle auf den Strassen wacht sie auf. Überall fliegen Steine in die Fenster jüdischer Wohnungen und Häuser. Sie läuft auf die Straße, sieht wie Juden auf Lastwagen abtransportiert werden. Sie sieht, daß die Synagoge in der Friedberger Anlage („die Breuer Synagoge“) in Flammen steht. Sie läuft durch die Kaiserstraße direkt zum Bahnhof. Überall die gleichen Bilder. Auch hier sieht sie, wie jüdische Ladenbesitzer zusammengetrieben und auf Lastwagen abtransportiert werden.

Esther, 18 Jahre alt, rennt zum Ende der Kaiserstraße direkt zum Bahnhof und flieht in ihrer Not zur Schwester Mary nach München. Doch auch in Münchenempfängt sie die gleiche Zerstörung. Auch hier hatte man gewütet. Eine Woche bleibt sie bei ihrer Schwester. Mary und ihrem Mann ist es gelungen, zwei Überfahrten nach Shanghai zu erstehen. Sie sind bereits dabei, die Wohnung aufzulösen und zu packen. Für Esther können sie keine Passage mehr bekommen. Da Esther sich in München nicht auskennt, will sie nicht hier bleiben und fährt nach Frankfurt zurück. Manchmal übernachtet sie dort bei ihrer Freundin Hertha Hahn. – Auch der Familie Hahn wurden am 9. November die Scheiben eingeschlagen. – Manchmal ist sie in der Wohnung der Eltern.

„Bei der plötzlichen Abschiebung nach Polen am 29.10.1938 wurde meinen Eltern keine Zeit gelassen, ihre Wohnungseinrichtung, bestehend aus vier Zimmern und einer Handwerksstube, zu liquidieren, sondern sie mussten sie im Stich lassen. Als ich dann im November 1938 allein wieder nach Frankfurt zurückkehrte, fand ich die Wohnungseinrichtung noch vor und ging daran sie aufzulösen. Ich verpackte Gebrauchsgegenstände in fünf Kisten (worüber Abschriften der seinerzeit aufgestellten Verzeichnisse hier beigefügt sind) und stellte sie beim Spediteur Anton C. Kiel, Frankfurt am Main, Gartenstr.15 unter, in der Absicht, sie später meinen Eltern nachzuschicken.

Hingegen wollte ich die Möbel und Einrichtungsgegenstände unserer Wohnung an Ort und Stelle verkaufen, da ich Geld zum Leben brauchte. Als jedoch die Behörden von meinem Vorhaben erfuhren, riefen sie mich zu sich und zwangen mich, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich die Wohnungseinrichtung freiwillig im November 1938 abtrete.“[35]

Anfang 1939 gelingt ihr dann mit dem bereits vorliegenden Visum ihrer Freundin Hertha Hahn, das auf sie umgeschrieben wurde, die Ausreise nach England. – Die letzte Adresse Esthers in Frankfurt ist die Telemannstraße 20; wahrscheinlich die Adresse der Familie Hahn[36].- Die Mutter von Hertha wollte ihre Tochter nicht alleine ausreisen lassen, sondern lieber auf die Einladung der Verwandten – und damit für ein Familienvisum – aus London warten.

Von London muss Esther sofort nach Brighton reisen, wo sie als Dienstmädchen in einer englischen Familie arbeitet. Erst nach acht Monaten kann sie in London die Verwandten der Familie Hahn aufsuchen, um diese zu bitten, ihnen ein Familienvisum zu schicken. Doch zu spät. Dass ihre Freundin, der sie das Leben verdankt, mit ihrer Familie bereits 1941 deportiert und später umgebracht wurde, erfährt Esther später.[37]

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Leo und Rosa Ebe nach der Deportation – Fotos aus Polen

Aus den Deportationslisten geht hervor, dass mit der Familie Ebe viele Verwandte von der „Polenaktion“ betroffen sind, darunter die Verwandten mit den Nachnamen Ebe in Hannover.[38]Ebenso wird die am 04.01.1920 geborene verwandte Hanni Ebe, deren Aufenthaltsort während des Krieges das in Bayern befindliche Konzentrationslager Flossenbürg genannt wird, bis heute als verschollen genannt.[39]

In London lernt Esther Rudi Kleczewski kennen, der seit 1944 in der britischen Armee dient. Ursprünglich kommt Rudi aus Berlin; auch er ist jüdisch.[40]

 

Nach der Deportation

 

Was nach der Abschiebung der Familie Ebe nach Polen geschah, beruht auf Kurznachrichten, vermittelt durch das Rote Kreuz. „Nach einem kurzen Aufenthalt im Flüchtlingslager Zbączyń (Bentschen) begaben sich meine Eltern, meine beiden Geschwister nach Warschau, wo sie anfangs bei Verwandten wohnten.“[41]„Als Wohnsitz oder dauernder Aufenthalt bei Beginn der Freiheitsentziehung oder der Freiheitsbeschränkung“ wird in den Entschädigungsakten „Falenica bei Warschau, Ulica Wiesjka 11/Kreis Warschau, Polen genannt.[42]

Am 01.09.1939 erklärt Deutschland Polen den Krieg. Mit dem 04.09. beginnt der Einmarsch der Deutschen nach Polen. Das „Feindbild des polnischen Staates in der nationalsozialistischen Propaganda (bestand) aus vier Aspekten, nämlich staatlichen, nationalen, rassischen und biologischen.“ Die polnische Bevölkerung hielt man für „rassisch minderwertig“ und „verjudet“.[43]„Die polnische Überbevölkerung bedrohe das Deutsche Reich mit ihrer Minderwertigkeit.“ Brutales Vorgehen und größte Härte bei der Besetzung waren gefordert. „Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs gab es in Polen ungefähr 3.474.000 Juden, was fast 10 % der Gesamtbevölkerung entsprach. Die erste Terrorwelle vom September/Oktober 1939 galt nicht in erster Linie der jüdischen Bevölkerung, sondern der polnischen Intelligenz. Trotzdem wurden nach Schätzungen allein bis zum Jahreswende 1939 bis zu 7000 Juden Opfer der Einsatzgruppen.“[44]

Um die jüdische Bevölkerung besser kontrollieren zu können, wurden sie alsbald in den eroberten Städten in Ghettos konzentriert. Im Oberschlesischen Będzin (Landkreis Bendsburg), in dem viele Verwandte der Familie Ebe  in der Gartenstraße 19 lebten, bestand eine große jüdische Gemeinde.[45]Über das, was mit diesen Verwandten der Familie Ebe nach 1939 geschah, liegen ebenfalls keine Nachrichten vor.[46]

Nach und nach wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in die Ghettos der größeren Städten konzentriert. Am Ende des Jahres 1941 wurde schließlich beschlossen, die jüdische Bevölkerung noch vor Ort zu vernichten. Das erste Vernichtungslager war Kulmhof, später folgten Belzec (März 1942), Sobibor (Mai 1942), Auschwitz-Birkenau (Juni 1942), Treblinka (Juli 1942) und Majdanek (September 1942). Sechs der sieben Vernichtungslager befanden sich auf polnischem Boden.[47]

Das Warschauer Ghetto bestand vom Oktober 1940 bis Mai 1943. „Bereits am 2. Oktober befahlen die Deutschen allen jüdischen Einwohnern der Stadt innerhalb von sechs Wochen den Umzug in ein Gebiet westlich vom Zentrum. Dort mussten die nichtjüdischen Bewohner ihre Wohnungen verlassen. Das Warschauer Ghetto wurde ab der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 in der Folgezeit mit einer 18 Kilometer lange und 3  Meter hohen Umfassungsmauer abgeriegelt…“[48]

Circa 450.000 Jüdinnen und Juden waren hier teilweise interniert. „Das Warschauer Ghetto wurde von den Besatzern wiederholt brutal verkleinert und bei den verbliebenen Ghettobewohnern, die oft den Verlust der gesamten Familie, von Verwandten und Freunden zu beklagen hatten, wuchsen Unsicherheit und Bedrohung von Tag zu Tag.“[49]

Die Mitglieder der Familie Ebe, Bewohner von Falenica, Warschau, kamen bald ins Ghetto. Genaue Daten liegen nicht vor. „Sie wurden alle ins Ghetto in Warschau überführt, aus dem ich noch bis Juli 1942 durch Vermittlung eines Vetters in der Schweiz Nachrichten von meinen Angehörigen erhielt. Dann hörte jede Verbindung auf.“[50]

Durch diesen Vetter, Josef Nasilewicz im Internierungslager in der Schweiz, erhält Regina von ihren Eltern und Geschwistern Nachrichten. – Zwei Postkarten sind in den Akten aufbewahrt und werden bei den Entschädigungsanträgen als Beweise vorgelegt.

Die erste Karte vom 19. Mai 1941 enthält die Bitte Willy Rosenthal aus Clermont-Ferrand, 13 Boulevard Jean Jauras, Pay-de-Dȏme an die Verwandten, sich über das Rote Kreuz zu melden:

„Warum keine Nachricht. Antwortet sofort durch Rotes Kreuz. Wie geht es Mama, Papa, Rosi, Leo. Bei uns alles in Ordnung und gesund. Willy, Regina, Henri“

Als Empfänger ist Ebe, Ulica Wiejska 11, Falenica, Kreis Warschaugenannt. – Auf der Karte steht die Bitte, die Mitteilung an den Antragsteller zurückzusenden.

Die Antwort aus Falenica, datiert vom 13. August 1941, lautet:

“Bei uns alles in Ordnung und gesund. Sehe zu uns über Paris etwas zu senden. Habt ihr zu leben? Antwortet uns sofort. Küsse von Allen„

Auf einer Militärpostkarte antwortet der Cousin Josef Nasilewicz  aus dem Internierungslager Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz, am 07.09.1942:

 

„Liebe Regina,                                                               

Zum neuen Jahr wünsche alles beste,, möge bald der ersehnte Frieden einkehren und das wir uns in Freude sehen. Heute  erhielt ich einen Brief, den ich an Deine Mutter geschrieben habe, retour, mit der Bemerkung „Empfänger verzogen unbekannt“. Bin sehr besorgt um meine Angehörigen, da ich seit 3 Wochen kein Schreiben hatte. Sonst bei  mir kein neues. Hoffe dass meine Zeilen Dich bei bester Gesundheit antrifft. Grüße herzlich Josef.

Camp d‘ internement militaire

Biasca Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz

 

„Die „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main“, teilte auf Anfrage mit, dass die Verfügung für alle Juden im Ghetto zu leben, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen erlassen wurde und dass ab 19.02.1940 die Verpflichtung zum Tragen des Judensterns bestand. Ferner, dass die Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 bis Anfang Mai 1943 stattgefunden hat.“[51]

Über den Verbleib der vier Angehörigen der Familie Ebe ist nichts mehr zu erfahren. Die Auflösung des Warschauer Ghettos wurde systematisch ab Juli 1941 durchgeführt.[52]Entweder sind sie bereits im Warschauer Ghetto umgebracht worden, an Hunger oder an Krankheiten verstorben, oder sie wurden von dort direkt nach Treblinka oder Majdanek transportiert.[53]Diese Vernichtungslager wurden ab Ende 1941 errichtet, um die jüdische Bevölkerung direkt vor Ort töten zu können.

Möglich ist auch, dass sie noch bis zum Ende im Ghetto überlebten. „So lebten Anfang 1943 offiziell  noch etwas mehr als 40.000 Menschen im Ghetto. Historiker gehen jedoch von weiteren bis zu 30.000 illegalen Ghettobewohnern aus.“

Wann und unter welchen Umständen die vier Angehörigen gestorben oder ermordet worden sind, wird niemals geklärt werden.

In den Akten der Entschädigungsbehörde wird als Beginn der Freiheitsberaubung der Familie Ebe der 19.02.1940 angenommen, denn ab dieser Zeit mussten sie den Judenstern tragen. Als Todeszeitpunkt wird der 31.07.1943 festgelegt: die endgültige Auflösung des Ghettos.

Zu dieser Zeit ist Regina mit ihrer Familie schon seit geraumer Zeit in Frankreich untergetaucht. Dort lebten sie nach kurzen Aufenthalten in Straßburg und Saint-Dié in Clermont-Ferrand unter dem Namen „Robert“. Nachdem die Vichy-Regierung auch dort Jagd auf Juden machte, wurden sie durch den katholischen Pfarrer von Domaize in dem Weiler Bertignac in einem verlassenen Forsthaus versteckt, wo sie unter schlimmsten Bedingungen bis Mitte 1944 August lebten.Ihr kleiner Sohn Hermann wird als „Henri Robert“ von diesem Pfarrer bei einem Bauern namens Guillaumont in Domaize untergebracht. So konnten sie einer Deportation entgehen.[54]

 

Nach 1945

 

Nach dem Krieg lebt Regina und Willy Rosenthal unter schwierigen finanziellen Verhältnissen weiterhin in Frankreich, in Paris.[55]IhrSohn Hermann (Henri), geb. am 29.10.1930 in Frankfurt am Main, wird Ingenieur und wird als Vater von zwei Kindern genannt. Er hilft seinen Eltern, die sich lange in einer schwierigen finanziellen Situation befinden.[56]Auch heute lebt er weiterhin in Paris. Seine Mutter Regina Rosenthal ist am 11.11.2002 verstorben. Seine Tochter Olivia, die Urenkelin der Familie Ebe, ist Professorin für Kreatives Schreiben in Frankreich. – Als Dank für seine Hilfe für die Familie Rosenthal wird an den katholischen Pfarrer aus Clermont-Ferrand in Jad Vashem/Israel erinnert.

Esther und ihr Ehemann Rudi Kleczewski – bereits in England umbenannt in Clifford – emigrieren 1948 in die USA, nachdem ihre Schwester Mary mit Ehemann Arthur Halberstadt bereits 1947 von Shanghai aus in die USA eingewandert sind.

Der Sohn von Esther Clifford, geb. Ebe, heißt Allen Clifford, geboren in 1957; er ist seit 1981 verheiratet mit Ellen Menachem. Ihre Enkelin heißt Laureen, geb. 1978 in New Jersey, ihr Enkel heißt Justin, geb. 1989 in New Jersey.

Esther Clifford, geb. Ebe, die jüngste der Familie, lebt mit 98 Jahren 2018 in einem Pflegeheim in New York/USA.

 

Interview Esther Clifford für die Shoah Foundation

 

[1]Rosenthal, Olivia, 2017a: „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“, Verlag Ulrike Helmer, Sulzbach.

[2]Rosenthal, Olivia, 2017b: „Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung“, Verlag Matthes und Seitz, Berlin..

[3]https://www.youtube.com/watch?v=aDlykHcHp0AInterview mit Esther Cliffordvom 03.11.1996 von Irene Dansky in Cranbury/New Jersey/USA in Englisch durch die USC Shoah Foundation aufgenommen.

[4]Rosenthal, Olivia, 2017a: 127.

[5]Mündliche Auskunft von Olivia Rosenthal am 11.10.2017 während ihres Aufenthaltes in Frankfurt zur Buchmesse.

[6]Das Foto der Urgroßmutter Esther Perel Eyba befindet sich im Besitz  von Esther Clifford. Sie zeigt die geretteten Fotos und Dokumente am Ende des durch die USC Shoah Foundation aufgenommenen Interviews.

[7]Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford: „Schilderung der Verfolgung Abraham Ebes“ vom 13. 06.1957 in Akte  518, 55556, S.13. – Holzminden war ein Internierungslager von 1914 bis 1918 in Niedersachsen und hatte bis zu 10.000 Gefangene.

[8] Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 89033.

[9]  Siehe Fußnote 7.

[10]„Es liegt eine Bescheinigung vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt/Polizeipräsidium vor, dass Regina Rosenthal am 01.08.1922 von München kommend, zuletzt am 22.12.1929 in der Eckenheimer Landstraße gemeldet war.

[11]Siehe Fußnote 3.

[12]Zur Beschreibung des Viertels siehe:Zehn Rundgänge.Hrsg.: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. (Hrsg.) Band 1.2. durchgesehene Auflage 2017. S. 74 ff. Verlag Brandes & Apsel.

[13]  https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) Das Philanthropin war eine der Schulen der ehemaligen israelitischen Gemeinde. Es bestand von 1804 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942. „Mit bis zu 1000 Schülern war es die größte und am längsten bestehende Schule in Deutschland.“  – Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist es Sitz der I. E. Lichtigfeld Schule, einer Grundschule mit Gymnasium der 1949 wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde Frankfurts.

[14]Heute Francois-Mitterrand-Platz.

[15]Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten im Antrag Regina Rosenthal auf Entschädigung. Akte Regina Rosenthal, geb. Ebe (HHStAW, 518, 89033 S. 91-93.

[16]  https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main): „Ab 1928 war es möglich, die Schule vom Kindergarten bis zum Abitur zu besuchen.“

[17]Siehe den Brief von Willy Rosenthal an Rechtsanwalt Dr. Norbert Volmer/Wiesbaden in Akte Leo Ebe HHStAW, 518, 55557.

[18]Erst ist er in Offenbach gemeldet, dann in Hannover, dann in Frankfurt.

[19]Vgl. Fußnote 7.

[20] https://de.wikipedia.org: „Als Judenboykott bezeichneten die Nationalsozialisten den Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933, in ganz Deutschland durchführen ließ.“

[21]  https://de.wikipedia.org:„Es erlaubte den neuen Machthabern jüdische und politische missliebige Beamte aus dem Dienst zu entfernen.“

[22]Vgl. Fußnote 3.

[23]Vgl. Fußnote 3.

[24]  Vgl. Fußnote 3.

[25]  Vgl. Fußnote 3.

[26]1942 wurde das Philanthropin durch die Nationalsozialisten geschlossen.

[27]  Vgl. Fußnote 3.

[28] Eidesstattliche  Erklärung  Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957 in Akte HHStAW, 518, 55556.

[29]Vgl. Fußnote 3.

[30]https://de.wikipedia.org: „Als Polenaktion bezeichnete man die Ende Oktober 1938 auf Anweisung Heinrich Himmlers und in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt kurzfristig durchgeführte Verhaftung von mindestens 17.000 im Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden und ihre Ausweisung und Verbringung an die polnische Grenze. Die Abschiebung erfolgte gewaltsam und kam für die Betroffenen völlig überraschend. Herschel Grynszpan, dessen Eltern betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmit-

arbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb, was wiederum Anlass für die Novemberpogrome 1938 war.“

[31]Dasselbe erzählt eine damals 16jährige Jugendliche aus Frankfurt, die  in 2017 für die Stolpersteinlegung der Initiative Frankfurt am Main e.V. unter dem Namen Bendkower in Frankfurt weilt. (siehe youtube)

[32]Vgl. Fußnote 3.

[33]Vgl. Fußnote 7.

[34]https://Reichskristallnacht: „Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichen Antisemitismus zur Existenzbedrohung für die Juden im ganzen Deutschen Reich. Entgegen der NS-Propaganda waren sie keine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung des deutschen Diplomaten durch einen Juden. Sie sollten vielmehr die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen planmäßig beschleunigen, mit der auch die deutsche Aufrüstung finanziert werden sollte. Der Zeitpunkt der Pogrome hing eng mit Hitlers Kriegskurs zusammen.“

[35]Vgl. Fußnote 7.

[36]Information durch Hartmut Schmidt/Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. zu Hahn. Fußnote 37.

[37]Information Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. vom 01.10.2017: Hahn, Hertha, Herta (Freundin von Esther Ebe), geb. Am 09.03.1922 in Frankfurt am Main./Fechenheim; ledig. Ihre Eltern waren (vermutlich) die Mutter Hahn, Recha (Rosa) geb. Hamburger, am 17.10.1892 in Langenselbold, wohnhaft in Frankfurt, und der Vater Hahn, Gustav, geb. 11.09.1886 in Frankfurt. – „Der Vater war Inhaber eines Schuhgeschäfts. Die Firma wurde vermutlich verfolgsbedingt zum 13. Mai 1938 eingestellt. Die Flucht in das Exil scheiterte, obwohl die Beträge für die Beförderung des Lifts und die Schiffskarten bereits bezahlt waren. Zwangsweise Entrichtung der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 11.500 Reichsmark und der „Dego-Abgabe“ in Höhe von 900 Reichsmark durch die Eltern. Frankfurter Adressen ab 1928 im eigenen Haus Überlinger Weg 11, später Alt Fechenheim 105, zuletzt Telemannstraße 3 oder 20.“ Verschleppung aller ab Frankfurt am Main am 20.10.1941 bei der ersten großen Deportation nach Litzmannstadt (Lodz), in dasGhetto.  Dort stirbt sie und ihre Mutter unbekannten Datums. „Ihr Vater kam nach neuneinhalb Monaten in Lodz ums Leben.“

[38]Aus den Deportationslisten geht hervor, dass in Hannover verschiedene Menschen mit dem Nachnamen Ebe lebten, also eine „Hannoveranische Verwandtschaft“ existierte. Sie wurden ebenfalls am 28.10.1938 im Rahmen der „Polenaktion“ nachZbąszyń /Bentschen deportiert. (Auskunft Hartmut Schmidt am 19.09.2017 von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. Dabei handelt es sich um Bernhard Ebe, geb. am 29.08.1926 in Hannover; um Icek Ebe, geb. am 02.10.1890 in Warschau; um Leo Ebe, geb. am 23.06.1925 in Hannover; um Nelli Ebe, geb. am  01. 08.1931 in Hannover; Sara Ebe, geb. Landmann, am 20.06.1902 in Tarnow. – Bis zum Sommer 1939 sind sie dort in einem Internierungslager inhaftiert. Von dort werden sie in das Warschauer Ghetto deportiert. Todeszeitpunkt unbekannt.

 

 

TEIL 2

 

Entschädigungsverhandlungen zwischen den überlebenden Schwestern der Familie Ebe und der Entschädigungsbehörde in Wiesbaden

„Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt“[1]zeigt uns einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Familie.Am 17. Mai 2017 wurden zum Gedenken der deportierten und umgebrachten Familienmitglieder – Vater Abraham, Mutter Selda, Tochter Rosa, Sohn Leo -, wie auch für die Tochter Esther, die später nach England fliehen konnte, Stolpersteine in Frankfurt am Main gelegt. Zur Stolpersteinlegung  am 17. Mai 2018 war auch der liebenswerte 87jährige Enkel von Abraham und Selda Ebe, Hermann (Henry) Rosenthal, geboren 1930 in Frankfurt am Main, Sohn von Regina, geborene Ebe, und Willy Rosenthal, aus Paris angereist, begleitet von seiner freundlichen Ehefrau Monique Rosenthal.

Im folgenden werden die Schritte der überlebenden Angehörigen der Familie Ebe anhand der Akten nachgezeichnet, die sie ab 1957 unternehmen, um von der Bundesrepublik eine Anerkennung der Schuld für das begangene Unrecht an ihrer Familie und eine „Entschädigung“ für ihre ermordeten Familienmitglieder  – Vater, Mutter, Schwester und Bruder – zu erkämpfen.

Diese Akten für die „in der Deportation verschollen(en)“ befinden sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Auf den Akten steht das Aktenzeichen, der Name der betroffenen Person, Geburtsdatum, Geburtsort und als Sterbedatum der 08.05.1945 – das Kriegsende. Auch die Antragstellerin und die Laufzeit der Akte ist notiert, ebenso ist: AUSLÄNDER und Erledigtmit Datum gestempelt, daneben auch ein Krückenkreuz als Zeichen für verstorben.

Insgesamt haben die vier Akten mehrere Hundert Seiten. Da die Akten sich teilweise argumentativ aufeinander beziehen, Nachweise über biographische Dokumente wie Geburts- und Heiratsurkunden, Zeugnisse, eidesstattliche Erklärungen und Bescheide als Kopien oft  in mehreren Akten vorhanden sind, reduziere ich die Fußnoten und verweise nur – undifferenziert – auf das Archiv.[2]– Die Schreibweise der Eigennamen differiert. So heißt Rosa in den Bescheiden oft Rosi(e), Mary Halberstadt wird auch Halberstad (englische Variante?) geschrieben. – Akten, deren Laufzeit noch nicht beendet ist, sind nicht einsehbar. Da die vier Personen alle verstorben sind, habe ich Akteneinsicht. Später sehe ich, dass auch Anträge von Regina Rosenthal, der ältesten Tochter der Familie Ebe, und ihren Ehemann, Willy Rosenthal, und für den gemeinsamen Sohn Henri (Hermann) Rosenthal, geboren 1930 in Frankfurt, auf das eigene erlittene Unrecht, vorliegen. Des weiteren existiertauch ein Antrag von Esther Clifford (Kleczewski, Esther, geb. Ebe), in der sie für das an ihr begangene Unrecht auf Entschädigung klagt. Diese Akte ist 2017 noch unter Verschluß, da Esther, wie ihr Sohn Allen Clifford/New York schreibt, noch lebt. Die Sperrzeit der Akten beträgt 100 Jahre; und 10 Jahre über das Sterbedatum hinaus.

Anlass für die Anträge der Antragstellerinnen ist das Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer nationalsozialistischer Verfolgung (Kurztitel: Bundesentschädigungsgesetz, Abkürzung: BEG), das „am 29. Juni 1956 rückwirkend zum 1. Oktober 1953 in der Bundesrepublik verabschiedet (wurde), nachdem die ursprüngliche Vorlage vom 18. September 1953 keine Berücksichtigung gefunden hatte.“[3]  In Kraft getreten ist es am 1. Oktober 1953.

Das Gesetz gewährt Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden und dadurch Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum oder Vermögen, sowie im beruflichen oder wirtschaftlichen Fortkommen erlitten haben – eine Entschädigung in Geld. „Es ist Teil der deutschen Wiedergutmachungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg.“[4]

„Zahlreiche Einzelbestimmungen waren kompliziert. Ein entscheidendes Kriterium bildete die Wohnsitzvoraussetzung. Antragsberechtigt waren Verfolgte des NS-Regimes, die bis zum 31. Dezember 1952 (bisher Januar 1947) ihren Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland oder West-Berlin hatten, oder die vor ihrem Tod oder ihrer Auswanderung dort gelebt hatten. – Damit waren alle Verfolgte aus dem Ausland von der Entschädigung ausgeschlossen.“[5]Wie bereits dargestellt, waren die überlebenden Schwestern Esther, Regina und Maryund die Getöteten der Familie Ebe, alle – die Eltern seit 1911 – in Deutschland wohnhaft gewesen. Von daher erfüllen sie das Kriterium der „Wohnsitzvoraussetzung“.

„Viele Verfolgte unterließen einen Entschädigungsantrag auch aus Angst, durch das Entschädigungsverfahren Erinnerungen an die (…) erlittenen Qualen erneut durchleben zu müssen. Andere wollten deutschen Behörden gegenüber nicht als Bettler auftreten oder sich auf die ehemaligen Verfolger einlassen.“[6]Mit bedacht werden muß also die psychische und physische Disposition der Antragstellerinnen der Familie Ebe, die geprägt ist von den Erlebnissen nach der Machtergreifung. Die traumatischen Erlebnisse in der NS-Zeit haben tiefgreifende Folgen; die Antragstellung reaktiviert – wie oben erwähnt – durchlittene Leiden. Wir werden sehen, wie der Kampf um „Entschädigung“ für die Ermordetendas Leben der überlebenden Schwestern lebenslang zermürbt.

Esther, die jüngste der Antragstellerinnen,lebt bei der Antragstellung 1957 traumatisiert, in großer finanzieller Not und körperlich gezeichnet in den USA. Ihre Bedürftigkeit bringt sie dazu, die Dringlichkeit ihres Antrags zu betonen.In einem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 6.3.1958, verfasst im Deutschen Generalkonsulat in New York, wendet sie sich mit der Bitte um Vorschuss auf die von ihr gestellten Entschädigungsanträge für ihre umgebrachten Verwandten. Das Deutsche Generalkonsulat in New York bescheinigt ihre Notlage. Sie hat ein monatliches Einkommen von knapp 250 $ für ihre kleine Familie – für sich, ihr Kind und ihren Mann.(Er, Rudi Clifford, verdient monatlich $ 247,75; 250 $ ist das Existenzminimum.) Im Antrag bittet sie u.a. um eine Waisenrente, da sie sich als Vollwaise sieht. Dies wird abgelehnt, da sie schon am 02.04.1942 mit Rudi Kleczewski in England verheiratet gewesen sei. (Später nahmen die Eheleute den Namen Clifford an.)

Ein Attest von Dr. Jerome Kamlet, M.D, New York vom 27.6.1966 bescheinigt: „Infolge von Verfolgungen ihrer Familie hat Mrs. Esther Clifford 1946 einen vollständigen geistigen Zusammenbruch erlitten, der es erforderlich machte, dass sie zwei Jahre in einer Institution behandelt wurde. Ihr Befinden hat sich gebessert, sie hat jedoch weiter unter schwerer Angst und Nervosität mit emotionalen und psychosomatischen Anzeichen gelitten. (…) Auf dieser Basis würde ich sie als 50 % erwerbsunfähig bezeichnen. Es besteht kein Zweifel, dass Mrs. Clifford‘s jetziger Zustand zum größten Teil direkt mit der unmenschlichen Behandlung von Seiten der seinerzeitigen Nazi-Regierung von Deutschland während der erwähnten Zeitspanne zusammenhängt.“[7]

In einem weiteren Schreiben von Dr. Jerome Kametvom 8.9.1967, adressiert ans Deutsche Generalkonsulat/New York, spricht er von der „bestialischen Behandlung, die Mrs. Clifford durch die deutsche Regierung zuteil wurde, dem geistigen Zusammenbruch, den nachfolgenden chronischen, emotionellen Schwierigkeiten.“ Sein Kommentar: „Die Schwierigkeiten, die die jetzigen Inhaber derselben deutschen Regierung bereiten, ehe sie Wiedergutmachung gewähren, tragen wahrscheinlich noch zu Mrs. Clifford‘s emotionalen Schwierigkeiten bei.“

Auch ihre Schwester Regina Rosenthal, die bereits im Mai 1933 mit ihrem Ehemann Willy (Chil), ihrem dreijährigen Sohn Hermann (Henri) und der Familie ihres Mannes nach Frankreich geflohen war und dort untertauchen musste, ist traumatisiert. In ihrem eigenen Entschädigungsantrag vom 23.7.1957,erfahren wir, dass Regina Rosenthal unterden schrecklichen Bedingungen während des Krieges ihr Leben lang gelitten hat. In den vorhandenen Akten – Ende der Laufzeit der Akten  der 11.11.2002 – ihrem Todestag -, stellen die amtsärztlichen Gutachten der Ärzte eine Fehlsteuerung des Nervensystems fest, sie sprechen von neuropsychiatrischen Zügen.[8]

„Problematisch war auch die gesetzte Antragsfrist vom 1. Oktober 1957. Die Verfolgten waren weltweit verstreut und es war für sie schwierig, schnell genug an die notwendigen Unterlagen heranzukommen.“[9]Wie viele andere, sind die überlebenden Angehörigen der Familie Ebe im Jahre 1957 weit verstreut: Regina Rosenthal lebt in Frankreich, Esther und Mary in den USA. Die Kommunikation unter ihnen ist erschwert. Schwierig bzw. fast unmöglich ist es, so werden wir weiter unten sehen, die erforderlichen Unterlagen in der zugestandenen Zeit – bis zum 1 Oktober 1957 – zu besorgen.

Schon bald zeigte sich, dass die Fristenregelung – Antragsfrist zum 1. Oktober 1957 – unrealistisch ist. So mußte das Gesetz aufgrund der Erfahrungen nach und nach modifiziert werden. Von der ersten Modifizierung des Gesetzes 1965[10]können, so werden wir weiter unten sehen, auch die Schwestern profitieren, um nach der Ablehnung der Forderungen für Rosa und Leo Anträge erneut zu stellen.

In jahrelangem Briefwechsel mit dem Regierungspräsidenten in Darmstadt (Entschädigungsbehörde) – im Folgenden E.B. genannt -,  bitten Esther Clifford und Regina Rosenthal höflich um Anerkennung des erlittenen Unrechts. Immer ist in ihren Anträgen von den „verstorbenen“ oder „verschollenen“ Eltern oder Geschwistern die Rede, nie von den durch die Nazis „ermordeten“. – Es scheint, als müssten sich die Schwestern legitimieren, dass sie Opfer sind und, darüber hinaus, wer sie sind. Esther Ebe, verheiratet mit Rudi  Kleczewski am 02.04.1942 in London/Hampstead, später umbenannt in Clifford, gibt u.a. den Ausbildungsstand ihres Mannes an, der einen Bachelor hat. Regina Rosenthal legt einen Stammbaum vor. Schulzeugnisse der ermordeten Geschwister werden beigefügt; Zeugenaussagen früherer Lehrkräfte werden mühsam eingeholt. – Die zweitälteste Tochter der Familie Ebe, Mary, seit dem 15. Oktober 1935 verheiratet mit Arthur Halberstadt, mit dem sie seit 1935 in München lebte, und die sich Ende 1938 mit ihrem Ehemann durch ein Visum nach Shanghai retten kann, tritt in den Anträgen, außer durch Dokumente und ihre eidesstattliche Unterschrift nicht auf, da ihr letzter Wohnsitz in München war. Eventuell wurden da Entschädigungsansprüche angemeldet.

Erinnern wir uns: Etwa 1911 zieht das Ehepaar Abraham und Selda Ebe mit den Töchtern Regina und Mary wegen der Progrome in Polen und der besseren Schulausbildung für ihre Kinder  nach Deutschland. Zahlreiche Verwandte leben bereits in u.a. Hannover. Dort in Deutschland wird die dritte Tochter Rosa, der Sohn Leo und später Esther geboren. Nach mehreren Versuchen, sich in Deutschland anzusiedeln, lebt die Familie seit 1921 in Frankfurt. Die beiden älteren Schwestern ziehen nach ihrer Heirat fort von der Familie. Am 29.10.1938 werden im Rahmen der „Polenaktion“[11]die fünf in Frankfurt lebenden Mitglieder der Familie – Abraham und Selda, die Kinder Rosa, Leo und Esther – durch die SS abgeholt und im Zug bis kurz vor die polnische Grenze nachZbąszyń /Bentschen gebracht. Zum Zeitpunkt der Deportation sind Abraham und Selda Ebe circa 54 Jahre, Rosa 24, Leo 20 und Esther 18 Jahre alt.- Esther, die Jüngste, wird nach der Deportation der Familie im Oktober 1938 an der Grenze wegen des Fehlens eines eigenen Passes von der Familie getrennt und kehrt nach Frankfurt/Main zurück. Nach unruhiger Zeit dort, wechselnden Unterkünften, mit der immerwährenden Sorge um die Eltern und Geschwister, gelingt es ihr, sich mit dem Visum ihrer Freundin Hertha Hahn Anfang 1939 nach England zu retten. (Zuletzt ist sie – das geht aus den Akten hervor – gemeldet bei Familie Hahn in der Telemann Str. 20 in Frankfurt.)  Zu der Sorge um die Deportierten, kommt die um die von München nach Shanghai geflüchtete Schwester Mary, verheiratete Halberstadt, und die nach Frankreich geflüchtete Schwester Regina, verheiratete Rosenthal, und deren Familien hinzu.

Lange bleibt die Ungewissheit bestehen, was mit den vier deportierten Familienangehörigen geschehen ist. Nach 1945 müssen sie allmählich begreifen, dass die Eltern und die beiden Geschwister tot sind. Wo und wie sie ermordet wurden, oder ob sie zuvor elendig zugrunde gegangen sind, wird niemals geklärt werden. Darüber hinaus erfahren sie, daß zahlreiche weitere Verwandte, Freunde und Bekannte umgebracht wurden.[12]Bei Esther kommt die Gewissheit dazu, dass ihre Freundin Hertha Hahn, mit deren Visum sie sich nach England hat retten können, kurz danach mit ihrer Familie deportiert und umgebracht wurde.[13]Auch erfährt sie, dass ihre Schwiegereltern Max Kleczewski und Hedwig Kleczewski, geb. Fleischmann, Berlin, deportiert und umgebracht wurden.

Die gesetzte Antragsfrist ist auf den 1. Oktober 1957 festgelegt. Da die Antragstellerinnen Mary Halberstadt und Esther Clifford in den USA und Regina Rosenthal in Frankreich/Paris leben, ist es schwierig, schnell genug die geforderten Belege zu beschaffen. Vieles muss notariell übersetzt und beglaubigt werden. Verlangt werden von den Antragstellerinnen für die zuvor von den Nationalsozialisten ermordeten Familienmitglieder u.a. Dokumente wie Geburts- und Heiratsurkunden, Wohn-, Schul- und Ausbildungsnachweise, Zeugnisse,  Angaben über Einkommen, Bescheinigungen über die Deportation der Angehörigen nach Polen, ihre Einweisung ins Warschauer Ghetto, sowie den Nachweis ihres Todes und des Todeszeitpunkts. Aber auch Erbscheine von den zuvor Ermordeten!

Die meisten Unterlagen sind verschollen oder vernichtet. Dokumente wie Wohnungs- und Einkommensnachweise müssen mühsam eingeholt werden. Vielfach sind Ämter und Archive im Laufe des Krieges bombadiert und zerstört worden. Andere Dokumente wie Erbscheine, die Beweise des Zeitpunkts ihrer Freiheitsberaubung und des Todes müssen erstellt werden. Die Beschaffung von Dokumenten über die Einweisung ins Ghetto, des Todesnachweisesund des Todeszeitpunkts, die für die Berechnung der Länge der Freiheitsberaubung der vier Deportierten verlangt werden, istkompliziert,nahezu unmöglich undemotional sehr belastend für die überlebenden Schwestern. – Viele Dokumente müssen auf Nachfrage nachgereicht werden.

Ergänzt sei, dass die Schwestern nach dem BEG als Kinder der „Erblasser“ – jemand, der bei seinem Tod eine Erbschaft hinterlässt – als Erbinnen der 1. Ordnung gelten. Als Geschwister von Rosa und Leo sind sie Erben der 2. Ordnung. Auf sie geht deshalb nach § 140 Abs.1 BEG der Anspruch wegen „Schadens in der Ausbildung“ von Rosa und Leo über; andere Ansprüche, wie Entschädigung an „Schaden an Freiheit, Eigentum“ etc. jedoch nicht.[14]

 

Die Antragstellung im Juli 1957

Der „Entschädigungsantrag“ für die „in der Deportation verschollenen“ Familienmitglieder wird am 08. Juli 1957 von Esther Clifford/New York gestellt. Beigefügt sind eidesstattliche Erklärungen der beiden Schwestern Regina Rosenthal/Paris und Mary Halberstadt/New York. Gestellt ist er also gut ein Jahr nach der Verabschiedung des Bundesentschädigungsgesetzes vom 29.6.1956.

Im Antrag vom 08. Juli 1957 sindin allen Schreiben jeweils die Antragstellerinnenaufgeführt:

1) Esther Clifford, geb. am 05.12.1920 in München, ist Putzmacherin, wohnhaft in: 652 West 163rdStreet, Apt. 29 New York 32 N.Y. USA

2) die Hausfrau Mary (Sura-Mirjan) Halberstadt, geb. Ebe,geb. am 15.4.1911 in Warschau, wohnhaft: 665 West 160thStreet, New York

3) die Hausfrau Regina Rosenthal, geb. Ebe, geb. am 13.12.1908 in Warschau, wohnhaft: Paris 18e/ Frankreich, Boulevard Ornano 3832  N.Y. – USA.

Als rechtliche Vertreter der Schwestern wird u.a. RA. Zalkind, Advocat a la Cour, Paris; RA. Dr. Charles Rosenberg, Paris; RA. Martin Gur Guttmann, Frankfurt; RA. Dr. Volmer und Dr. Reichmann, beide Wiesbaden, genannt.

Folgende Ansprüche sind im Formular des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG) zu Abraham Ebe  mit ja gekennzeichnet:

1) Schaden an Leben („Lebensschaden“)(wenn der Verfolgte durch national-sozialistische Gewaltmaßnahmen getötet oder an den Folgen solcher Maßnahmen verstorben ist)               ja

2) Schaden an Körper und Gesundheit………………………………

3) Schaden an Freiheit (…) durch Freiheitsentziehung oder Freiheitsbeschränkung                       ja

4) Schaden an Eigentum (§§51-55, 146)                                                                                        ja

5) Schaden an Vermögen („Vermögensschaden“)(§§ 56 -58, 146)                                              ja

6) Schaden durch Zahlung von Sonderabgaben, Geldstrafen, Bußen und Kosten (§§ 59 -63, 153 )

7) Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen(„Ausbildungsschaden“) (§§ 64-137)

  1. a) im beruflichen Fortkommen (§§65-125) ja
  2. b) im wirtschaftlichen Fortkommen (§§ 127 -137)

Rückwanderer (Soforthilfe, § 141)

Es sind zu seinem Antrag 14 Anlagenbeigefügt:

Schilderung der Verfolgung (Not & kons. Begl. siehe Anl. S.V. A. E. Unbedenklichkeitsbescheinigung  Finanzamt Ffm. – Aussenbezirk

dto des Oberbürgermeisters – Steuerverwaltung Frankfurt…

Not. & konsl. begl. „eidesstattliche Erklärung des Zeugen Erbesfeld.

Ergänzungsfragebogen. „C“ Ernest I. Erbesfeld

dto „D“

dto „E“

Not. Und kons. begl. Erbeslegitimation (Bescheinigung Reg. Nr. Deutsches dazugehörig: Generalkonsulat

Kons. begl. Abschrift aus dem Familienstammbuch für die Familie Rosenthal, Heiratsregister Nr. 1193/I, woraus Geburtstag für Regina (Rywka) Rosenthal geb. Ebe ersichtlich sind.

Kons. begl. Fotokopie des Heiratsscheins, Heiratsregister, Nr……..woraus die Geburtsdaten von Mary (Sura-Mirjan) Halberstadt ersichtlich sind.

Kons. begl. Fotokopie der Geburtsurkunde Esther (Berta) Ebe, geehelichte Kleczewski, Name geändert in  Clifford

Kons. begl. Fotokopie der engl. Heiratsurkunde für Esther Clifford

Kons. begl. Vollmacht für Frau Esther Clifford von Regina Rosenthal

„          „            „         „         „                           von Mary Halberstadt

Unter den Anlagen ist auch jeweils die konsularisch beglaubigte Vollmacht für Esther Clifford von Mary Halberstadt vom 14. März 1957 (New York) und Regina Rosenthal vom 27.02.1957 (Paris) beigefügt.

 

Die Durchsicht der in Wiesbaden befindlichen Akten zur Abraham Ebe zeigt, dass der Antrag zu ihm ein allgemeines Formular und fünf weitere bunte Formulare zu den 5 spezifizierten Einzelanträgen zu „Schaden auf…“ enthält: das 4seitige in Dunkelgelb zu „Schaden an Eigentum“,  4seitige in Hellgelb zu „Schaden an Freiheit“, 4seitige in Grün zu „Schaden im beruflichen Fortkommen“, 4seitige in Hellgrün zu „Schaden an Vermögen“ und 8seitige in Rosa zu „Schaden an Leben“. In der Akte zu  Selda sind zwei 2 Formulare in Hellgelb zu „Schaden an Freiheit und Rosa zu „Schaden an Leben“ enthalten.

Nach dem Eingang der Anträge kommen Nachfragen durch die E.B. – z.B. vom 12.8.1959 – zu fehlenden Dokumenten zum Antrag, z.B. zur Mutter Selda. Esther Clifford antwortet am 24.9.1959, dass sie diese Dokumente bereits in ihrem Antrag zu Abraham Ebe beigefügt habe. U.a. wird später auch ein Erbschein„von der deportierten und wahrscheinlich ermordeten“ Mutter Selda verlangt. Aus ihm geht hervor, dass diese ihr Erbe – die Entschädigung – jeweils zu 1/3 an ihre drei Töchter – Regina, Mary und Esther – vererbt habe.[15]Die Behörden fordern des weiteren:

„Ich bitte ferner darauf zu achten, dass in der Erbscheinverhandlung angegeben und eidesstattlich versichert wird, ob die beiden deportierten Geschwister verheiratet waren und Kinder hatten.“[16]

Wie aus diesem Schreiben ersichtlich, fordert die Behörde nicht nur (scheinbar) fehlende Unterlagen zur Mutter, sondern auch zu den deportierten Geschwistern.

Die Schwestern erleben, wie aufwendig es ist, diese Dokumente zu bekommen. Einerseits werden die Antragstellerinnen zeitweise gedrängt, die erforderlichen Dokumente schneller zu besorgen. So finden wir in den Akten drängende Mahnungen von Seiten der Behörden. Andererseits entsteht der Eindruck, dass z.B. bei  der Ausstellung der Erbscheine für Abraham und Selda Verschleppungen auf Seiten der Behörden vorliegen. Auf eine Mahnung antwortet Esther Clifford am 17. Sept. 1958, dass sie  “bereits im Juni 1957 Erbscheinverhandlungen vor dem Deutschen Generalkonsulat in New York geführt“, am 8.7.1957 diese übersandt habe. Eine erneute Mahnung erreicht sie am 24.10.1958; sie antwortet darauf erneut am 21.11.1958, dass die Dokumente doch schon lange der Behörde vorlägen. – Vieles dauert sehr lange. Die Anfrage durch Esther zum Tode der „Deportierten“ in Arolsen ist am 23.5.1957 gestellt; die Antwort aus Arolsen trifft am 12.12. 1957 ein! – Auch weisen Bescheide, so fällt bei der Durchsicht der Akten auf, Schlampereien auf, dass die Mutter Selda, als „Golda“ Ebe[17]bezeichnet wird; ein Fehler, der sich durch die Schriftsätze zieht. An anderer Stelle wird als Datum der Antragstellung der „10.6.1957“[18]genannt, obwohl es der 08.07.1957 war.

Esther geht davon aus, dass sie den Antrag auf Entschädigung für alle vier ermordeten Familienangehörigen gemeinsam gestellt hat. Sie ist ja auch in ständigem brieflichen Kontakt mit den Behörden. In der Korrespondenz wurde sie mehrfach nach Unterlagen zu den Geschwistern und der Mutter gefragt. Wieso hat man sie nicht auf den Fehler aufmerksam gemacht? Sie hat  – so erfährt sie später aus dem Bescheid der E.B. zu Leo vom 15.3.63 – „für die Eltern zwei getrennte Anträge eingebracht“[19]– nicht jedoch eigene Anträge für die Geschwister, auch wenn im Erstantrag vom 08. Juli 1957 ausdrücklich von ihr und Regina erklärt wird, dass Rosa und Leo mit den Eltern gemeinsam nach Polen deportiert wurden.

Wir werden weiter unten sehen, dass die Entschädigungsanträge zu den Geschwistern Rosa und Leo auf „Schaden im beruflichen Fortkommen bzw. Ausbildungsschaden“ erst nach einer erneuten Antragstellung in 1963 und in den Jahren danach bearbeitet werden. Bis zum endgültigen Abschluss der Entschädigungsansprüche zieht es sich bis ins Jahr 1971 hin.

 

Die Entschädigungsverhandlungen

 

Die Bescheide über Entschädigung bezogen auf Schaden an Leben, Freiheit, Eigentum, Vermögen und beruflichem und wirtschaftlichem Fortkommen zu Abraham Ebe gehen am 17.11.1961, 28.1.1960, 27.9.1961, 13.6.1961 und am 12.5.1961 ein. Letztlich wird eine Entschädigung wegen „Schaden an Freiheit“ und „Schaden an beruflichem Fortkommen“ bewilligt.Der Bescheid ist in der Akte abgebildet.

 

Datum Blattzahl Art des Bescheides Erhaltener Betrag MdF/GFD
28.1.60 47 Freiheitsschaden 6150,–
12.5.61 73 Berufsschaden 5709,–
13.6.61 86 Vermögensschaden (good will) Ablehnung
27.9.61 95 Eigentumsschaden Ablehnung
17.11.61 99 Lebensschaden Ablehnung

 

Sehen wir uns dieEntschädigungsverhandlungen zu Abraham Ebe im einzelnen an.

 

 „Schaden an Leben“

Kriterium: „Wenn der Verfolgte durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen getötet oder an den Folgen solcher Maßnahmen verstorben ist“.

Belege von Esther:

Esther schickt ein Einschreiben vom 18.3.1958 an die Behörde: „Betr.: Entschädigungsantrag vom 8.7.1957 als Miterbin nach meinem verstorbenen Vater Abraham Ebe zu „Schaden an Leben“, übersende ich Ihnen anliegend das Formular A, ausgefüllt und unterschrieben und bitte um Gewährung einer Waisenrente.“ Im 8seitigen Formular stellt sie den Antrag als Tochter, Vollwaise, geb. am 5.12.1920 in München, legt ihre Geburtsurkunde bei. Antragsberechtigt sind nur Kinder, die sich „über das 16. Lebensjahr hinaus in Schul- und Berufsausbildung“ befinden. Esther hat bis Anfang 1940 in der Firma M. Salomon-Stammhalter /Ffm.Main, Zeil Nr. 15 – als sie gezwungen war, die Schule zu verlassen – eine Ausbildung angefangen. Sie fügt hinzu: „Nachweise über unterbrochene Lehre liegt bei den Akten… zu Ausbildungsschaden“. – In ihrem Schreiben an die E.B. vom 26.8.1961 heißt es: „Den Antrag auf Gewährung einer Waisenrente habe ich nur für mich gestellt, weil ich im Zeitpunkt der Verfolgung meiner Eltern am 29. Oktober 1938 mich noch in der Berufsausbildung befand und über kein eigenes Einkommen verfügte. – Ich war auf die Unterstützung durch meine Eltern angewiesen und geriet in eine verzweifelte Notlage, als mir meine Ernährer genommen wurden. – Ich war großen Entbehrungen ausgesetzt und musste die Hilfe mitleidiger Menschen in Anspruch nehmen, um mein Leben zu fristen. Ich erlitt bittere Not in all diesen Jahren. Ich glaube daher, Anspruch auf diese Entschädigung seit 29.10.1938 bis zu meiner Verheiratung am 2.4.1942 zumindest aus Billigkeitsgründen zu haben und bitte höflichst, meinem Antrag stattgeben zu wollen.“[20]

Auch fügt sie den Nachweis über den Tod  dazu. „Meine Nachforschungen nach ihnen durch den Internationalen Suchdienst in Arolsen und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. Frankfurt a/M., Hebelstr. 17 waren ergebnislos.“[21]

Bereits in einem Schreiben durch die E.B. vom 19.7.1961 an Esther kommt eine Nachfrage, ob Sie Ihren Antrag aufrechterhalten will, da sie und ihre Schwestern zum Todestag Ihres Vaters (8.5.1945) bereits über 25 Jahre gewesen seien. Da „Entschädigung für Schaden am Leben für Kinder nur für die Zeit besteht, in der für sie nach Beamtenrecht Kinderzuschläge gewährt werden können“, heißt es bereits im Schreiben vom 12.9.1961 an sie:“Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie keinen Anspruch auf Waisenrente nach den Eltern haben. Anspruch auf Waisenrente besteht nämlich erst ab dem Todeszeitpunkt des Verfolgten. Da sie sich, wie sich aus den Akten ergibt, bereits im Jahre 1942 verheiratet haben, der Tod Ihrer Eltern nach diesem Zeitpunkt eingetreten ist, steht Ihnen (…) kein Waisengeld zu.“

Bescheid: Am 17.11.61 wird die Klage – nach einem Schriftverkehr über 99 „Blattzahl“ – auf Entschädigung  zu „Lebensschaden“ abgelehnt. Die Begründung ist, dass Esther zum Zeitpunkt des Todes der Eltern schon verheiratet war.

 

„Schaden an Eigentum“

Esther schreibt zum Antrag:“ Bei der plötzlichen Ausweisung am 29.10.1938 in Stich gelassen, dann später beschlagnahmt“ und verweist auf  ihre eidesstattliche Erklärung „Schilderung der Verfolgung für meinen Vater, Abraham Ebe“ im Antrag vom Juni 1957.

Die Wohnungseinrichtung der Familie – Möbel und weitere Gegenstände -, auch das Werkzeug des Vaters, wird bei der Abschiebung am 29. 10.1938 nach Polen in Frankfurt zurückgelassen.

„Bei der plötzlichen Abschiebung nach Polen (…) wurde meinen Eltern keine Zeit gelassen, ihre Wohnungseinrichtung, bestehend aus 4 Zimmern und einer Handwerksstube, zu liquidieren, sondern sie mussten sie im Stich lassen. Als ich dann im November 1938 allein wieder nach Frankfurt zurückkehrte, fand ich die Wohnungseinrichtung noch vor und ging daran sie aufzulösen. Ich verpackte Gebrauchsgegenstände in 5 Kisten (worüber Abschriften der s. Zt. Aufgestellten Verzeichnisse hier beigefügt sind) und stellte sie beim Spediteur Anton C. Kiel, Frankfurt am Main, Gartenstr. 15 unter in der Absicht, sie später meinen Eltern nachzuschicken. – Hingegen wollte ich die Möbel und Einrichtungsgegenstände unserer Wohnung an Ort und Stelle verkaufen, da ich Geld zum Leben brauchte. Als jedoch die Behörden von meinem Vorhaben erfuhren, riefen sie mich zu sich und zwangen mich, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich die Wohnungseinrichtung freiwillig abtrete.- Die 5 Kisten Umzugsgut sind laut Mitteilung des Spediteurs vom 11.6.1952 durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen. (Beglaubigte Fotokopie dieser  Mitteilung ist beigefügt.)“[22]

Auch Entschädigungfür das Werkzeug des Vaters wird von Esther gefordert :

 

Vollständiges Portofeuille Werkzeug von 1921                                                         RM 200,–

Zickzackmaschine von 1922                                                                                          RM 200,–

Druckmaschine von 1922                                                                                               RM 100,–

Dreifuss von 1922                                                                                                            RM   20,–

Portofeuillemaschine (gekauft 1924)                                                                           RM 300,–

 

Obwohl  keine Entschädigung dafür von Esther gefordert wird, muss erwähnt werden, dass Willy (Chil) und Regina Rosenthal  im Mai 1933, als sie nach Frankreich flüchteten, einen Teil der Möbel und des Warenlagers ihres Textilgeschäfts in der Wohnung bei Abraham Ebe, Lenaustrasse 93 in Frankfurt unterstellten. Dies geht aus einem Schreiben von Willy (Chil) Rosenthal hervor. Also auch diese Gegenstände wurden konfisziert.

„Der bei meinen Schwiegereltern zurückgelassene Teil meines Eigentums ist dann offenbar, nachdem meine Schwiegereltern 1938 ausgewiesen und nach Polen abgeschoben worden waren, verloren gegangen. Ich habe über diese Sachen nie wieder etwas gehört. Der Wert dieser zurückgelassenen Sachen mag zwischen 5 und 7000 RM gelegen haben. Die Höhe meiner zurückgelassenen Außenstände kann ich nicht mehr angeben.“[23]

Bescheid: Am 27.9.61 wird nach einem Schriftverkehr von 95 Blattzahl der Antrag auf Eigentumsschaden abgelehnt.

 

„Schaden an Vermögen“

Im Antrag schreibt Esther: „Betr. Erstantrag vom 8.7.1957 melde ich als Miterbin nach meinem verstorbenen Vater Abraham Ebe zum „Schaden an Vermögen“ hiermit den „good will“ Anspruch an.

Bescheid:Am 13.6.61 wird der Antrag auf Entschädigung von „Schaden an Vermögen“ nach einem Schriftverkehr von 86 Blattzahl abgelehnt. Begründung: „Sie begehren Entschädigung wegen Schadens an Vermögen, der ihrem Vater durch Verlust des Geschäftswertes (good will) infolge der durch NS-Maßnahmen erzwungenen Liquidierung seines Geschäfts entstanden sei….“[24]Die „Entschädigung kann nur dann zuerkannt werden, wenn das Unternehmen über die Substanzwerte hinaus einen wirtschaftlichen Wert hatte, der durch Verfolgungsmaßnahmen verloren gegangen ist.“[25]Mit Bezug auf die Entscheidungen zu „Schaden an Freiheit“ vom 28.1.1960  und „Schaden an beruflichem Fortkommen“ vom 12.5.1961 argumentiert die E.B., daß „das Unternehmen demnach keinen über den Wert der Substanz und der Arbeitskraft hinausgehenden wirtschaftlichen Wert (good will)“habe.

Hier möchte ich anmerken, dass die Bescheide der Behörde dazu unter „Schaden an Eigentum“ statt unter „Schaden an Vermögen“ laufen. Ein Versehen der Behörden?

 

„Schaden im beruflichen Fortkommen“

Die Erlasse nach der Machtübernahme verbaten Abraham Ebe seinem Beruf als Sattler und Portofeuiller nachzugehen. Jährlich musste er eine Erlaubnis beantragen. Ab 1936 wurde sie ihm verweigert. Fortan musste er heimlich arbeiten: „1936 musste mein Vater sein Geschäft wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte aufgeben.“[26]Ein Schreiben vom Magistrat vom 4.5.1961 an die E.B. von Stadtoberinspektor Roßwein bescheinigt, dass die Karteikarte von 1924 bis 1937 geführt wurde, sowie: „Betrieb eingestellt bzw. abgemeldet am 23.6.1937“.

Als Angabe steht im Antragsformular: „ab 1.1.36 nur noch 3.000,- RM durchschnittlich jährlich schätzungsweise verdient bis zur Verdrängung aus der Erwerbstätigkeit am 29.10.1938, dann ohne Einkommen.“

Zur Berechnung des Einkommens von Abraham Ebe trägt die eidesstattliche Erklärung von Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957, New York, bei.

„Ich stand mit Herrn Abraham Ebe in geschäftlicher Verbindung. Er besaß in Frankfurt am Main, Lenaustrasse ein offenes Ladengeschäft für Lederwaren mit anschließender Werkstatt. Er erzeugte unter anderem auch Handtaschen, womit er auch meine Firma I.&E. Erbesfeld, Lederwarenfabrikation, Frankfurt am Main, Zeil, in den Jahren 1934-1936 belieferte. Als er 1936 wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte seinen Laden aufgeben musste, richtete er sich in seiner Wohnung Hanauer Landstraße eine Werkstatt ein und verrichtete Heimarbeit bis zu seiner Ausweisung (…). – Zugleich mit mir wurde er am 29.10.1938 nach Polen ausgewiesen und abgeschoben, wo ich mit ihm bis 1939 in Warschau in Verbindung stand. Im Jahre 1939 wanderte ich von Warschau nach Amerika aus und verlor dann jeden Kontakt mit Herrn Ebe. – Bis 1936 hatte Herr Ebe ein   gutgehendes Geschäft. Sein damaliges Einkommen schätze ich auf mindestens RM 6000,– jährlich, während er mit der Heimarbeit von 1936-1938 kaum noch die Hälfte verdient haben dürfte.“[27]

Verlangt wird von den Schwestern eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ vom Finanzamt Frankfurt/Stiftstr. vom 27. März 1939,  d.h. ein Nachweis der gezahlten Steuern von Abraham Ebe, Hanauer Landstr. 27, zur Ermittlung des Jahreseinkommens. Die Bitte um den Nachweis der gezahlten Steuern kann nicht beantwortet werden. Ein Antwortschreiben an den Regierungspräsident in Wiesbaden vom 8. Mai 1961 lautet: „Entschädigungssache nach Abraham Ebe, geb. 10. April 1884, letzter Wohnsitz: Ffm, Hanauer Landstr. 27 vom 21.4.1961: “… dass durch „Kriegseinwirkung sämtliche Gewerbesteuerakten vernichtet  wurden“. Es existiert lediglich noch eine unvollständige Kartei, die während des Krieges ausgelagert war.

 Am 12.5.1961 wird die Klage auf „Schaden im beruflichen Fortkommen“ (§§65-125) („Berufsschaden“) nach einem Schriftverkehr von 73 Blattzahl mit einer Entschädigung von 5709,– DM bewilligt.Die Berechnung der Entschädigung richtet sich nach der Besoldungsgruppe eines Beamten mittleren Dienstes.

 „Der Antrag ist form- und fristgerecht gestellt. Der Regierungspräsident – Entschädigungsbehörde – in Wiesbaden ist örtlich zuständig (§ 185 BEG, §§ 1,2 HZYO). Der Antrag ist in der zuerkannten Höhe auchbegründet. Der Erblasser ist als Verfolgter im Sinne des § 1 BEG anzusehen. Sein Anspruch auf  Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen nach den §§ 64 ff. BEG ist gemäß § 140 Abs. 1 BEG auf die Antragsteller als seine Erben übergegangen.

Auf Grund der Auskunft der Steuerverwaltung der Stadt Frankfurt /Main und des glaubhaften Sachvortrages steht fest, dass der Verfolgte von 1924 an bis zum 23.6.1937 eine selbständige Berufstätigkeit, hauptsächlich durch Herstellung und Vertrieb von Lederwaren ausgeübt hat. Gemäß § 64 Abs. 2 BEG ist zu vermuten, dass er seine Berufsstellung wegen seiner jüdischen Glaubenszugehörigkeit aufgeben musste. Darüber hinaus bestehen keine Bedenken, dem Sachvortrag auch darin zu folgen, dass der Verfolgte bereits seit Anfang 1936 zu durchschnittlich 50 % in seiner Erwerbstätigkeit beschränkt war; denn eine solche Berufsbeschränkung ist in dieser Zeit nach den Erfahrungen infolge der Boykottmaßnahmen gegen alle jüdischen Glaubensangehörigen allgemein eingetreten.

Die Berechnung der Kapitalentschädigung ist nach den Vorschriften der §§ 75 ff. BEG in Verbindung mit der 3. DVO/BEG in der Fassung des 2. Änderungsgesetzes vom 25.2.1960 vorzunehmen. Gemäß § 76 BEG ist der Verfolgte seiner wirtschaftlichen Stellung und Berufsausbildung, von der Besonderheiten nicht bekannt sind, nach in den Besoldungsgruppe eines Beamten mittleren Dienstes einzustufen.

 

„Da amtliche Unterlagen über das für die Einstufung massgebliche Einkommen in den drei letzten Jahren vor Beginn der Verfolgung nicht vorliegen, war die Entschädigungsbehörde berechtigt und gehalten, das Einkommen in Anwendung der §§ 191 Abs. 2, 176 Abs. 2 BEG zu schätzen und für festgestellt zu erachten. Sie kam hierbei unter Berücksichtigung der Gesamtumstände, insbesondere der langen Dauer der Berufstätigkeit und der Erfahrungen in anderen gleichgelagerten Fällen zu dem Ergebnis, dass der Erblasser das für eine Einstufung in den mittleren Dienst erforderliche Einkommen von 4.300.– RM jährlich, nicht aber das für eine höhere Einstufung von 6.600.– RM jährlich erreicht hat. Der Entschädigungszeitraum beginnt mit der 50 % igen Berufsbeschränkung am 1.1.1936 und der Berufsverdrängung am 1.6. 1937, da anzunehmen ist, dass der Verfolgte schon in den Wochen vor der formellen Betriebseinstellung am 23.6.1937 so gut wie nichts mehr verdient hat. Die von der Auskunft der Steuerverwaltung abweichenden Angaben der Antragsteller beruhen offensichtlich auf einem Irrtum oder Erinnerungsfehler, der infolge der langen Zeitspanne verständlich ist.

Der Entschädigungszeitraum endet am 31.7.1943, dem wahrscheinlichen Todestag des Verfolgten. Dabei ist die Entschädigungsbehörde ebenso wie bei der Entscheidung über den Freiheitsschaden davon ausgegangen, dass das Ghetto von Warschau nur bis zu seiner Liquidation im Juni 1943 bestanden hat und dass der Verfolgte die „Vernichtungsaktion“ nicht überlebt haben kann. Auf die nähere Begründung in dem Bescheid über den Freiheitsschaden vom 28.1.1960, die voll inhaltlich auch hier Gültigkeit hat, wird im übrigen verwiesen.

Die Kapitalentschädigung ist zu berechnen auf der Grundlage der Besoldung eines Beamten des mittleren Dienstes. Sie beträgt unter Berücksichtigung des Lebensalters des Verfolgten im Zeitpunkt des Beginns der Schädigung (1.1.1936=51 Jahre) samt 20 % für fehlende Altersversorgung jährlich 4.152.- oder monatlich 346.- RM.

Für die Zeit der Berufsbeschränkung vom 1.1.1936 – 31.5.1937 mithin für 1 Jahr und 5 Monate (17 Monate) beträgt die Kapitalentschädigung 50 % von 5.882,–                                        2.941,–RM

Für die Zeit der Berufsverdrängung vom 1.6.37 bis zum 31.7.1943,

also für 6 Jahre und 2 Monate ergibt sich eine Kapitalentschädigung von                 25.604,–RM

insgesamt also                                                                                                             28.545,–RM

Dieser Betrag ist gemäß § 207 207 BEG umzustellen

im Verhältnis 10 : 2 auf                                                                                                 5.709,--DM

und an die Erbengemeinschaft zu gesamten Hand auszuzahlen.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 207 BEG.“

 

Um die zugesprochene Entschädigung entgegennehmen zu können, muss ein „gemeinsames Ausländerkonto der Erbengemeinschaft“ eingerichtet werden. Auch dazu muss zuvor eine Vollmacht von den Schwestern eingeholt werden. Erst dann erfolgt eine Auszahlungsanordnung durch die E.B., wie z.B. am 21.3.1960, also fast drei Jahre nach Antragstellung.

 

„Schaden an Freiheit“

Die Verhandlungen über „Schaden an Freiheit“ zu Abraham und Selda Ebe nehmen viel Raum  ein.

Die E.B. fordert zunächst von den Klägerinnen:

  1. a) Deportationsbescheinigungen beider Erblasser
  2. b) Heiratsurkunde Erblasser
  3. c) Geburtsurkunden der 5 Kinder
  4. d) Deportationsbescheinigungen betr. Rosa und Leo (Zeichen für verstorben).[28]

Die Schwestern müssen der Behörde nachweisen, das ihre Angehörigen deportiert und ermordet worden sind. Begriffe wie „Tötungsklärungsverfahren“ bzw. „Todesvermutung“ werden verwandt. Verlangt werden Todesnachweise, um eine Entschädigung festzulegen.

Zunächst muss die Deportation der Verwandten  am 29.10. 1938 belegt werden. Esther Ebe, seit 1942 verheiratete Kleczewski, später umbenannt in Clifford, hat die Deportation selbst miterlebt. Dazuihre eidesstattliche Erklärung:

„Auf Grund eines Ausweisungsbefehls des Polizeipräsidiums Frankfurt wurde mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Rosa, mein Bruder und ich selbst am 29.10.1938 nach Polen abgeschoben. (Da ich wegen Minderjährigkeit noch keinen Pass besaß, wurde ich nicht über die Grenze gelassen und wieder nach Frankfurt zurückgeschickt.) Nach einem kurzen Aufenthalt im Flüchtlingslager Zbączyń (Bentschen) begaben sich meine Eltern, meine beiden Geschwister nach Warschau, wo sie anfangs bei Verwandten wohnten. Später wurden sie alle ins Ghetto zu Warschau überführt, aus dem ich noch bis Juli 1942 durch Vermittlung eines Vetters in der Schweiz Nachrichten von meinen Angehörigen erhielt. Dann hörte jede Verbindung auf.“[29]

Fragen zum Verbleib der Verwandten werden an den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuz in Arolsen/Waldeck gestellt. Die Antwort an Esther Clifford vom 12.12.1957 lautet:

 

„Sehr geehrte Frau Clifford,

Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass beim ISD über die Inhaftierung der oben genannten Person keine Unterlagen vorhanden sind. Wir empfehlen Ihnen sich die Beweismittel aus anderen Quellen zu beschaffen und bemerken hierzu, dass unsere Unterlagen unvollständig sind. Unser Archiv ergänzt sich laufend. Sollten wir für Ihren Fall neue Unterlagen erhalten, werden wir Sie unverzüglich benachrichtigen. Ein Todesnachweis liegt nicht vor. Wir sind daher nicht in der Lage, die Ausstellung einer Sterbeurkunde zu veranlassen.

Hochachtungsvoll i.A. G. Pechar

(abgestempelt JAN 6 1958)“

 

Auf allen vier Akten der Ermordeten  wird der 08.05.1945 als Zeitpunkt des Todes geführt: das Kriegsende, eine vom„Amtsgericht Wiesbaden in dem Erbscheinverfahren von der auf § 180 BEG gestützte Vermutung“.[30]Er muss präzisiert werden,um zu berechnen, wie lange sie unterFreiheitsberaubung haben leben müssen. Als „Wohnsitz oder dauernder Aufenthalt bei Beginn der Freiheitsentziehung oder der Freiheitsbeschränkung wird Falenica bei Warschau Ul. Wiesjki. 11/Kreis Warschau, Polen ab dem 12.2.40 im Ghetto“ genannt. Als Beginn des Entschädigungszeitraum wird  letztendlich der 19.2.1940 angesetzt, der Tag, ab dem das Tragen des Judensterns in den Ghettos verpflichtend war. Dies bezieht sich auf die Antwort der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. Frankfurt am Main, Hebelstr. 17.

Die Zentralwohlfahrtsstelle “teilte auf Anfrage mit, dass die Verfügung für alle Juden im Ghetto zu leben, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen erlassen wurde und dass ab 19.2.1940 die Verpflichtung zum Tragen des Judensterns bestand. Ferner, dass die Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 bis Anfang Mai 1943 stattgefunden hat.“[31]

 

Regina Rosenthal schreibt dazu:

„Wir haben im Mai 1941 einen von meinen Eltern und meinen Geschwistern unterschriebenen Brief  über das intern. Rote Kreuz erhalten, in dem diese uns mitteilen, dass bei ihnen alles in Ordnung sei. Im Jahre 1942 habe ich über einen Bekannten, der in der Schweiz lebte, noch einmal an die angegebene Adresse schreiben lassen. Der Brief ist zurückgekommen mit der Bemerkung „Empfänger unbekannt verzogen“, so dass anzunehmen ist, dass meine Familie zwischen dem 13. August 1941 und der Mitte des Jahres 1942 deportiert wurde und in der Deportation umgebracht wurde.“[32]

Die Karten vom 19. Mai 1941, 13. August 1941 und die Militärpostkarte vom 07.09.42 von Josef  Nasilewicz aus dem Internierungslager Pollegio/Schweiz, Tessin werden alsBeweismittel der Antragstellung beigefügt.[33]

Die Bescheide zu Abraham und Selda Ebe zu „Freiheitsschaden“ vom 29. Januar 1960 werden am selben Tag verfaßt, sie nehmen gegenseitig auf die Akten – Reg. Nr. 48917 und Reg. 48916 – Bezug und argumentieren inhaltlich und im Wortlaut identisch, entsprechend nach Geschlecht differenziert.

„Aufgrund der eidesstattlichen Versicherung der Antragstellerinnen und der Unbedenklichkeitsbescheinigung der Stadt Frankfurt a./M. wird es als glaubhaft angesehen, dass sie – Abraham und Selda – 1938 nach Polen ausgewiesen worden sind. Aufgrund der Erfahrungen der Entschädigungsbehörde in anderen gleichgelagerten Fällen bestehen auch keine Bedenken, dass Abraham und Selda Ebe  in einem der auf 1939 folgenden Jahre in das Ghetto von Warschau gekommen seien und dass sie in Warschau vom 19.2.1940 an den Judenstern getragen haben. “Eine solche Freiheitsbeschränkung war für das „Generalgouvernement“ durch Verordnung vom 23.11.1939 allgemein angeordnet.“ (…)

„Das Ghetto von Warschau hat von Oktober 1940 bis zur Liquidation im Juli 1943 bestanden. Die Entschädigungsbehörde ist der Überzeugung, dass der Verfolgte die Liquidation, die nach dem Aufstand mit  der „Vernichtungsaktion“ Mitte Mai 1943 begann, nicht überlebt hat, so dass die Freiheitsentziehung im Juli 1943 beendet war.[34](…) Diese Überzeugung gründet sich auf die überlieferten Berichte über die Vernichtungsaktion und die Erfahrungen der Entschädigungsbehörde in anderen gleichgelagerten Fällen sowie auf die Tatsache, dass der Verfolgte 1943 bereits im 60. Lebensjahr stand und damit für einen Arbeitseinsatz kaum mehr in Betracht kam, so dass ein Weitertransport in ein Konzentrationslager ausgeschlossen erscheint. Dies findet die Bestätigung auch darin, dass dem Internationalen Suchdienst Arolsen keine Unterlagen über die Inhaftierung der Verfolgten im KZ vorliegen und dass die Antragstellerin seit 1942 ein Lebenszeichen ihrer Mutter nicht mehr erreicht hat.“[35]

Dem gemäß erstreckt sich der Entschädigungszeitraum vom 19.2.1940 bis 31.7.1943 somit auf 3 Jahre und 5 volle Monate. Da gemäß § 45 BEG  für jeden vollen Monat der Freiheitsbeschränkung und Freiheitsentziehung DM 150,– zu zahlen sind, beträgt die an die Erbengemeinschaft zu zahlende Entschädigung DM 6.150,–. Die Kostenentscheidung beruht auf § 207 BEG.)“[36]„Der weitergehende Antrag wird abgelehnt.“

 

Entschädigungsverhandlungen von 1962 bis 1971

Zum Antrag von Esther Clifford vom 08. Juli 1957gehen zwischen Januar 1960 und November 1961 Bescheide zu  Abraham und Selda ein. Die Schwestern sehen, dass der Antrag auf Entschädigung für die Eltern geprüft wurde, jedoch nicht für die Geschwister. Wieso wurden sie nicht für sie bearbeitet? Hatten die Behörden denn nichtauch Bescheinigungen über die Deportation für Rosa und Leo im Schreiben vom 4.9.1959 verlangt und auch weitere Fragen zu den Geschwistern gestellt?[37]Für beide Geschwister, so erfahren sie später durch die Behörde, hätten eigene Entschädigungsanträge gestellt werden müssen. Wie hätten die Schwestern das ahnen können?Waren sie falsch beraten worden? Es hat gravierende Folgen, denn es heißt, der verzweifelte Kampf um Anerkennung und Entschädigung muss weiter geführt werden. Insgesamt geht es in den nächsten Jahren um die Klärung der Frage, ob Rosa und Leo – wären sie nicht deportiert und umgebracht worden – eine höhere Ausbildung hättendurchlaufen können.Wie ihre Geschwister zuvor, gingen sie bis 1933 in das Philanthropin.[38]Die Auseinandersetzung  um Entschädigung wird sich über Jahre hinziehen.Als Laufzeit der Akte Rosa Ebe[39]und  Leo Ebe[40]ist 1962-1970 notiert, als “Erledigt“ wird der 7.3.1963 gestempelt. Letztlich kommt es bei  Leo zu einem Vergleich vom 13.10.1970; zu einer Ablehnung zu Rosa vom 24.3.1971.

Nachdem der Antrag auf„Schaden im beruflichen Fortkommen bzw. Ausbildungsschaden“ der Geschwister nicht bearbeitet, da er als nicht gestellt gesehen wurde, übernimmt Regina Rosenthal/Paris, die älteste der Schwestern -mit eidesstattlichen Erklärungen der Schwester Mary Halberstadt und Esther Clifford/ New York – am 14. September 1962 eine „neue“ Antragstellung und ein Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand  für Rosa und Leo.

 

In einem Schreiben der E.B. an RA. Zalkind vom 15.10.62 heißt es:

„Der Umstand, dass in den Entschädigungsakten der Antragsteller das Schicksal der Erblasserin bereits erwähnt ist, reicht nicht aus, um daraus eine rechtzeitige Antragstellung herzuleiten. Es hätte zumindest zum Ausdruck gebracht werden müssen, dass auch für die Schaden, die die Erblasserin erlitten hat, Entschädigung verlangt wird. Auch der Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stadt kann mit dem vorgenannten Hinweis nicht begründet werden. Ich bitte daher zu prüfen, ob die Antragstellerin andere Gründe für die verspätete Einreichung geltend machen können.“

Zalkind will diese zynische Argumentation nicht akzeptieren. In einem Schreiben vom 27.2.1963 an die E.B. spricht RA Zalkind/ Paris von „Schwierigkeiten oder Mißverständnissen in der Korrespondenz“ zwischen Antragstellerinnen und Behörde. Er bezieht sich auf Regina Rosenthal, die „in der eidesstattlichen Versicherung neben den umgekommenen Eltern ausdrücklich ihre Schwester Rosie Ebe erwähnt hat, deren Verfolgungsvorgang ja der gleiche ist. Sie war also der Meinung, dass sie auch ihre Rechte nach der verstorbenen Schwester Rosie Ebe geltend macht. Sie hätte ja sonst keinen anderen Grund, diese Schwester ausdrücklich zu benennen. Ich glaube also, dass Frau Regina Rosenthal damit klar zum Ausdruck gebracht hat, das sie auch die Rechte nach der verstorbenen Schwester geltend macht. Ich bitte also um Ihr Verständnis zu dieser Frage und bitte Sie, den Wiedereinsetzungsantrag gemäß §§ 189 BEG .“

Ist ein Fehler unterlaufen? RA.Volmer gibt zu bedenken: „Die Deportation und der nachfolgende Tod der Eltern ist in den genannten Akten festgestellt worden. Hinsichtlich der Geschwister bestand bisher keine Veranlassung, Anträge zu stellen, da der Freiheitsschaden sich nicht auf die Geschwister vererbt.“

Sehr rasch – bereits am 11.3.1963 (15.3.1963) werden alle Entschädigungsansprüche und Wiedereinsetzungsanträgein den vorigen Stand für beide Geschwister abgelehnt. Als Begründung heißt es u.a., da sie „nicht rechtzeitig bis zum 1.4.1958“ eingegangen seien, aber auch, da im Antrag um Wiedereinsetzung keine „bestimmten oder bestimmbaren Entschädigungsleistungen für den Erblasser verlangt werden.“ Dies sei für die Gültigkeit eines Antrages erforderlich.

Schauen wir uns auszugsweise den Bescheid zu „Ablehnung Leo Rosenthal“an.

„Die Antragsteller sind, wie sie vortragen, die Geschwister und Erben des in der Deportation verstorbenen Erblassers, der jüdischer Abstammung war und seinen letzten inländischem Wohnsitz in Frankfurt a.M. hatte Bl. 1)

Am 14.9. 1962 haben die Antragsteller bei Regierungspräsidenten in Wiesbaden beantragt, ihnen für Schaden im beruflichen Fortkommen  des Erblassers Entschädigung zuzuerkennen (Bl. 1). Hilfsweise haben sie wegen des verspäteten Eingangs des Antrages um Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gebeten (Bl. 1).

Die Antragsteller meinen, der Antrag sei schon im Juli 1957 eingebracht worden.

Zu jener Zeit sei nämlich der Entschädigungsantrag nach ihrem verstorbenen Vater gestellt worden und dort haben die Antragstellerin zu 1.) ausdrücklich erklärt, dass der Erblasser gemeinsam mit den Eltern nach Polen abgeschoben wurde, sie von ihren Familienangehörigen nichts mehr gehört habe und deshalb annehmen müsse, dass alle umgekommen seien. Die Antragsteller seien daher der Meinung, durch diese Schilderung seien auch ausdrücklich die Rechte nach dem Erblasser geltend gemacht.

Die Entschädigungsakten Abraham E b e – 48916 – und Golda E b e[41]– 48917 – des Regierungspräsidenten in Wiesbaden wurden beigezogen. Hieraus ergibt sich aus der eidesstattlichen Versicherung der Antragstellerin zu 1.), dass das Schicksal des Erblassers dahingehend beschrieben wurde, dass er zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwestern Rosi 1938 nach Polen abgeschoben wurde und vermutlich in Warschau umgekommen sei (Bl. 13 d.A. 48916).

 

Entscheidungsgründe

Gemäß § 185 Abs. 2 Ziff. 2. BEG. §§ 1 u. 2 HZVO ist der Regierungspräsident in Wiesbaden für die Entscheidung über den geltend gemachten Anspruch zuständig, denn aus den bei gezogenen Entschädigungsakten der Eltern des Erblassers geht hervor, dass dieser vor seiner Abschiebung nach Polen seinen Wohnsitz in Frankfurt a.M. hatte.

Der Antrag auf Gewährung von Entschädigung nach dem Bundesentschädigungsgesetz ist nicht rechtzeitig– nämlich bis zum 1.4.1958 – eingegangen.

 

Diebloße Erwähnung des Schicksals des Erblassers in der eidesstattlichen Versicherung der Antragstellerin zu 1.) vom 10.6.1957, die in der Entschädigungssache nach dem verstorbenen Vater der Antragstellerin vorgelegt wurde, ist kein rechtswirksamer Antrag auf Gewährung von Entschädigungsleistungen, denn aus ihr geht nicht hervor, dass irgendwelche bestimmten oder bestimmbaren Entschädigungsleistungen für den Erblasser verlangt werden. Ein solches erkennbares Begehren ist aber für die Gültigkeit eines Antrages erforderlich.

 

Dem Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand kannnicht stattgegeben werden.

Nach § 189 Abs. 3 BEG ist, wenn der Antragsteller ohne sein Verschulden verhindert war, die Antragsfrist einzuhalten, ihm auf Antrag Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu gewähren.

Diese Voraussetzungen treffen für die Antragsteller nicht zu, denn wie festgestellt werden musste, haben sie die Nichteinhaltung der Antragsfrist verschuldet.

Nachdem die Antragstellerin zu 1.) bereits 1957 die Anträge auf Gewährung von Entschädigungsleistungen nach ihren Eltern eingebracht hat, steht fest, dass sie schon vor Ablauf der Antragsfrist mit Entschädigungssachen befasst war.

Sie hätte sich daher in jener Zeit bei der Entschädigungsbehörde darüber erkundigen müssen, ob sie für ihren Bruder nicht einem gesonderten Entschädigungsantrag einbringen muss. Dass eine solche Anfrage in diesem Falle nahe liegt, ergibt sich insbesondere auch daraus, dass die Antragsstellerin zu 1.) für ihre Eltern zwei getrennte Anträge eingebracht hat.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 207 BEG.“

 

Wie bereits erwähnt, zeigte sich bald, dass die Fristenregelung des BEG – „Antragsfrist für Entschädigungen bis zum 01.10.1957“ – unrealistisch war. Das Gesetz wurde 1965 modifiziert, wodurch nun diesmal Anwalt Dr. Norbert Volmer die Möglichkeit erhält, erneut zu handeln. Im Schreiben vom 29. 9.1966 stellt er einen Neuantrag auf „ererbten Ausbildungsschaden nach §116 BEG neuer Fassung in Verbindung mit § 140 Abs. 1. BEG zu einer Zahlung von DM 10.000,– für jeweils Rosi/Rosa und Leo Ebe an den Regierungspräsidenten/Wiesbaden.

„In der Entschädigungssache Regina Rosenthal, geb. Ebe (…) nach ihrem Bruder Leo Ebe(…) wird geltend gemacht ererbter Ausbildungsschaden nach §116 BEG, neuer Fassung in Verbindung mit § 140 Abs. 1. BEG, in Höhe von DM 10.000,–. Nach der bisherigen Fassung des § 140 Abs. 3 BEG war der Ausbildungsschaden nicht vererblich, diese bisherige Fassung ist durch das Schlussgesetz gestrichen worden, so dass sich nun die Möglichkeit zur Anmeldung ergibt. (Dr. Volmer (Rechtsanwalt)“[42]

Zur “Substantiierung“ des Antrags von Regina Rosenthal zu Leo Ebe reicht RA. Dr. Volmer folgende Unterlagen nach, die am14. März 1967bei der E.B. eingehen.[43]

„1) eidesstattl. Versicherung der Antragstellerin vom 6. März 1967, aus der ich zu entnehmen bitte, dass der Bruder Leo auf der Philanthropin-Schule in Frankfurt/M. war, die er 1934 ohne Abschluß-Prüfung verlassen musste, so dass er anstelle der von ihm erstrebten Ausbildung als Mediziner eine kaufmännische Tätigkeit aufnehmen musste.

2) Geburtsurkunde des Bruders Leo als Nachweis dafür, dass er gelebt hat.

3) Originalschreiben der Antragstellerin und ihres Ehemannes an ihre nach Polen abgeschobene Familie und deren Antwort vom 13. Aug. 1941.

4) Postkarte des Herrn Josef Nasilowicz vom 7.9.1942, mit dem dieser mitteilte, das seine Versuche, mit der Familie der Ast. in Polen zu korrespondieren, fehlgeschlagen sei und dass seine Briefe zurückgekommen seien mit dem Vermerk: „Empfänger unbekannt verzogen“.

5) Auskunft der Bundesversicherungsanstalt, aus der sich ergibt, dass Herr Leo Ebe vom Jahre 1934 bis 1938 gearbeitet hat und Angestelltenversicherung abgeführt ist.“

 

Regina Rosenthal schreibt  am 6. März 1967 zur Situation der Geschwister:

„Meine Schwester Rosa war ursprünglich in München zur Schule gegangen. Nachdem wir im Jahre 1921 genötigt waren, Bayern zu verlassen, haben wir alle etwa zwei Jahre lang den Schulbesuch versäumt, bis es meinen Eltern gelungen war, in Frankfurt Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Wir haben alle das Lyzeum Philanthropin in Frankfurt a.M. besucht. Meine Schwester Rosa, welche durch den Wohnsitzwechsel zwei Jahre verloren hatte, befand sich daher im Jahre 1933 noch auf der Schule, da sie ihr Abitur machen wollte. Gleichfalls befand sich mein Bruder Leo, der damals 15 Jahre alt war, auf der Philanthropin-Schule. Beide mussten im Jahre 1934 – ohne Abschlussprüfung – die Schule verlassen, da mein Vater, der Inhaber eines Lederwarengeschäftes war, durch den Boykott finanziell derart ruiniert war, dass er es sich nicht mehr leisten konnte, seine Kinder auf eine höhere Schule zu schicken.“[44]

„Mein Bruder Leo hat daraufhin eine Stellung als kaufmännischer Angestellter angenommen. Dieses war jedoch lediglich ein Ausweichberuf, der in keiner Weise den Hoffnungen entsprach, die er sich gemacht hatte, denn er war ein intelligenter Junge und wollte Medizin studieren. – Meine Schwester Rosa dagegen hat nach dem erzwungenen Abgang von der Schule lediglich meiner Mutter im Haushalt geholfen.“[45]

Willy (Chil) Rosenthal,[46]der Ehemann von Regina Rosenthal, Schwager der ermordeten Geschwister, schreibt aus Paris an Rechtsanwalt Dr. Norbert Volmer/Wiesbaden, und versucht die Position der Schwestern zu unterstützen:

 

„Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt,

erlaube ich mir noch auf Folgendes hinzuweisen: Es trifft zu, dass die Antragstellerin zu 1, meine Ehefrau, nur mit einer Reifeprüfung für die Obersekunda von dem Lyzeum abgegangen ist, dagegen die Antragstellerin zu 2, Mary Halberstadt, nach ihrem Schulbesuch des Lyzeums in Fffmain, die Hochschule für Kunstgewerbe (in Offenbach a/Main) vier Jahre lang besucht. Der umgekommene Leo Ebe war, als einziger Sohn von seinen vier Schwestern, ein äußerst begabter Schüler und seine Eltern hatte ihn für ein Studium, meiner Entsinnung nach an der Universität in F(rankfurt)/Main bestimmt. Nur auf Grund der damaligen Verhältnisse, musste er seinen weiteren Schulbesuch unterbrechen und auf ein weiteres Studium verzichten. Vielleicht ist es Ihnen möglich einen besseren Vergleichsvorschlag der E.B. zu erhalten und wäre Ihnen dankbar, wenn diese Sache noch vor den Ferien erledigt werden könnte. Mit vorzüglicher Hochachtung Rosenthal.“[47

Ein Begleitschreiben vom 26.2.1967 der ehemaligen Studienrätin Frau Tilly Epstein, Lugano-Viganello, die am Philanthropin in Frankfurt unterrichtete, bestätigt, dass sie Leo als Schüler dieser Institution kannte, auch wenn sie ihn selber nicht unterrichtet hatte. Mit gleichem Datum erklärt sie, dass auch Rosa Ebe bis 1933 Schülerin der Institution gewesen sei. Ebenso werden Schulzeugnisse des Philanthropin für die Jahre 1923/24 bis 1925/26 von den Schwestern besorgt

Bereits am 5.12.1966 stellt Regina Rosenthal einen Antrag auf Bestätigung der gezahlten Beiträge ihres Bruder Leo Ebe an das Bundesamt für Angestellte in Berlin/Wilmersdorf und leitet dasAntwortschreiben mit Datum von 15.12.1966 weiter. Es bestätigt, dass Leo Ebe Beiträge an die BfA von 1934 bis 1938 gezahlt hat.

Die E.B. weist in einem Bescheid vom 20. Mai 1970 den Antrag der Antragstellerinnen nach ihrer Schwester Rosa Ebe nach der „Zuerkennung einer Kapitalentschädigung wegen Schadens in der Ausbildung nach der Erblasserin“ ab. Die E.B. schreibt dazu:

„Mit Bescheid vom 20.5.1970 wurde der Entschädigungsanspruch wegen Ausbildungsschadens nach der ebenfalls in der Deportation umgekommenen Schwester des Erblassers, Rosie Ebe, abgelehnt. Hauptgrund der war, dass der nach den Angaben der Antragstellerinnen im Jahre 1934 erfolgte Schulabgang der Erblasserin Rosie Ebe unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse ihres Vaters nicht auf eine wirtschaftliche Verhältnisse ihrer Eltern zurückgeführt werden konnte.“

Der Brief  des Regierungspräsidenten mit dem Bescheid vom 20. Mai 1970, in dem „die Forderung betr. Entschädigungssachen nach Rosa Ebe (letzte Vorsprache 13.5.1970) leider negativ ausfallen musste“, wendet sich am selben Tag (!!!), mit einem Angebot bezogen auf Leo Ebe an den Anwalt Dr. Volmer

„Wie Sie aus der Bescheidsbegründung ersehen werden, sind auch die Erfolgsaussichten für den Ausbildungsschaden nach Leo Ebe als ziemlich ungünstig zu beurteilen. Es scheint auch hier ausgeschlossen, dass Leo Ebe das Philanthropin in Frankfurt am M. im Jahre 1934 deshalb verlassen musste, weil sein Vater den weiteren Schulbesuch nicht mehr finanzieren konnte. Da andererseits nicht mit letzter Sicherheit verneint werden kann, dass Leo Ebe im Jahre 1938 aus seiner Berufsausbildung als kaufmännischer Angestellter verdrängt worden ist, obwohl er bereits 1934 seine Stellung als kaufmännischer Angestellter angetreten haben will, bin ich in dieser Sache zu einem Vergleich auf der Grundlage von 5.000.– DM  bereit. Ich erbitte deshalb Ihre Mitteilung, ob Sie mit dem Vergleichsvorschlag in vorgenannter Höhe einverstanden sind. Gegebenenfalls würde ich Ihnen dann umgehend einen entsprechenden Vergleichsentwurf zur Unterzeichnung zusenden. Mit vorzüglicher Hochachtung.“[48]

Der Vergleichsvorschlag für Leo Ebe wird angenommen und am 13.10.1970 wird zwischen den Antragstellerinnen (vertreten durch Dr. Volmer)  und dem Land Hessen, vertreten durch den Regierungspräsidenten – E.B. – in Darmstadt folgendes beschlossen:[49]

 

1) eine Kapitalentschädigung in Höhe von                                                     5.000,– DM

2) einen Zinszuschlag für die Zeit bis 31.5.1970 in Höhe von                        100,– DM.

 

So dass ein Gesamtbetrag in Höhe von 5100,– DM zur Auszahlung an die Erbengemeinschaft zur gesamten Hand gelangt.

  1. Damit sind alle Entschädigungsansprüche wegen Schadens im beruflichen Fortkommen nach dem Erblasser gegen das Land Hessen abgegolten.

III. Der Vergleich ergeht kostenfrei.“

 

 

Datum Blattzahl Art des Bescheides Erhaltener Betrag MdF/GFD
13.10.70 43 Ausbildung, Vergleich + Zinsen 5100,–

 

Zum Bescheid vom 13. Oktober ist der Aktenvermerk „i.Sa, nach Leo Ebe zum Vergleich“ beigefügt.

„Der Erblasser war jüdischer Abstammung (Bl. 20. d. A.)  und hatte vor der Deportation nach dem Osten im Jahre 1938 seinen letzten Inlandswohnsitz in Frankfurt (Main) (Bl. 1.8. 21. D. A.): 12 d. A. 48 916). Laut Erbschein des Amtsgerichts Wiesbaden vom 10.1.1969 ist der Erblasser von seinen Geschwistern, den Antragstellerinnen zu 1) bis 3) beerbt worden (Bl. 39 d. A.)

Nachdem mit Bescheid vom 7.3.1963 (Bl. 7 a. D.) Anträge auf Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen nach dem Erblasser und auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand als verspätet bzw. infolge verschuldeter Fristversäumung abgelehnt worden waren, haben die Antragstellerinnen mit am 30.9.1966 eingegangenen Schreiben gemäß §§ 116, 140 Abs. 1 BEG einen ererbten Ausbildungsschaden nach ihrem Bruder geltend gemacht (Bl. 13 d. A.) und zur Begründung folgendes vorgetragen (Bl. 18, 19, 25 d. A.)

Der Erblasser habe das Philanthropin in Frankfurt (Main) besucht, um dort das Abitur zu machen und um später Medizin zu studieren. Er habe jedoch – ebenso wie seine Schwester Rosie – die Schule 1934 ohne Abschlussprüfung verlassen müssen, da sein Vater, durch NS-Boykottmaßnahmen gegen sein Geschäft finanziell ruiniert, nicht mehr in der Lage gewesen sei, seine Kinder auf die höhere Schule zu schicken. Nach dem erzwungenen Abgang von der Schule habe der Erblasser eine Stellung als kaufmännischer Angestellter angetreten

Nach Auskunft der BfA hat der Erblasser Beiträge von 1934 bis 1938 entrichtet (Bl. 23, 224 d. A.). Sowohl die Philanthropin Association, Inc. als auch eine frühere Studienrätin des Philanthropin in Frankfurt (Main) haben bestätigt, dass der Erblasser Schüler der vorgenannten Lehranstalt gewesen ist (Bl. 28, 29 d. A.).“

Die Zahlung zu Leo Ebe von 5100,– DM nach dem Vergleich erfolgt.

Nachdem der Antrag auf Ausbildungsschaden, 31 Seiten, zu Rosa Ebe, erneut zurückgewiesen wird, schreibt Regina Rosenthal für eineerneute Klage zum 31.8.1970 als Begründung an Rechtsanwalt Dr. Volmer,dass jüdische Familien zumindest einem Kind eine höhere Ausbildung zukommen lassen wollen. Ihr Anwalt Dr. Volmer trägt ihr Schreiben folgendermaßen vor:

„Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Verfolgte Rosi Ebe eine ausgesprochen gute Schülerin war, die nur die besten Noten hatte. Das war auch der Grund, warum sie länger als ihre Schwestern zur Schule ging und das Abitur machen wollte. Es ist ja in kinderreichen Familie durchaus üblich, dass das eine Kind mehr und das andere weniger Eignung zum Lernen aufbringt. Frau Rosenthal ist mit der Primarreife abgegangen, weil sie immer überzeugt war, dass sie eines Tages heiraten würde und auch keine besondere Berufung zum Studium in sich verspürte.“

Regina Rosenthal appelliert an die Behörde, sich an die Lebensumstände im nationalsozialistischen Deutschland zurückzuerinnern:

 

„Meiner Erinnerung nach, hat sie ihren Schulbesuch schon im Jahre 1933 unterbrochen. Sie war von den Boykottmaßnahmen am 1.4.1933 sehr beeindruckt und niedergeschlagen, denn schon im Anfang 1933 begannen in Frankfurt am Main die Ausschreitungen gegen Juden. Sie hat es u.a. mit angesehen, wie eine Kolonne angesehener Geschäftsleute, von bewaffneter SA und SS umgeben, durch die Stadt geführt wurden und beiliegende Aufschriften tragen mussten und dem Spott und Hass der Bevölkerung ausgesetzt waren. Viele von diesen Menschen wurden dann verhaftet. Meine Schwester und wir selbst waren vollkommen decouragiert         und überzeugt, dass ein weiterer Schulbesuch und ein späteres Studium für die Zukunft aussichtslos sein würde. Auch meine eigene Auswanderung im Mai 1933 hatte sie sehr mitgenommen. Sie war eine sehr gute Schülerin und hätte es, wenn sich die Verhältnisse nicht geändert hätten, sehr weit bringen können. Die Studienrätin, die seinerseits die Bescheinigung für uns abgab, kann bekunden, welch gute Schülerin sie war.

Die  Annahme des beklagten Landes, Rosi Ebe könne nur wegen unzureichender Leistungen oder Examensangst abgegangen sein, ist völlig abwegig.“[50]

 

  1. Dr. Volmer wehrt die Begründung der E.B. ab:

 

„Unrichtig ist auch die Behauptung des beklagten Landes, dass mein Vortrag, der Vater hätte ein Studium seiner Tochter nach 1933 nicht mehr finanzieren können, durch die Erhebung in der Berufsschadenssache des Vaters widerlegt sei. In der Berufsschadenssache des Vaters ist festgestellt, dass der Vater zwischen 1933 und 1936 ganze sage und schreibe RM 6.000,– jährlich verdient hat und bei einem solchen Einkommen von DM 500,– monatlich kann man doch wirklich nicht mehrere Kinder ohne Schwierigkeiten noch jahrelang auf die Schule schicken und studieren lassen.

Vor allem verkennt das beklagte Land, in welchem seelischen Zustand sich diese aus Polen stammenden Leute in jenen Monaten befunden haben. Sie waren wenige Jahre vorher aus Polen gekommen, hatten sich zunächst in München niedergelassen und waren von dort ausgewiesen worden. Ein Niederlassungsversuch in Leipzig misslang, und als die Familie sich schließlich in Frankfurt niederließ, hatte Rosi Ebe zwei Schuljahre verloren. Das war der Grund, weshalb sie mit 20 Jahren noch zur Schule ging. – Jüdische Familien polnischen Ursprungs haben in jenen Monaten völlig den Kopf verloren. Dass unter diesen Umständen ein junges Mädchen den Schulbesuch aufgibt, ist völlig verständlich.“[51]

„Das beklagte Land begründet die Ablehnung damit, dass ein verfolgungsbedingter Schaden nicht vorliegt, da die wirtschaftlichen Verhältnisse des Vaters es zugelassen hatten, die Erblasserin weiterhin die Schule besuchen zu lassen. Es mag dahin gestellt bleiben, ob die wirtschaftlichen Verhältnisse des Vaters Abraham Ebe eine weitere Ausbildung zugelassen hatten. Jedenfalls war 1934 ersichtlich, dass ein weiterer Besuch der Schule nutzlos war, da keine Aussicht bestand einen entsprechend adäquaten Beruf zu erhalten oder ein Studium durchführen zu können.“

„Durch Bescheid vom 20.5.1970 hat die Entschädigungsbehörde den Antrag zurückgewiesen. Zur Begründung hat sie ausgeführt, eine verfolgungsbedingte wirtschaftliche Notlage des Vaters sei nicht der Grund für den Schulabgang der Erblasserin gewesen. Wie sich aus dem Entschädigungsverfahren nach dem Vater Abraham Ebe ergeben, habe der Vater bis 1936 ein gutgehendes Geschäft geführt und in den Jahren 1933 bis 35 ein Einkommen von ca. 6.000 RM jährlich gehabt. Erst 1936 sei der Geschäftsgewinn infolge von Boykottmaßnahmen etwa um die Hälfte zurückgegangen. Die Tatsache, dass auch die ältere Schwester, die Klägerin zu 1), das Philanthropin im Jahre 1926 mit mittlerer Reife verlassen habe, lege die Vermutung nahe, dass auch die Erblasserin nur die mittlerer Reife erstreben sollte. Es stehe daher fest, dass die Erblasserin nicht wegen Unrechtsmaßnahmen des ns. Regimes 1933 oder 1934 von der Schule abgegangen ist.

Gegen diesen ihrem Bevollmächtigen am 30.5.1970 zugestellten Bescheid haben die Klägerinnen am 31.8.1970 Klage erhoben. Sie tragen vor, es könne dahingestellt bleiben, ob die wirtschaftlichen Verhältnisse des Vaters Abraham Ebe einen weiteren Schulbesuch der Erblasserin zugelassen hätten. Jedenfalls sei 1934 erkennbar gewesen, dass ein weiterer Besuch der Schule nutzlos gewesen wäre, da ein adäquater Beruf oder ein Studium der Erblasserin nicht mehr offen gestanden habe. Die Erblasserin sei von den Boykottmaßnahmen am 1.4.1933 und den Ausschreitungen gegen Juden in Frankfurt/Main sehr beeindruckt und niedergeschlagen gewesen. Sie sei daher überzeugt gewesen, dass ein weiterer Schulbesuch aussichtslos sei. Sie sei im übrigen   eine sehr gute Schülerin gewesen.“

„Die Erblasserin hat das Lyzeum des Philanthropin im Jahre 1934 nicht aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, jedenfalls nicht wegen eines durch Verfolgungsmaßnahmen hervorgerufenen wirtschaftlichen Abstieges ihres Vaters. Wie im angefochtenen Bescheid zutreffend dargelegt ist, ergibt sich aus dem Entschädigungsverfahren nach dem Vater Abraham E b e (Entschädigungsakten 48 916 des Regierungspräsidenten in Darmstadt), dass dessen Geschäft mit der Herstellung und Vertrieb von Lederwaren erst 1936 zurückging. In den Jahren 1933-1935 belief sich sein Einkommen nach Angaben der Klägerinnen auf ca. 6.000,– DM. Nach der Aussage des Zeugen Erbesfeld hatte der Vater im Jahre 1934 -1936 ein gutgehendes Geschäft. Ist daher kein Anhaltspunkt dafür gegeben, dass bereits 1933/34 die wirtschaftlichen Verhältnisse des Vaters sich durch Verfolgungsmaßnahmen so verschlechtert hatten, dass die Erblasserin deswegen von der Schule genommen werden musste

Die Erblasserin hat das Lyzeum mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht deswegen verlassen, weil sie wegen der einsetzenden Judenverfolgung keine Möglichkeit sah, nach

bestandenem Abitur einen adäquaten Beruf zu ergreifen oder ein Studium aufzunehmen. Das Philanthropin war eine jüdische Schule, in der – wie der Kammer aus anderen Entschädigungsverfahren bekannt ist – noch mehrere Jahre nach 1934 das Abitur abgelegt wurde. Nach der eidesstattlichen Versicherung der Klägerinnen zu 1) vom 6.3.1967 hat die Erblasserin nicht einmal den Versuch unternommen, einen anderen Beruf zu ergreifen, sondern hat lediglich ihrer Mutter im Haushalt geholfen. Sie hätte also genauso  gut die Schule weiter besuchen können. Das gilt umso mehr, als die Erblasserin nach Darstellung der Klägerinnen eine sehr gute Schülerin war, was einschließt, dass ihr der Schulbesuch Freude machte oder jedenfalls keine Schwierigkeiten bereitete. Die in der Klagebegründung gegebene Darstellung der Gründe des Schulabganges vermag daher ebenfalls nicht zu überzeugen.

Die Erblasserin hat nach Überzeugung der Kammer das Lyzeum nicht aus  Verfolgungsgründen verlassen, sondern wegen anderer Umstände, sei es aus schulischen Gründen – schlechte Leistungen, Examensangst –        oder aus familiären Gründen – auch die Geschwister haben nur die mittlere Reife erworben. – Es bedarf keiner Feststellung, welcher von Verfolgungsmaßnahmen unabhängiger Grund für den Abgang der Erblasser von der Schule maßgebend war.“

Fassen wir die jahrelangen Verhandlungen zwischen den Klägerinnen und der Entschädigungsbehörde zusammen: Die Schwesternargumentieren, dass die Geschwister – Rosa, geb. am 10.08.1914 in Offenbach, Leo, geb. am 07.03. 1918 in Hannover, zum Zeitpunkt der Deportation 24 und 20 Jahre alt -, ohne die Machtergreifung der Nationalsozialisten die höhere Schullaufbahn absolviert und studiert hätten. Sie waren zur Zeit der Machtergreifung erfolgreiche Schüler des Philanthropin in Frankfurt. Bereits die älteren Schwestern Regina und Mary hatten – noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, und trotz der insgesamt schwierigen Situation für jüdische Zuwanderer aus Polen – diese Schule in Frankfurt besucht und einen mittleren Schulabschluss erreicht. Danach hatte Regina eine Berufsausbildung abgeschlossen, Mary die Kunsthochschule in Offenbach besucht. Wieso hätten die jüngeren Geschwister nicht auch einen höheren Schulabschluss erreichen und studieren können?

Die E.B.streitet die Forderungen zu Rosa und Leo vehement ab. Begründungen für Rosas schulischer und beruflicher Ausbildung werden als „Scheinargumente“ abgetan. Die E.B. spricht sogar von einem „Widerspruch“, da nach den von Ernest I. Erbesfeld gemachten Aussagen das Einkommen der Familie bis Ende 1935 stabil gewesen sei, die Schwestern jedoch argumentierten, dass „der Vater auf Grund der gegen sein Lederwarengeschäft gerichteten NS-Boykottmaßnahmen finanziell nicht mehr in der Lage gewesen sei, seine Kinder auf die höhere Schule zu schicken.“ Die Behörde anerkennt nur wirtschaftliche Gründe, nicht jedoch persönliche, die jüdische Kinder in einer durch Hass geprägten Welt nach der Machtergreifung zwangen, den Besuch der Schule abzubrechen

Die Anträge zu Rosa werden in allen Instanzen abgelehnt. Für Leo wird am 20. Mai 1970 ein Vergleich angeboten, dem selben Tag, an dem der  Antrag zu Rosa abgelehnt wird.

Parallel zu den Anträgen zu den ermordeten Eltern und Geschwistern stellt Regina Rosenthaleinen Antrag zu ihren eigenen Schädigungen. Drei Akten spiegeln ihren lebenslangen Kampf dar. Ein ärztliches Gutachten von Dr. Minkowski/Nervenarzt, Paris, vom 12.3.1966 diagnostiziert: „müde, leicht ermüdbar, immer nervös, unter Druck, traurig, kann nicht schlafen“. „Das Leben war nach der Machtergreifung 1933 vollkommen erschüttert,“ schreibt Regina. Im Mai 1933 war sie mit ihrem Ehemann Willy und dem 3jährigen Sohn Hermann (Henry), geb. 29.10.1930 in Frankfurt, und den Schwiegereltern aus einem gutsituierten Leben in Frankfurt erst nach Straßburg, von dort in die Vogesen, dann nach Clermont-Ferrand geflohen. Dort versteckt sie sich in einem Stall, ihr Sohn Hermann wird bei einem Priester unter falschem Namen untergebracht, ihr Mann schließt sich dem Widerstand an. Sie  überleben. Zeitlebens hat sie Beschwerden: Angstzustände, Herzklopfen, nervöse Störungen mit Depressionen. Für das „Leben in der Illegalität“ wird ihr am 23.2.1959  eine Entschädigung in Höhe von 3.150,– DM  gewährt: Berechnet wird der Zeitraum vom 10.11. 1942 bis Mitte August 1944  – 21 Monate und 5 Tage. Sie stellt auch am 12.8.1958 einen Antrag für Ihren Sohn. Nach jahrelangen Verhandlungen wird Regina Rosenthal zu „Schaden an Gesundheit“ eine Entschädigung für Heilkosten und Medikamente erhalten. Der letzte Brief der E.B. an Regina Rosenthal vom 25.3.2002 zeigt, dass sie zumindest – bis zu ihrem Tode am 11.11.2002 – nach all dem Kampf eine kleine Rente erhielt.

 

[1]          https://kamiltaylan.blog/de/Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt.

[2]          Die Aktenzeichen der Familie Ebe sind HHStAW 518, 55556 – Abraham Ebe, 518, 55559 – Selda Ebe, 518, 55558 – Rosie Ebe, 518, 55557 – Leo Ebe; HHStAW 518, 48433 und 89033 – Regina Rosenthal

[3]          https://de.wikipedia.org„Bundesentschädigungsgesetz“.

[4]          Ebenda.

[5]          Ebenda.

[6]          Ebenda.

[7]          Unterzeichnet von Drst. Jerome Kamlet M. D.in AkteHHStAW 518, 48433 Regina Rosenthal

[8]          Amtsärztliches Gutachten von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, in AkteHHStAW 518,89033 Regina Rosenthal, S.91-93.

[9]          Ebenda.

[10]         https://de.m.wikipedia.org/Bundesentsch%C3%A4digungsgesetz.Das BEG, Kurztitel „Entschädigungsgesetz“, wurde 1965 zum BEG-Schlußgesetz erweitert. „Dabei konnte durch eine Regelung der Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand der Antragsteller, hatte er ohne eigenes Verschulden die Frist zum 1. April 1958 nicht eingehalten, weiter seine Ansprüche anmelden.“

[11]         https://de.wikipedia.org: „Als Polenaktion bezeichnete man die Ende Oktober 1938 auf Anweisung Heinrich Himmlers und in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt kurzfristig durchgeführte Verhaftung von mindestens 17.000 im Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden und ihre Ausweisung und Verbringung an die polnische Grenze. Die Abschiebung erfolgte gewaltsam und kam für die Betroffenen völlig überraschend. Herschel Grynszpan, dessen Eltern betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb, was wiederum Anlass für die Novemberpogrome 1938 war.“

[12]         Siehe Fußnote 3: https:// kamiltaylan.blog Dort Fußnote 39-41 zur der Deportation von Verwandten aus Deutschland und Polen.

[13]         Vgl. ebenda. Fußnote 38.

[14]          Zu den Gesetzen siehe Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (Bundesentschädigungsgesetz – BEG) auch unter  www.gesetze-im-Internet.de

[15]          Schreiben vom Amtsgericht, Abt. 41 Wiesbaden, vom 4.9.1959 in Akte HHStAW 518, 55559 Selda Ebe.

[16]         gez. Knapp, Amtsgericht , beglaubigt Rettert, Justizangestellte in Akte Akte HHStAW 518, 55559 Selda Ebe.

[17]         Akte HHStAW 518, 48917, S. 3

[18]          Akte HHStAW 518, 55557, Leo Ebe, Ablehnung vom 15.3.1963)

[19]         Schreiben der E.B. vom 15.3.63 in Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[20]         Schreiben von Esther Clifford vom 26.8.1961 in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[21]          Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal/Paris vom Dezember 1958 in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[22]          Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[23]           Eidesstattliche Erklärung Willy Rosenthal vom 21. Januar 1957 .

[24]          Bescheid vom E.S. vom 27.9.1961.

[25]          Ebenda.

[26]           Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal/Paris vom Dezember 1958 in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[27]           Eidesstattliche Erklärung Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957/Stempel 21.6.1957, S.14 in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[28]         Schreibenvom Amtsgericht, Abt. 41 Wiesbaden, 4.9.1959 in Akte HHStW 518, 55559 Selda Ebe.

[29]         Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford vom 13.06.1957 S.13, in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[30]         Bescheid „Freiheitsschaden“ vom 29. Januar 1960 in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[31]         Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford vom 13.6.1957, S. 13.  in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[32]         Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHStAW 518, 55556 Abraham Ebe.

[33]         Siehe den Text in „Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt“ in https://kamiltaylan.blog

[34]         Vom Warschauer Ghetto wurden circa 220.000 Menschen ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

[35]         Siehe Begründungin Akte HHStAW, 558, 55559 Selda Ebe.

[36]         Schreiben vom Regierungspräsidenten vom 29. Januar, S. 4., In Akte HHStAW, 518, 5559 Selda Ebe.

[37]         Vgl. Fußnote 19:Schreiben aus Wiesbaden, 4.9.1959

[38]         https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) Das Philanthropin war eine der Schulen der ehemaligen israelitischen Gemeinde. Es bestand von 1804 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942. „Mit bis zu 1000 Schülern war es die größte und am längsten bestehende Schule in Deutschland.“ – Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist es Sitz der I. E. Lichtigfeld Schule, einer Grundschule mit Gymnasium der 1949 wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde Frankfurts.

[39]         Akte HHStAW 518, 55558 Rosa Ebe.

[40]         Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[41]         Wie bereits weiter oben  angemerkt, haben sich wieder Fehler von Seiten der Behörden eingeschlichen: Es wird hier als Name der Mutter – Golda statt Selda – und weiter unten – als Antragsdatum der 10.6.1957, anstatt des 8. Juli 1957 genannt.

[42]         In Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[43]         Schreiben in Akte  HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[44]         Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal vom S. 18,  in Akte HHStAW 518, 55558 Rosa Ebe.

[45]         Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal vom 6. März 1967 in Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[46]         Er ist Kaufmann von Beruf. Seine Familie ist bereits seit 1919 in Preußen eingebürgert worden.

[47]          Schreiben von Willy (Chil) Rosenthal an Rechtsanwalt Dr. Volmer, Wiesbaden  in Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[48]   Schreiben des Regierungspräsidenten vom 29.5.1970 in Akte HHStAW 518, 55557 Leo Ebe.

[49]   Ebenda.

[50]         Antrag von Dr. Volmer an den Regierungspräsidenten vom 30.September 1966 in Akte HHStAW, 518, 55557 Leo Ebe

[51]         Schreiben in Akte HHStAW 518, 55558 Rosa Ebe

[1]https://kamiltaylan.blog/de/Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt.

[2]Die Aktenzeichen der Familie Ebe sind HHStAW 518,55556 – Abraham Ebe, 518,55559 – Selda Ebe, 518,55558 – Rosie Ebe, 518,55557 – Leo Ebe,

[3]https://de.wikipedia.org„Bundesentschädigungsgesetz“.

[4]Ebenda.

[5]Ebenda.

[6]Ebenda.

[7]Unterzeichnet von Drst. Jerome Kamlet M. D.in AkteHHStAW, 518, 48433

[8]Amtsärztliches Gutachten von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, in Akte89033, S.91-93.

[9]Ebenda.

[10]https://de.m.wikipedia.org/Bundesentsch%C3%A4digungsgesetz.Das BEG, Kurztitel „Entschädigungsgesetz“, wurde 1965 zum BEG-Schlußgesetz erweitert. „Dabei konnte durch eine Regelung der Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand der Antragsteller, hatte er ohne eigenes Verschulden die Frist zum 1. April 1958 nicht eingehalten, weiter seine Ansprüche anmelden.“

[11]https://de.wikipedia.org: „Als Polenaktion bezeichnete man die Ende Oktober 1938 auf Anweisung Heinrich Himmlers und in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt kurzfristig durchgeführte Verhaftung von mindestens 17.000 im Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden und ihre Ausweisung und Verbringung an die polnische Grenze. Die Abschiebung erfolgte gewaltsam und kam für die Betroffenen völlig überraschend. Herschel Grynszpan, dessen Eltern betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb, was wiederum Anlass für die Novemberpogrome 1938 war.“

[12]Siehe Fußnote 3: https:// kamiltaylan.blog  Dort Fußnote 39-41 zur der Deportation von Verwandten aus Deutschland und Polen.

[13]Vgl. ebenda. Fußnote 38.

[14] Zu den Gesetzen siehe Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (Bundesentschädigungsgesetz – BEG) auch unter  www.gesetze-im-Internet.de

[15]  Schreiben vom Amtsgericht, Abt. 41 Wiesbaden, vom 4.9.1959 in Akte HHStAW, 518, 55559, Selda Ebe.

[16]gez. Knapp, Amtsgericht , beglaubigt Rettert, Justizangestellte in Akte Akte HHStAW, 518, 55559, Selda Ebe.

[17]Akte HHStAW 48917, S. 3

[18] Akte HHStAW 518,55557, Leo Ebe (1.1183 Ablehnung vom 15.3.1963)

[19]Schreiben der E.B. vom 15.3.63 in Akte HHStAW, 518, 55557, Leo Ebe.

[20]Schreiben von Esther Clifford vom 26.8.1961in Akte HHStAW, 518,55556 Abraham Ebe.

[21] Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal/Paris vom Dezember 1958 in Akte HHStAW, 518,55556 Abraham Ebe.

[22]  Akte HHStAW, 518,55556 Abraham Ebe.

[23] Eidesstattliche Erklärung Willy Rosenthal vom 21. Januar 1957 in Akte HHStAW, 518,5555****

[24]Bescheid vom E.S. vom 27.9.1961.

[25]Ebenda.

[26]   Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal/Paris vom Dezember 1958 in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[27]  Eidesstattliche Erklärung Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957/Stempel 21.6.1957, S.14 in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[28]Schreibenvom Amtsgericht, Abt. 41 Wiesbaden, 4.9.1959 in Akte HHStW, 518,55559, Selda Ebe.

[29]Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford vom 13.06.1957 S.13, in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[30]Bescheid „Freiheitsschaden“ vom 29. Januar 1960 in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[31]Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford vom 13.6.1957, S. 13.  in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[32]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHStAW, 518,55556, Abraham Ebe.

[33]  Siehe den Text in „Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt“ in https://kamiltaylan.blog

[34]Vom Warschauer Ghetto wurden circa 220.000 Menschen ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

[35]Siehe Begründungin Akte HHStAW, 558, 55559,Selda Ebe.

[36]Schreiben vom Regierungspräsidenten vom 29. Januar, S. 4., In Akte HHStAW, 518, 5559, Selda Ebe.

[37]Vgl. Fußnote 19:Schreiben aus Wiesbaden, 4.9.1959

[38]https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) Das Philanthropin war eine der Schulen der ehemaligen israelitischen Gemeinde. Es bestand von 1804 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942. „Mit bis zu 1000 Schülern war es die größte und die am längsten bestehende Schule in Deutschland.“  – Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist es Sitz der I. E. Lichtigfeld Schule, einer Grundschule mit Gymnasium der 1949 wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde Frankfurts.

[39]Akte HHStAW, 518,55558, Rosa Ebe.

[40]Akte HHStAW, 518,55557, Leo Ebe.

[41]Wie bereits weiter oben  angemerkt, haben sich wieder Fehler von Seiten der Behörden eingeschlichen: Es wird hier als Name der Mutter – Golda statt Selda – und weiter unten – als Antragsdatum der 10.6.1957, anstatt des 8. Juli 1957 genannt.

[42]In Akte HHStAW, 518,55557, Leo Ebe.

[43]Schreiben in Akte  HHStAW, 518,55557, Leo Ebe.

[44]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal vom *** S. 18,  in Akte HHStAW, 518,55558 Rosa Ebe.

[45]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal vom 6. März 1967 in Akte HHStAW, 518,55557 Leo Ebe.

[46]Er ist Kaufmann von Beruf. Seine Familie ist bereits seit 1919 in Preußen eingebürgert worden.

[47]  Schreiben von Willy (Chil) Rosenthal an Rechtsanwalt Dr. Volmer, Wiesbaden vom***, in Akte HHStAW, 518,55557 Leo Ebe.

[48]Schreiben des Regierungspräsidenten vom 29.5.1970 in Akte HHStAW

[49]Ebenda.

[50]Antrag von Dr. Volmer an den Regierungspräsidenten vom 30.September 1966 in Akte HHStAW, 519,5555*

[51]S. 2,3, Seite 57, 58, 59 in Akte

[52]. in Akte …….

[39]Schriftliche Auskunft auf eine Anfrage an die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

[40]Auskunft Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. am 29.09.2017;  Seine Eltern sind Hedwig,  geb. Fleischmann am 13.12.1890 in Berlin und Markus (Max), Kleczewski geb. 29.11.1885 in Thorn, (Toruń) /Polen; beide wohnhaft in Kreuzberg, Skalitzer Str. 30. Inhaftierung in Berlin, in der Sammelstelle Levetzowstraße, ihre Deportation erfolgt am 13. Januar 1942 ab Berlin ins Ghetto nach Riga. – Im Interview – Fußnote 3 – zeigt sie ein Foto von ihren  Schwiegereltern. – In den Gedenkbüchern Riga gibt es darüber hinaus noch acht weitere Personen mit dem Nachnamen Kleczewski. Ob es sich um weitere Verwandte der Schwiegereltern von Esther Ebe, verheiratete Kleczewski, später umbenannt in Clifford, handelt, kann nicht beantwortet werden.

[41]Vgl. Fußnote 7.

[42]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in HHStAW 518, 55556.

[43]https://wikipedia/de: „Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

[44]Siehe Fußnote 43.

[45]https://de.m.wikipedia.org/wiki/B%C4%99dzin#Geschichte: „Die Stadt hatte damals eine der größten jüdischen Gemeinden Kleinpolens mit (1940) 24.495 Mitgliedern. Am 8. September 1939  wurden zahlreiche jüdische Bewohner der Stadt durch eine SS/SD-Einsatzgruppe in die große Synagoge getrieben die dann mit ihnen in Brand gesteckt wurde. Dabei starben über 40 Menschen. Von Juli bis August 1943 wurde das Ghetto durch die deutschen Besatzer geräumt und die jüdischen Bewohner ins Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert.“

[46]Auskunft Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. vom 19.09.2017. Hier leben in Będzin  in der Gartenstraße 19 der Vater Benjamin Ebe, geb. 1895; des weiteren Johanna Ebe, geb. 04.01.1921, Welly Ebe, geb. 06.10.1922, Lea Ebe, geb. 01.04.1925, Leopold Ebe, geb. 16.08.1926 und Dora Ebe, geb. 07.11.1928.

[47]https://wikipedia/de:„Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

[48]https://de.wikipedia.org: Das Warschauer Ghetto.

[49]https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto, von den deutschen Behörden „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten für polnische und deutsche Juden errichtet und war das bei weitem größte Sammellager dieser Art. Es wurde Mitte 1940 im Stadtzentrum Warschaus, westlich der Altstadt im Stadtteil Wola zwischen Danziger Bahnhof und dem alten Hauptbahnhof Warszawa Główna und dem Jüdischen Friedhof errichtet. Hierher wurden vor allem Juden aus ganz Warschau, aus anderen unter deutscher Kontrolle stehenden polnischen Regionen sowie aus dem deutschen Reichsgebiet und den besetzten Ländern deportiert. Es diente schließlich hauptsächlich als Sammellager für die Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka der SS und war als solches Teil der organisierten Massenvernichtung, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Das Warschauer Ghetto war der Ort der größten jüdischen Widerstandsaktion gegen den Völkermord, des so genannten jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto, der vom 19. April bis mindestens zum 16. Mai 1943 dauerte.„

[50]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 55556.

[51]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHStAW, 518, 55556.

[52]https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ schrittweise aufgelöst. Die Ghettobewohner wurden in Vernichtungslager geschickt, die meisten von ihnen nach Treblinka, Mit den fortschreitenden Deportationswellen wurden die Ghettos räumlich verkleinert, bis sie schließlich vollständig „liquidiert“ wurden, so der deutsche Sprachgebrauch für den Mord an allen übrigen Gefangenen. Nach den großen Deportationen im Sommer 1942 war das Ghetto kein Wohnbezirk mehr, sondern ein großes Lager mit Zwangsarbeitern, von den Deutschen als Restghetto bezeichnet, das kein zusammenhängendes Gebiet darstellte.“

[53]https://de.wikipedia.org:Im Vernichtungslager Treblinka wurden vom Juli bis November 1943 mindestens 700.000 bis zu 1.1 Millionen Menschen umgebracht; im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek-Lublin vom Juli 1941 bis Juli 1944 circa 78.000.

[54]Eidesstattliche Erklärung Willy Rosenthal vom 21. Januar 1957 in Akte Regina Rosenthal HHStAW 518, 89033.

[55]Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten zu Regina Rosenthal. S.91-93 in Akte HHStAW 518, 89033.

[56]Ebenda.

 

 

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