Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt

von Hanne Straube

 

Über die Existenz der Familie Ebe erfahre ich durch das Foto, dass die französische Schriftstellerin Olivia Rosenthal dem Journalisten Simon Broll vom Hessischen Rundfunk überlässt. Auf dem Foto stehen acht Personen vor einem Laden mit der Aufschrift „Inhaber A. Ebe Lederwaren“. Es sind, so finde ich später heraus, Vater und Mutter, ihre fünf Kinder und die Verwandte Rosa aus München.

Anlaß für das Gespräch zwischen Simon Broll und Olivia Rosenthal ist, daß die Schriftstellerin, deren Bücher in Frankreich prämiert sind, nach Frankfurt kommen soll. Zwei ihrer Bücher sind für die Buchmesse 2017 mit dem Gastland „Frankreich“ ins Deutsche übersetzt worden. Simon Broll vom HR/FS Kultur und Wissenschaft, will ihr Buch „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“[1]für Arte  vorstellen. Darin schreibt Olivia Rosenthal über die Krankheit Alzheimer, über Erinnerungslücken und die eigene, nicht erzählte Familiengeschichte.

Ein zweites Buch, das ebenfalls zur Buchmesse in Deutsch übersetzt wurde, heißt „Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung“[2]; es thematisiert Nahtoderfahrungen. Um über solche Themen schreiben zu können, hat sie teilnehmend beobachtet.

Beim ersten Kontakt mit dem HR schickt Olivia dieses Foto ihrer Urgroßeltern Ebe mit. Eine Mitarbeiterin des HR erkennt den „Lederwarenladen Ebe“ auf dem Foto als unsere Weinstube. Wir werden angerufen und gefragt, ob wir bereit sind, Olivia Rosenthal bei ihrem Besuch in Frankfurt unser Lokal zu zeigen.

Bei der Ortsbesichtigung erwähnt Simon Broll das Interview, das Olivias Großtante Esther Clifford, geb. Ebe, am 03.11.1996 in Cranbury/New Jersey/USA Irene Dansky von der USC Shoah Foundation gab.[3]  Frau Clifford berichtet in diesem Interview ergreifend über das Leben ihrer Familie, die einst in „unseren“ Räumen lebten.

Für den Filmbeitrag wird Olivia Rosenthal ganz unvorbereitet in die Weinstube geführt und das obwohl sie im Buch schreibt: „Ich werde nicht nach Frankfurt auf Spurensuche nach meinem Urgroßvater gehen.“[4] Ihre Großmutter Regina Ebe, verheiratete Rosenthal, deren Familie sich durch Flucht nach Frankreich im Jahre 1933 hat retten können, habe nicht gerne über die Zeit in Frankfurt gesprochen.[5]

Das Foto, der Bericht ihrer Urgroßtante Esther und die Begegnung mit Olivia, bilden den Anlass, mich auf die Suche nach dem Leben unserer jüdischen Vormieter zu begeben.

IMG_2644
Familie Ebe vor ihrem Laden

Abraham, Selda und ihre fünf Kinder

Abraham Ebe wird am 10.04.1884 in Warschau in Polen geboren. Sein Vater ist Leibu Ebe, die Mutter Rifka Ebe. Bis zum 16. Lebensjahr geht Abraham Ebe in die „Jeschiwa“ (jüd. Lehranstalt), dann macht er eine dreijährige Ausbildung zum Sattler und Portofeuilleur und arbeitet anschließend als Geselle in Warschau.

Im Jahre 1907 heiratet Abraham Ebe Selda, geb. Eyba (in den Dokumenten manchmal auch Eiba genannt), geboren am 02.04.1884 in Warschau in Polen. Ihr Vater ist Hirsch Eiba (in den Dokumenten auch Eyba geschrieben, ihre Mutter heißt Esther Perel Eiba[6]. Esther Ebe wird also nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt.

Am 13.12.1908 wird in Warschau die erste Tochter des Ehepaars Regina(Rywka) geboren, die Großmutter von Olivia.  Am 15.04.1911 kommt ebenfalls in Warschau die zweite Tochter Mary (Sura-Mirjan) zur Welt.

Etwa 1911 zieht die Familie wegen der Pogrome in Polen und der besseren Schulausbildung für ihre Kinder nach Deutschland, zuerst nach Offenbach. Dort wird die dritte Tochter Rosa am 10.08.1914 geboren. Bald übersiedelt die Familie nach Hannover, wo am 07.03.1918 der Sohn Leo (Leibu), benannt nach seinem Großvater väterlicherseits, geboren wird. – In Hannover lebten damals Verwandte, ebenfalls mit dem Nachnamen Ebe; vielleicht ein Grund hierher zu ziehen.

Esther Ebe
Esther Ebe in ihren jungen Jahren

Vom August 1914 bis 1918 wird Abraham Ebe als Zivilgefangener und „feindlicher Ausländer“ in Holzminden interniert, erzählt Esther.[7]– Von 1918 bis 1921 lebt die Familie in München. Hier wird am 05.12.1920 die Jüngste, Esther, geboren.

Die häufigen Umzüge der Familie zeigen, welche Schwierigkeiten für polnische Juden bestehen, sich in Deutschland anzusiedeln. Auch in München können sie nicht lange bleiben. Danach erfolgt, so Regina, ein vergeblicher Versuch in Leipzig aufgenommen zu werden.[8]

1921[9] zieht die Familie nach Frankfurt in die Eckenheimer Landstraße 84.[10]Hier richtet der Vater unten sein Lederwaren-Geschäft, verbunden mit der Werkstatt für die Herstellung und Reparatur, ein. Stolz wird dies auf dem Foto dokumentiert. In den hinteren Räumen lebt die Familie. „Wir hatten eine kleine Wohnung hinter dem Laden mit einer Küche und zwei Zimmern, in denen die Eltern und wir fünf Kinder schliefen.[11]Sie waren nicht wohlhabend, aber die wirtschaftliche Lage ist stabil. Esther schildert das Leben der Familie als bescheiden, aber glücklich, insgesamt mit vielen Besuchen von Verwandten und Bekannten als sehr rege. Auch Weihnachten feierte man und auch nicht jüdische Bekannte kamen zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest.

Im Nordend[12]von Frankfurt leben sie in einem Viertel, in dem jüdische Mitbewohner ihre eigene Infrastruktur einbringen können. Hier befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Laden, nur einige Querstraßen zur Stadtmitte hin, in der Hebelstraße 14-16, das Philanthropin, eine jüdische Schule[13]. Die Synagogen in der Friedberger Anlage und am Börneplatz sind zu Fuß erreichbar.

IMG_2644 2
Abraham und Selda Ebe mit Tochter Esther

Esther erzählt, dass ihre Eltern sowohl in ein kleineres Gebetshaus für polnische Juden in der Nähe gingen, wie auch in die Synagoge am Börneplatz, die hauptsächlich von deutschen Juden besucht wurde. Dies sieht man in der in deutsch gehaltenen  Einladung zu der Bar Mitzvah-Feier von Leo Ebe, die am 14.3.1931 in der Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main stattfand. – Sie schildert ihre Eltern als orthodox, aber nicht chassidisch. Der Vater ging Freitag abends und Samstag, aber oft auch noch mehrmals in der Woche in die Synagoge.

Die Eltern sprechen zunächst noch Jiddisch, lernen durch die Kinder aber schnell deutsch, erzählt Esther. Zu ihren polnischen Namen erhalten sie deutsche. Selda Ebe heißt auch Sophie, Rywka auch Regina, Sura-Mirjan auch Mary, Rosa auch Rosie, Leibu auch Leo und Esther auch Berta.

Alle Kinder der Familie sind künstlerisch begabt. Leo ist Solist in der Synagoge am Börneplatz. Alle Kinder gehen ins Philanthropin. Die älteste Tochter Regina, die im Alter von zwei Jahren nach Deutschland kam und von 1914 bis 1920 die Volksschule in München besuchte, geht bis zur Erreichung der Reife für die Obersekunda im Oktober 1926 dorthin. Danach arbeitete sie in der Firma Rheine Co. am Blittersdorf Platz in Frankfurt[14]28 als Sekretärin und Übersetzerin für Französisch und Englisch. Ihr Gehalt betrug damals 200,– RM.[15]  – Mary, die zweitälteste Tochter, geb. am 15.04.1911 in Warschau, in der Familie Mariechen genannt, geht nach dem Besuch des Philanthropins in Frankfurt vier Jahre lang in die Hochschule für Kunstgewerbe in Offenbach. – Rosa, die drittälteste Tochter, wurde in der Klenze-Frauen-Schule in München eingeschult. Auch sie besucht das Philanthropin. Zeugnisse aus den Jahren 1923/24, 1924/1925, 1925/26 vom Klassenlehrer B. Schleifer liegen vor. Sie zeigen, dass sie eine exzellente Schülerin war. – Esther ging ab 1926 bis 1933 ins Philanthropin. Sie erzählt, dass die Kinder der Ebe hier gerne gesehen wurden, da die älteste, Regina, eine sehr gute Schülerin gewesen sei, die mehrmals eine Klasse übersprungen habe. – Rosa, Leo und Esther sollen im Philanthropin ihr Abitur  machen.[16]Leo sollte eventuell Medizin studieren[17], vielleicht aber auch Kantor werden.

Die beiden älteren Töchter gehen bald ihren eigenen Weg. Regina heiratet in Frankfurt Willy (Chil) Rosenthal,geb. 10.08.1905 in Balutach, Bezirk Lodz bei Warschau, zunächst am 03.12.1929 amtlich, dann am 25.12.1929 vor dem Gemeinderabbiner. Beide sind Angehörige der israelitischen Religion. Er ist von Beruf Kaufmann und besitzt die Staatsangehörigkeit in Preußen laut Einbürgerungsurkunde des Reg. Präsidenten zu Hannover vom 27.10.1919.[18]

Willy und Regina sind ab dem 03.12.1929 zunächst in der fünf Zimmer Wohnung im Haus seiner Eltern in der Unterlindau 55 gemeldet. 1930 erfolgt dann Reginas Eintritt in das Geschäft ihres Mannes. – Ab 1932 lebt die Kleinfamilie in der Wittelsbacher Allee 66 in einer eigenen Wohnung. Ihr Kind, Hermann Rosenthal, wird am 29.10.1930 in Frankfurt geboren.

Mary, die zweitälteste Tochter, heiratet am 15. Oktober 1935 Arthur Halberstadt in Frankfurt. Er ist am 29. Januar 1899 in München geboren. Gemeinsam mit ihm zieht sie 1935 nach München.

Bereits 1931/32 zieht die Familie Ebe um in die Lenaustraße 93 im Nordend, nur zwei Strassen entfernt. „Nach etwa 10 Jahren, also gegen 1931, verlegte mein Vater dieses Geschäft nach der Lenaustraße.“[19]

 

Die Machtübernahme

 

Nach der Ernennung  Hitlers zum Reichskanzler am 30.01.1933 werden zügig die rassistischen, antisemitischen Pläne durch die Nationalsozialisten durchgeführt. Unter anderem führte dies zu Maßnahmen wie einem Berufsverbot für alle Juden[20]. Am 07.04.1933 wird dann das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedet.[21]Die Lebensbedingungen von Juden und Jüdinnen in Deutschland verändern sich dramatisch.

20180604_153013
Jakob David Rosenthal (Schwiegervater von Regina geb. Ebe) mit seinem Enkel Hermann (Henry) und rechts seine Frau Judith Maria Rosenthal

Jakob David Rosenthal, Reginas Schwiegervater, von Beruf Kaufmann, hatte bereits früh beschlossen, dass, wenn Hitler 1933 an die Macht kommen würde, er mit seiner Familie Deutschland verlassen wird. Er handelt prompt. Von einem Frankreich-Aufenthalt im Mai 1933 kehrt er mit seiner Frau Judith Maria, geb. Kolsky– beide bisher wohnhaft in Frankfurt, beide mit der Staatsangehörigkeit „Preußen“, seinem Sohn Willy Rosenthal, 28 Jahre alt, und seiner Schwiegertochter Regina, 25 Jahre alt, die Älteste der Ebe Kinder, und seinem Enkelkind, Hermann, zweieinhalb Jahre alt, nicht mehr nach Deutschland zurück. (Laut Interview mit Esther Clifford ist auch sein zweiter Sohn mit der Familie mit ausgewandert.)[22]

„Sie emigrierten erst nach Straßburg, doch durch die Nähe zur deutschen Grenze flüchteten sie bald weiter nach Paris. Sie lebten ab 01.06.1933 in Frankreich unter falschem Namen in Domaize. (Departement Puy-de-Dȏme, Region Auvergne-Rhȏne-Alpes).[23]

Abraham und Selda Ebe sind zunächst zuversichtlich. „Niemand glaubte, dass sich dieser Hitler in einem Volk voller berühmter Ärzte, Denker, Komponisten und Schriftsteller lange halten könne. – Mein Vater nannte ihn einen Clown.“[24]

Die Repressalien gegen Juden nehmen zu. Die Veränderung ab 1933 nimmt Esther bedrohlich wahr. Die Verbrennung der Bücher von jüdischen und oppositionellen Schriftstellern hat sie miterlebt, als sie mit ihrer Mutter auf dem Weg zum Einkaufen war. Sie erinnert die Hetzparolen und Karikaturen in der Zeitung „Der Stürmer“ an den Kiosken. An öffentlichen Plätzen steht: „Die Juden sind unser Unglück.“ Die negative Propaganda belastet sie. Sie erinnert alle Demütigungen, die Juden in diesen Tagen angetan werden. Immer mehr macht sich die „Hitlerjugend“ bemerkbar mit Attacken gegen jüdische Kinder. Für Esther ist alles – auch der Gang zur Schule – mit Angst verbunden. Sie lauern den jüdischen Kindern auf, wenn sie aus dem Philanthropin kommen. Sie werfen Steine, wenn jüdische Kinder vorbeilaufen. – Die Situation in der Familie Ebe ist angespannt. Wenn einer zur verabredeten Zeit nicht nach Hause kommt, ist man auf das Schlimmste eingestellt. Als ihr Bruder Leo einmal abends nicht vom Violine-Unterricht zurück kommt, geht Esther sogleich, ihn zu suchen. Sie findet ihn blutig zusammen geschlagen, auf dem Boden liegend, neben ihm die zerbrochene Violine. – Sie erinnert sich an eine Situation in der Straßenbahn, in der sie von Jugendlichen drangsaliert wird. Keiner der Erwachsenen hilft ihr, dem bedrängten jüdischen Mädchen.

Auf einem Markt erlebt sie, dass, als sie ein lebendes Huhn kaufen will, wo sonst Hühner geschlachtet werden,  ihr jemand zuruft: „Eure Köpfe werden bald genauso rollen wie die Köpfe der Hühner.“[25]

Esther sagt, dass ihre Eltern erst 1935 realisierten, wie ernst die Lage war. Nachbarn wurden verhaftet oder verschwanden einfach. Traf man Juden, ging es nur darum, wer, wie und wann Deutschland verlassen könne. Es herrschte Freude, wenn man auf jemanden traf, der ausreisen konnte.

Abraham Ebe musste jährlich eine Erlaubnis einholen, um seinen Beruf als Sattler und Portofeuilleur auszuüben. Ab 1936 bekam er die Erlaubnis nicht mehr. Es fehlte an Geld für das Essen, für die Miete. Die Familie verarmt langsam. Esther verlässt deswegen, aber auch wegen der Übergriffe im Jahre 1935 die Schule; andere Schüler verlassen ebenso die Institution wegen der zunehmenden Aggressionen[26] Allmächlich verlassen alle Kinder das Philanthropin. Rosa hilft der Mutter zu Hause, Leo beginnt eine kaufmännische Lehre, Esther versucht von der Mutter nähen zu lernen.1935 beginnt sie bei einer Hutmacherin auf der Zeil eine Lehre als Putzmacherin. Die Devise der Eltern ist, die Kinder sollten vieles so gut beherrschen, um überall überleben zu können.

Und wieder muss die Familie wegen der finanziellen Notlage umziehen:

„Im Jahre 1936 musste mein Vater sein Geschäft wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte aufgeben. Danach richtete er sich in unserer Wohnung in der Hanauer Landstraße 27 ein Zimmer als Handwerksstube ein und arbeitete inoffiziell weiter, verdiente jedoch nicht genügend zur Bestreitung unseres Lebensunterhalts.“[27]Er arbeitet heimlich in einem Verschlag im hinteren Teil der Wohnung. Nachts brachte er die angefertigten Taschen etc. unter einem weiten Mantel heimlich zu den Auftraggebern, potentiellen Käufern.

Die Auswirkungen des Boykotts der jüdischen Geschäfte schildert Ernest I. Erbesfeld, selbst von den Maßnahmen in 1938 gegen polnische Juden betroffen, 1957 aus New York. „Ich stand mit Herrn Abraham Ebe in geschäftlicher Verbindung. Er besaß in Frankfurt am Main, Lenaustraße,  ein offenes Ladengeschäft für Lederwaren mit anschließender Werkstatt. Er erzeugte unter anderem auch Handtaschen, womit er auch meine Firma I.& E. Erbesfeld, Lederwarenfabrikation, Frankfurt am Main, Zeil, in den Jahren 1934-1936 belieferte. Als er 1936 wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte seinen Laden aufgeben musste, richtete er sich in seiner Wohnung Hanauer Landstraße eine Werkstatt ein und verrichtete Heimarbeit bis zu seiner Ausweisung im Oktober 1938. – Bis 1936 hatte Herr Ebe ein gutgehendes Geschäft. Sein damaliges Einkommen schätze ich auf mindestens RM 6000  jährlich, während er mit der Heimarbeit von 1936-1938 kaum noch die Hälfte verdient haben dürfte.[28]

Viele Juden versuchen, Deutschland zu verlassen. Auch die Eltern Ebe denken, so erzählt Esther, an eine Emigration in die USA. Leo brachte ein New Yorker Telefonbuch aus dem Jahre 1937 mit. Sie suchten nach jüdischen Namen und schrieben diese an, mit der Bitte um ein Affidavit.[29]  Leo scherzte, dass die Mutter dann in USA einmal „Mrs. Ibi“ heißen würde.

 

Die „Polenaktion“

Am 29.10.1938 werden im Rahmen der „Polenaktion“[30]die fünf noch in Frankfurt lebenden Mitglieder der Familie Ebe – Abraham und Selda, die Kinder Rosa, Leo und die jüngste Tochter Esther – morgens um fünf Uhr durch die SS abgeholt. Es klopfte: „Anziehen, mitkommen“, erzählt sie. Sie werden auf einem Lastwagen abtransportiert. Zunächst werden sie in eine Zelle gesperrt, in dem bereits viele weitere polnische Juden sind. Abends werden sie zum Bahnhof gebracht und in einen Zug verfrachtet. Im Zug werden sie mit weiteren Juden und Jüdinnen bis kurz vor die polnische Grenze nach Zbąszyń /Bentschen gebracht. Zum Zeitpunkt der Deportation sind Abraham und Selda Ebe circa 54 Jahre, Rosa 24, Leo 20 und Esther 18 Jahre alt.

In Sechserreihen werden circa 1500 polnische Juden unter den Befehlen der SS zur polnischen Grenze getrieben. Alle müssen ihre Identitätspapiere oder Pässe bereit halten. Die Männer hatten zusätzlich Israel, die Frauen Sara vor ihrem Nachnamen eingetragen. An der Grenze wird Esther von dem Rest der Familie getrennt. Ihr Vater und ihre Mutter intervenieren und wollen zeigen, daß Esther mit auf dem Papier ihres Vaters steht. Doch niemandem interessiert das. Sie muß sich mit erhobenen Armen mit dem Gesicht zur Wand stellen und hört nur noch die sich entfernenden Schritte ihrer Angehörigen, die wegmaschieren müssen. Mit circa 50 weiteren polnischen Juden wird sie etwas später in eine ehemalige Synagoge gebracht, die zum Gefängnis umgewandelt wurde.[31]Deutsche Juden aus der Umgebung kommen und versorgen sie mit Nahrung. Nach einigen Tagen helfen ihr einige jüdische Jugendliche. Sie zeigen ihr, dass das Tor offen steht. Sie kann mit ihrer Hilfe zum Bahnhof entkommen und kehrt mit dem Zug nach Frankfurt zurück. – Erst später erfährt sie, daß bald darauf auch die anderen polnischen Juden aus der Synagoge nach Frankfurt zurückgeschickt werden. Polen hatte die Grenze geschlossen und keine weiteren polnischen Juden mehr hineingelassen.[32]

Die Situation erklärt Esther im Antrag auf Entschädigung für ihren in der Deportation verschollenen Vater:„Auf Grund eines Ausweisungsbefehls des Polizeipräsidiums Frankfurt wurde mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Rosa, mein Bruder Leo und ich selbst am 29.10.1938 nach Polen abgeschoben. Da ich wegen Minderjährigkeit noch keinen Pass besaß, wurde ich nicht über die Grenze gelassen und wieder nach Frankfurt zurückgeschickt.“[33]

Esther sieht nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt, daß die Wohnung versiegelt ist. Ein christlicher deutscher Nachbar hilft ihr in die Wohnung zu kommen. Sie gibt ihm einige Gegenstände aus der Wohnung und bekommt dafür Geld von ihm. Esther sieht dort noch die Teetassen stehen, in denen ihnen die Mutter vor der Deportation Tee einschenken wollte. Sie macht kein Licht an, versteckt sich voller Angst in der Wohnung. Esther begreift, dass sie nun auf sich allein gestellt ist. Alle Entscheidungen hat die 18jährige jetzt selbst zu treffen.

Ende 1937 hatte sie eine Ausbildung als Hutmacherin im Geschäft von Frau Friedmann auf der Zeil begonnen. Sie sucht sie auf. Frau Friedmann umarmt sie herzlich. Sie hat sich schon Sorgen um Esther gemacht, da diese nicht mehr zu Arbeit gekommen war. Sie findet bei ihr für einige Tage Unterschlupf. Sie kehrt dann aber wieder in die Wohnung zurück.

Ihre ältere Schwester Regina ist zu dieser Zeit 30 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie Rosenthal in Frankreich. Mary, ihre zweitälteste Schwester, circa 27 Jahre alt, lebt seit 1935 mit ihrem Mann Arthur Halberstadt in München. – Voller Angst übernachtet Esther in Frankfurt dann manchmal bei Bekannten, manchmal in der Wohnung.

In Frankfurt erlebt Esther einige Tage später in der Nacht vom 09. auf den 10. Oktober 1938 die Kristallnacht.[34]Durch den Lärm der zersplitternden Fenster und dem Gegrölle auf den Strassen wacht sie auf. Überall fliegen Steine in die Fenster jüdischer Wohnungen und Häuser. Sie läuft auf die Straße, sieht wie Juden auf Lastwagen abtransportiert werden. Sie sieht, daß die Synagoge in der Friedberger Anlage („die Breuer Synagoge“) in Flammen steht. Sie läuft durch die Kaiserstraße direkt zum Bahnhof. Überall die gleichen Bilder. Auch hier sieht sie, wie jüdische Ladenbesitzer zusammengetrieben und auf Lastwagen abtransportiert werden.

Esther, 18 Jahre alt, rennt zum Ende der Kaiserstraße direkt zum Bahnhof und flieht in ihrer Not zur Schwester Mary nach München. Doch auch in Münchenempfängt sie die gleiche Zerstörung. Auch hier hatte man gewütet. Eine Woche bleibt sie bei ihrer Schwester. Mary und ihrem Mann ist es gelungen, zwei Überfahrten nach Shanghai zu erstehen. Sie sind bereits dabei, die Wohnung aufzulösen und zu packen. Für Esther können sie keine Passage mehr bekommen. Da Esther sich in München nicht auskennt, will sie nicht hier bleiben und fährt nach Frankfurt zurück. Manchmal übernachtet sie dort bei ihrer Freundin Hertha Hahn. – Auch der Familie Hahn wurden am 9. November die Scheiben eingeschlagen. – Manchmal ist sie in der Wohnung der Eltern.

„Bei der plötzlichen Abschiebung nach Polen am 29.10.1938 wurde meinen Eltern keine Zeit gelassen, ihre Wohnungseinrichtung, bestehend aus vier Zimmern und einer Handwerksstube, zu liquidieren, sondern sie mussten sie im Stich lassen. Als ich dann im November 1938 allein wieder nach Frankfurt zurückkehrte, fand ich die Wohnungseinrichtung noch vor und ging daran sie aufzulösen. Ich verpackte Gebrauchsgegenstände in fünf Kisten (worüber Abschriften der seinerzeit aufgestellten Verzeichnisse hier beigefügt sind) und stellte sie beim Spediteur Anton C. Kiel, Frankfurt am Main, Gartenstr.15 unter, in der Absicht, sie später meinen Eltern nachzuschicken.

Hingegen wollte ich die Möbel und Einrichtungsgegenstände unserer Wohnung an Ort und Stelle verkaufen, da ich Geld zum Leben brauchte. Als jedoch die Behörden von meinem Vorhaben erfuhren, riefen sie mich zu sich und zwangen mich, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich die Wohnungseinrichtung freiwillig im November 1938 abtrete.“[35]

Anfang 1939 gelingt ihr dann mit dem bereits vorliegenden Visum ihrer Freundin Hertha Hahn, das auf sie umgeschrieben wurde, die Ausreise nach England. – Die letzte Adresse Esthers in Frankfurt ist die Telemannstraße 20; wahrscheinlich die Adresse der Familie Hahn[36].- Die Mutter von Hertha wollte ihre Tochter nicht alleine ausreisen lassen, sondern lieber auf die Einladung der Verwandten – und damit für ein Familienvisum – aus London warten.

Von London muss Esther sofort nach Brighton reisen, wo sie als Dienstmädchen in einer englischen Familie arbeitet. Erst nach acht Monaten kann sie in London die Verwandten der Familie Hahn aufsuchen, um diese zu bitten, ihnen ein Familienvisum zu schicken. Doch zu spät. Dass ihre Freundin, der sie das Leben verdankt, mit ihrer Familie bereits 1941 deportiert und später umgebracht wurde, erfährt Esther später.[37]

20180518205226jpg
Leo und Rosa Ebe nach der Deportation – Fotos aus Polen

Aus den Deportationslisten geht hervor, dass mit der Familie Ebe viele Verwandte von der „Polenaktion“ betroffen sind, darunter die Verwandten mit den Nachnamen Ebe in Hannover.[38]Ebenso wird die am 04.01.1920 geborene verwandte Hanni Ebe, deren Aufenthaltsort während des Krieges das in Bayern befindliche Konzentrationslager Flossenbürg genannt wird, bis heute als verschollen genannt.[39]

In London lernt Esther Rudi Kleczewski kennen, der seit 1944 in der britischen Armee dient. Ursprünglich kommt Rudi aus Berlin; auch er ist jüdisch.[40]

 

Nach der Deportation

 

Was nach der Abschiebung der Familie Ebe nach Polen geschah, beruht auf Kurznachrichten, vermittelt durch das Rote Kreuz. „Nach einem kurzen Aufenthalt im Flüchtlingslager Zbączyń (Bentschen) begaben sich meine Eltern, meine beiden Geschwister nach Warschau, wo sie anfangs bei Verwandten wohnten.“[41]„Als Wohnsitz oder dauernder Aufenthalt bei Beginn der Freiheitsentziehung oder der Freiheitsbeschränkung“ wird in den Entschädigungsakten „Falenica bei Warschau, Ulica Wiesjka 11/Kreis Warschau, Polen genannt.[42]

Am 01.09.1939 erklärt Deutschland Polen den Krieg. Mit dem 04.09. beginnt der Einmarsch der Deutschen nach Polen. Das „Feindbild des polnischen Staates in der nationalsozialistischen Propaganda (bestand) aus vier Aspekten, nämlich staatlichen, nationalen, rassischen und biologischen.“ Die polnische Bevölkerung hielt man für „rassisch minderwertig“ und „verjudet“.[43]„Die polnische Überbevölkerung bedrohe das Deutsche Reich mit ihrer Minderwertigkeit.“ Brutales Vorgehen und größte Härte bei der Besetzung waren gefordert. „Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs gab es in Polen ungefähr 3.474.000 Juden, was fast 10 % der Gesamtbevölkerung entsprach. Die erste Terrorwelle vom September/Oktober 1939 galt nicht in erster Linie der jüdischen Bevölkerung, sondern der polnischen Intelligenz. Trotzdem wurden nach Schätzungen allein bis zum Jahreswende 1939 bis zu 7000 Juden Opfer der Einsatzgruppen.“[44]

Um die jüdische Bevölkerung besser kontrollieren zu können, wurden sie alsbald in den eroberten Städten in Ghettos konzentriert. Im Oberschlesischen Będzin (Landkreis Bendsburg), in dem viele Verwandte der Familie Ebe  in der Gartenstraße 19 lebten, bestand eine große jüdische Gemeinde.[45]Über das, was mit diesen Verwandten der Familie Ebe nach 1939 geschah, liegen ebenfalls keine Nachrichten vor.[46]

Nach und nach wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in die Ghettos der größeren Städten konzentriert. Am Ende des Jahres 1941 wurde schließlich beschlossen, die jüdische Bevölkerung noch vor Ort zu vernichten. Das erste Vernichtungslager war Kulmhof, später folgten Belzec (März 1942), Sobibor (Mai 1942), Auschwitz-Birkenau (Juni 1942), Treblinka (Juli 1942) und Majdanek (September 1942). Sechs der sieben Vernichtungslager befanden sich auf polnischem Boden.[47]

Das Warschauer Ghetto bestand vom Oktober 1940 bis Mai 1943. „Bereits am 2. Oktober befahlen die Deutschen allen jüdischen Einwohnern der Stadt innerhalb von sechs Wochen den Umzug in ein Gebiet westlich vom Zentrum. Dort mussten die nichtjüdischen Bewohner ihre Wohnungen verlassen. Das Warschauer Ghetto wurde ab der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 in der Folgezeit mit einer 18 Kilometer lange und 3  Meter hohen Umfassungsmauer abgeriegelt…“[48]

Circa 450.000 Jüdinnen und Juden waren hier teilweise interniert. „Das Warschauer Ghetto wurde von den Besatzern wiederholt brutal verkleinert und bei den verbliebenen Ghettobewohnern, die oft den Verlust der gesamten Familie, von Verwandten und Freunden zu beklagen hatten, wuchsen Unsicherheit und Bedrohung von Tag zu Tag.“[49]

Die Mitglieder der Familie Ebe, Bewohner von Falenica, Warschau, kamen bald ins Ghetto. Genaue Daten liegen nicht vor. „Sie wurden alle ins Ghetto in Warschau überführt, aus dem ich noch bis Juli 1942 durch Vermittlung eines Vetters in der Schweiz Nachrichten von meinen Angehörigen erhielt. Dann hörte jede Verbindung auf.“[50]

Durch diesen Vetter, Josef Nasilewicz im Internierungslager in der Schweiz, erhält Regina von ihren Eltern und Geschwistern Nachrichten. – Zwei Postkarten sind in den Akten aufbewahrt und werden bei den Entschädigungsanträgen als Beweise vorgelegt.

Die erste Karte vom 19. Mai 1941 enthält die Bitte Willy Rosenthal aus Clermont-Ferrand, 13 Boulevard Jean Jauras, Pay-de-Dȏme an die Verwandten, sich über das Rote Kreuz zu melden:

„Warum keine Nachricht. Antwortet sofort durch Rotes Kreuz. Wie geht es Mama, Papa, Rosi, Leo. Bei uns alles in Ordnung und gesund. Willy, Regina, Henri“

Als Empfänger ist Ebe, Ulica Wiejska 11, Falenica, Kreis Warschaugenannt. – Auf der Karte steht die Bitte, die Mitteilung an den Antragsteller zurückzusenden.

Die Antwort aus Falenica, datiert vom 13. August 1941, lautet:

“Bei uns alles in Ordnung und gesund. Sehe zu uns über Paris etwas zu senden. Habt ihr zu leben? Antwortet uns sofort. Küsse von Allen„

Auf einer Militärpostkarte antwortet der Cousin Josef Nasilewicz  aus dem Internierungslager Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz, am 07.09.1942:

 

„Liebe Regina,                                                               

Zum neuen Jahr wünsche alles beste,, möge bald der ersehnte Frieden einkehren und das wir uns in Freude sehen. Heute  erhielt ich einen Brief, den ich an Deine Mutter geschrieben habe, retour, mit der Bemerkung „Empfänger verzogen unbekannt“. Bin sehr besorgt um meine Angehörigen, da ich seit 3 Wochen kein Schreiben hatte. Sonst bei  mir kein neues. Hoffe dass meine Zeilen Dich bei bester Gesundheit antrifft. Grüße herzlich Josef.

Camp d‘ internement militaire

Biasca Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz

 

„Die „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main“, teilte auf Anfrage mit, dass die Verfügung für alle Juden im Ghetto zu leben, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen erlassen wurde und dass ab 19.02.1940 die Verpflichtung zum Tragen des Judensterns bestand. Ferner, dass die Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 bis Anfang Mai 1943 stattgefunden hat.“[51]

Über den Verbleib der vier Angehörigen der Familie Ebe ist nichts mehr zu erfahren. Die Auflösung des Warschauer Ghettos wurde systematisch ab Juli 1941 durchgeführt.[52]Entweder sind sie bereits im Warschauer Ghetto umgebracht worden, an Hunger oder an Krankheiten verstorben, oder sie wurden von dort direkt nach Treblinka oder Majdanek transportiert.[53]Diese Vernichtungslager wurden ab Ende 1941 errichtet, um die jüdische Bevölkerung direkt vor Ort töten zu können.

Möglich ist auch, dass sie noch bis zum Ende im Ghetto überlebten. „So lebten Anfang 1943 offiziell  noch etwas mehr als 40.000 Menschen im Ghetto. Historiker gehen jedoch von weiteren bis zu 30.000 illegalen Ghettobewohnern aus.“

Wann und unter welchen Umständen die vier Angehörigen gestorben oder ermordet worden sind, wird niemals geklärt werden.

In den Akten der Entschädigungsbehörde wird als Beginn der Freiheitsberaubung der Familie Ebe der 19.02.1940 angenommen, denn ab dieser Zeit mussten sie den Judenstern tragen. Als Todeszeitpunkt wird der 31.07.1943 festgelegt: die endgültige Auflösung des Ghettos.

Zu dieser Zeit ist Regina mit ihrer Familie schon seit geraumer Zeit in Frankreich untergetaucht. Dort lebten sie nach kurzen Aufenthalten in Straßburg und Saint-Dié in Clermont-Ferrand unter dem Namen „Robert“. Nachdem die Vichy-Regierung auch dort Jagd auf Juden machte, wurden sie durch den katholischen Pfarrer von Domaize in dem Weiler Bertignac in einem verlassenen Forsthaus versteckt, wo sie unter schlimmsten Bedingungen bis Mitte 1944 August lebten.Ihr kleiner Sohn Hermann wird als „Henri Robert“ von diesem Pfarrer bei einem Bauern namens Guillaumont in Domaize untergebracht. So konnten sie einer Deportation entgehen.[54]

 

Nach 1945

 

Nach dem Krieg lebt Regina und Willy Rosenthal unter schwierigen finanziellen Verhältnissen weiterhin in Frankreich, in Paris.[55]IhrSohn Hermann (Henri), geb. am 29.10.1930 in Frankfurt am Main, wird Ingenieur und wird als Vater von zwei Kindern genannt. Er hilft seinen Eltern, die sich lange in einer schwierigen finanziellen Situation befinden.[56]Auch heute lebt er weiterhin in Paris. Seine Mutter Regina Rosenthal ist am 11.11.2002 verstorben. Seine Tochter Olivia, die Urenkelin der Familie Ebe, ist Professorin für Kreatives Schreiben in Frankreich. – Als Dank für seine Hilfe für die Familie Rosenthal wird an den katholischen Pfarrer aus Clermont-Ferrand in Jad Vashem/Israel erinnert.

Esther und ihr Ehemann Rudi Kleczewski – bereits in England umbenannt in Clifford – emigrieren 1948 in die USA, nachdem ihre Schwester Mary mit Ehemann Arthur Halberstadt bereits 1947 von Shanghai aus in die USA eingewandert sind.

Der Sohn von Esther Clifford, geb. Ebe, heißt Allen Clifford, geboren in 1957; er ist seit 1981 verheiratet mit Ellen Menachem. Ihre Enkelin heißt Laureen, geb. 1978 in New Jersey, ihr Enkel heißt Justin, geb. 1989 in New Jersey.

Esther Clifford, geb. Ebe, die jüngste der Familie, lebt mit 98 Jahren 2018 in einem Pflegeheim in New York/USA.

 

Interview Esther Clifford für die Shoah Foundation

 

[1]Rosenthal, Olivia, 2017a: „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“, Verlag Ulrike Helmer, Sulzbach.

[2]Rosenthal, Olivia, 2017b: „Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung“, Verlag Matthes und Seitz, Berlin..

[3]https://www.youtube.com/watch?v=aDlykHcHp0AInterview mit Esther Cliffordvom 03.11.1996 von Irene Dansky in Cranbury/New Jersey/USA in Englisch durch die USC Shoah Foundation aufgenommen.

[4]Rosenthal, Olivia, 2017a: 127.

[5]Mündliche Auskunft von Olivia Rosenthal am 11.10.2017 während ihres Aufenthaltes in Frankfurt zur Buchmesse.

[6]Das Foto der Urgroßmutter Esther Perel Eyba befindet sich im Besitz  von Esther Clifford. Sie zeigt die geretteten Fotos und Dokumente am Ende des durch die USC Shoah Foundation aufgenommenen Interviews.

[7]Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford: „Schilderung der Verfolgung Abraham Ebes“ vom 13. 06.1957 in Akte  518, 55556, S.13. – Holzminden war ein Internierungslager von 1914 bis 1918 in Niedersachsen und hatte bis zu 10.000 Gefangene.

[8] Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 89033.

[9]  Siehe Fußnote 7.

[10]„Es liegt eine Bescheinigung vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt/Polizeipräsidium vor, dass Regina Rosenthal am 01.08.1922 von München kommend, zuletzt am 22.12.1929 in der Eckenheimer Landstraße gemeldet war.

[11]Siehe Fußnote 3.

[12]Zur Beschreibung des Viertels siehe:Zehn Rundgänge.Hrsg.: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. (Hrsg.) Band 1.2. durchgesehene Auflage 2017. S. 74 ff. Verlag Brandes & Apsel.

[13]  https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) Das Philanthropin war eine der Schulen der ehemaligen israelitischen Gemeinde. Es bestand von 1804 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942. „Mit bis zu 1000 Schülern war es die größte und am längsten bestehende Schule in Deutschland.“  – Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist es Sitz der I. E. Lichtigfeld Schule, einer Grundschule mit Gymnasium der 1949 wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde Frankfurts.

[14]Heute Francois-Mitterrand-Platz.

[15]Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten im Antrag Regina Rosenthal auf Entschädigung. Akte Regina Rosenthal, geb. Ebe (HHStAW, 518, 89033 S. 91-93.

[16]  https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main): „Ab 1928 war es möglich, die Schule vom Kindergarten bis zum Abitur zu besuchen.“

[17]Siehe den Brief von Willy Rosenthal an Rechtsanwalt Dr. Norbert Volmer/Wiesbaden in Akte Leo Ebe HHStAW, 518, 55557.

[18]Erst ist er in Offenbach gemeldet, dann in Hannover, dann in Frankfurt.

[19]Vgl. Fußnote 7.

[20] https://de.wikipedia.org: „Als Judenboykott bezeichneten die Nationalsozialisten den Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933, in ganz Deutschland durchführen ließ.“

[21]  https://de.wikipedia.org:„Es erlaubte den neuen Machthabern jüdische und politische missliebige Beamte aus dem Dienst zu entfernen.“

[22]Vgl. Fußnote 3.

[23]Vgl. Fußnote 3.

[24]  Vgl. Fußnote 3.

[25]  Vgl. Fußnote 3.

[26]1942 wurde das Philanthropin durch die Nationalsozialisten geschlossen.

[27]  Vgl. Fußnote 3.

[28] Eidesstattliche  Erklärung  Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957 in Akte HHStAW, 518, 55556.

[29]Vgl. Fußnote 3.

[30]https://de.wikipedia.org: „Als Polenaktion bezeichnete man die Ende Oktober 1938 auf Anweisung Heinrich Himmlers und in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt kurzfristig durchgeführte Verhaftung von mindestens 17.000 im Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden und ihre Ausweisung und Verbringung an die polnische Grenze. Die Abschiebung erfolgte gewaltsam und kam für die Betroffenen völlig überraschend. Herschel Grynszpan, dessen Eltern betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmit-

arbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb, was wiederum Anlass für die Novemberpogrome 1938 war.“

[31]Dasselbe erzählt eine damals 16jährige Jugendliche aus Frankfurt, die  in 2017 für die Stolpersteinlegung der Initiative Frankfurt am Main e.V. unter dem Namen Bendkower in Frankfurt weilt. (siehe youtube)

[32]Vgl. Fußnote 3.

[33]Vgl. Fußnote 7.

[34]https://Reichskristallnacht: „Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichen Antisemitismus zur Existenzbedrohung für die Juden im ganzen Deutschen Reich. Entgegen der NS-Propaganda waren sie keine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung des deutschen Diplomaten durch einen Juden. Sie sollten vielmehr die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen planmäßig beschleunigen, mit der auch die deutsche Aufrüstung finanziert werden sollte. Der Zeitpunkt der Pogrome hing eng mit Hitlers Kriegskurs zusammen.“

[35]Vgl. Fußnote 7.

[36]Information durch Hartmut Schmidt/Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. zu Hahn. Fußnote 37.

[37]Information Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. vom 01.10.2017: Hahn, Hertha, Herta (Freundin von Esther Ebe), geb. Am 09.03.1922 in Frankfurt am Main./Fechenheim; ledig. Ihre Eltern waren (vermutlich) die Mutter Hahn, Recha (Rosa) geb. Hamburger, am 17.10.1892 in Langenselbold, wohnhaft in Frankfurt, und der Vater Hahn, Gustav, geb. 11.09.1886 in Frankfurt. – „Der Vater war Inhaber eines Schuhgeschäfts. Die Firma wurde vermutlich verfolgsbedingt zum 13. Mai 1938 eingestellt. Die Flucht in das Exil scheiterte, obwohl die Beträge für die Beförderung des Lifts und die Schiffskarten bereits bezahlt waren. Zwangsweise Entrichtung der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 11.500 Reichsmark und der „Dego-Abgabe“ in Höhe von 900 Reichsmark durch die Eltern. Frankfurter Adressen ab 1928 im eigenen Haus Überlinger Weg 11, später Alt Fechenheim 105, zuletzt Telemannstraße 3 oder 20.“ Verschleppung aller ab Frankfurt am Main am 20.10.1941 bei der ersten großen Deportation nach Litzmannstadt (Lodz), in dasGhetto.  Dort stirbt sie und ihre Mutter unbekannten Datums. „Ihr Vater kam nach neuneinhalb Monaten in Lodz ums Leben.“

[38]Aus den Deportationslisten geht hervor, dass in Hannover verschiedene Menschen mit dem Nachnamen Ebe lebten, also eine „Hannoveranische Verwandtschaft“ existierte. Sie wurden ebenfalls am 28.10.1938 im Rahmen der „Polenaktion“ nachZbąszyń /Bentschen deportiert. (Auskunft Hartmut Schmidt am 19.09.2017 von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. Dabei handelt es sich um Bernhard Ebe, geb. am 29.08.1926 in Hannover; um Icek Ebe, geb. am 02.10.1890 in Warschau; um Leo Ebe, geb. am 23.06.1925 in Hannover; um Nelli Ebe, geb. am  01. 08.1931 in Hannover; Sara Ebe, geb. Landmann, am 20.06.1902 in Tarnow. – Bis zum Sommer 1939 sind sie dort in einem Internierungslager inhaftiert. Von dort werden sie in das Warschauer Ghetto deportiert. Todeszeitpunkt unbekannt.

[39]Schriftliche Auskunft auf eine Anfrage an die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

[40]Auskunft Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. am 29.09.2017;  Seine Eltern sind Hedwig,  geb. Fleischmann am 13.12.1890 in Berlin und Markus (Max), Kleczewski geb. 29.11.1885 in Thorn, (Toruń) /Polen; beide wohnhaft in Kreuzberg, Skalitzer Str. 30. Inhaftierung in Berlin, in der Sammelstelle Levetzowstraße, ihre Deportation erfolgt am 13. Januar 1942 ab Berlin ins Ghetto nach Riga. – Im Interview – Fußnote 3 – zeigt sie ein Foto von ihren  Schwiegereltern. – In den Gedenkbüchern Riga gibt es darüber hinaus noch acht weitere Personen mit dem Nachnamen Kleczewski. Ob es sich um weitere Verwandte der Schwiegereltern von Esther Ebe, verheiratete Kleczewski, später umbenannt in Clifford, handelt, kann nicht beantwortet werden.

[41]Vgl. Fußnote 7.

[42]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in HHStAW 518, 55556.

[43]https://wikipedia/de: „Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

[44]Siehe Fußnote 43.

[45]https://de.m.wikipedia.org/wiki/B%C4%99dzin#Geschichte: „Die Stadt hatte damals eine der größten jüdischen Gemeinden Kleinpolens mit (1940) 24.495 Mitgliedern. Am 8. September 1939  wurden zahlreiche jüdische Bewohner der Stadt durch eine SS/SD-Einsatzgruppe in die große Synagoge getrieben die dann mit ihnen in Brand gesteckt wurde. Dabei starben über 40 Menschen. Von Juli bis August 1943 wurde das Ghetto durch die deutschen Besatzer geräumt und die jüdischen Bewohner ins Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert.“

[46]Auskunft Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. vom 19.09.2017. Hier leben in Będzin  in der Gartenstraße 19 der Vater Benjamin Ebe, geb. 1895; des weiteren Johanna Ebe, geb. 04.01.1921, Welly Ebe, geb. 06.10.1922, Lea Ebe, geb. 01.04.1925, Leopold Ebe, geb. 16.08.1926 und Dora Ebe, geb. 07.11.1928.

[47]https://wikipedia/de:„Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

[48]https://de.wikipedia.org: Das Warschauer Ghetto.

[49]https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto, von den deutschen Behörden „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten für polnische und deutsche Juden errichtet und war das bei weitem größte Sammellager dieser Art. Es wurde Mitte 1940 im Stadtzentrum Warschaus, westlich der Altstadt im Stadtteil Wola zwischen Danziger Bahnhof und dem alten Hauptbahnhof Warszawa Główna und dem Jüdischen Friedhof errichtet. Hierher wurden vor allem Juden aus ganz Warschau, aus anderen unter deutscher Kontrolle stehenden polnischen Regionen sowie aus dem deutschen Reichsgebiet und den besetzten Ländern deportiert. Es diente schließlich hauptsächlich als Sammellager für die Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka der SS und war als solches Teil der organisierten Massenvernichtung, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Das Warschauer Ghetto war der Ort der größten jüdischen Widerstandsaktion gegen den Völkermord, des so genannten jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto, der vom 19. April bis mindestens zum 16. Mai 1943 dauerte.„

[50]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 55556.

[51]Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHStAW, 518, 55556.

[52]https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ schrittweise aufgelöst. Die Ghettobewohner wurden in Vernichtungslager geschickt, die meisten von ihnen nach Treblinka, Mit den fortschreitenden Deportationswellen wurden die Ghettos räumlich verkleinert, bis sie schließlich vollständig „liquidiert“ wurden, so der deutsche Sprachgebrauch für den Mord an allen übrigen Gefangenen. Nach den großen Deportationen im Sommer 1942 war das Ghetto kein Wohnbezirk mehr, sondern ein großes Lager mit Zwangsarbeitern, von den Deutschen als Restghetto bezeichnet, das kein zusammenhängendes Gebiet darstellte.“

[53]https://de.wikipedia.org:Im Vernichtungslager Treblinka wurden vom Juli bis November 1943 mindestens 700.000 bis zu 1.1 Millionen Menschen umgebracht; im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek-Lublin vom Juli 1941 bis Juli 1944 circa 78.000.

[54]Eidesstattliche Erklärung Willy Rosenthal vom 21. Januar 1957 in Akte Regina Rosenthal HHStAW 518, 89033.

[55]Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten zu Regina Rosenthal. S.91-93 in Akte HHStAW 518, 89033.

[56]Ebenda.

Enter the text or HTML code here