Der Test in Sachen Zivilisation

 

TANER AKÇAM

 

Im Grunde lässt sich die ganze Haghia-Sophia-Affäre mit den Begriffen “ „unangebracht“ oder „peinlich“ zusammenfassen. Aber ich denke, dass das Publikum, an das ich mich wende, nicht den kulturellen Feinschliff besitzt, um diese Worte zu verstehen. Um ihretwillen wäre es besser, sie offen und verständlicher zu formulieren: Die Tat, die in Bezug auf die Haghia Sophia vollbracht wurde, ist ein deutliches Zeichen von Barbarei.

Diese Tat ist die Erklärung der „türkischen Kulturlosigkeit und Zerstörungswut“ gegenüber der ganzen Welt.  Und die Zusammenarbeit des Präsidenten und AK-Parteiführers Recep Tayyip Erdoğan mit dem MHP-Führer Devlet Bahçeli,  dieses Bündnis, ist der politische Ausdruck dieser Kulturlosigkeit und Zerstörungswut.

„Wozu diese Tat?“, mögen Sie jetzt fragen.

Mit dieser Tat wird der Welt erklärt: „Auch wenn wir im 21. Jahrhundert leben, ist unsere Mentalität immer noch die von 1453. Auch jetzt, im 21. Jahrhundert, erscheint es uns vollkommen sinnlos, wenn wir ein kulturelles Erbe der Menschheit bewahren sollen. Für uns kommt es nicht in Frage, zur Wertsteigerung der kulturellen Schätze der Menschheit, die uns hinterlassen wurden, beizutragen. Wir sind nicht in der Lage, selbst einen neuen Kulturwert zu schaffen. Wir bemächtigen uns der Kulturschätze der Menschheit, wir zerbrechen sie und/oder wir zerstören sie“.

Das genau ist es, was hier getan wird. Hier, jetzt, im 21. Jahrhundert, wird die Haghia Sophia, eines der bedeutendsten Denkmäler der menschlichen Kultur, wieder „erobert“ und in eine Moschee verwandelt werden, genau wie 1453.

Was hier aufgeführt wird, ist ein Akt des Kulturvandalismus.

Man fragt sich: Wird diese Partnerschaft von Erdoğan und Bahçeli die Beweggründe verstehen, warum die Weltöffentlichkeit ein so völlig negatives Bild von der Türkei und den Türken hat?

Der berühmte russische Denker des 19. Jahrhunderts, Nikolai Danilevski, teilte einst die menschlichen Gesellschaften in „Zivilisationsschöpfer“ und „Zivilisationszerstörer“ ein. Er listete die zehn größten einzigartigen Zivilisationen in chronologischer Reihenfolge auf: Ägypter, Chinesen, Altsemiten (Assyrer, Babylon, Phonoeceen, Chaldäer), Inder, Perser, Griechen, Römer, Neo-Semiten (Araber) und Germano-Römer (Europäer) und hatte folgendes über sie zu sagen:

Neben diesen positiven… Zivilisationen sind im Zeitalter der Menschheit auch periodisch bestimmte vorübergehende Akteure wie die Hunnen, Mongolen und Türken aufgetreten, deren Kerzen plötzlich aufflackerten und erloschen. Nachdem sie ihre Aufgabe der Vernichtung, des Beistands beim Sterben untergehender Zivilisationen und der Zerstreuung ihrer Überreste erfüllt haben, kehren sie in ihre frühere Bedeutungslosigkeit zurück und verschwinden. Wir können sie als die negativen Akteure der Geschichte bezeichnen„.

Nicht nur unter den Intellektuellen, sondern im ganzen Westen wird immer wieder über den Kulturvandalismus der Türken gesprochen.

„Auf der Balkanhalbinsel hat der Türke mit jedem seiner Schritte die Produkte der Jahrtausende alten Kultur mit Füßen getreten“.

„Wo immer der Türke einen Baum sieht, da fällt er ihn“; „Die Türken haben auf Schritt und Tritt Kulturen ausgelöscht und nicht das bewahrt, was sie in Besitz genommen haben. Sie waren in gewissem Sinne kein Kulturvolk und haben es versäumt, auf den kulturellen Fundamenten, die sie besetzt haben, eine Kultur aufzubauen.“

„In den Orten, wo der Osmane seinen Fuß hingesetzt hat, wächst kein Grashalm mehr“, die Orte, wo der Türke war, „sind verdorrt und abgestorben“. „Die osmanischen Herrscher haben mit den Orten, die sie erobert haben, nichts anderes getan, als sie auszuradieren, sie zu zerstören, und sie zu verwüsten„.

Einige Quellen erwähnen sogar, dass die Grausamkeit und Gnadenlosigkeit der Türken nicht nur gegenüber Fremden galten. Türkische Herrscher „würden ihr eigenes Volk auf grausame Weise erwürgen und töten, wenn sie auch nur die geringste Spur eines Verdachts einer Verschwörung verspürten“.[1]

Wenn wir diese Äußerungen heute wiederholen würden, würden dann Erdoğan und Bahçeli überhaupt noch in der Lage sein, Einspruch zu erheben?

Schauen Sie sich nur den Zustand an, in den sie das Land gebracht haben. Fast alle, die versucht haben, sich gegen diese beiden Mächtigen auszusprechen, sind eingeschüchtert und unterdrückt worden, sie sind eingesperrt und inhaftiert worden.

Davon sind nicht nur die Menschen betroffen. Das kulturelle Erbe, das auf diesem Land existiert, und darüber hinaus die Natur selbst, haben ihren Anteil von dieser Zerstörung erhalten.

Die Grausamkeiten, die das Duo Erdogan und Bahçeli getan haben und noch immer tun, sind das Ergebnis von nichts Geringerem als der türkischen Tradition von der zügellosen Ausübung von Macht; von einem grenzenlosen Appetit auf Zerstörung.

In der Tat ist die Partnerschaft zwischen Erdoğan und Bahçeli nur die jüngste Manifestation einer Barbarei und Tradition der Zerstörung, deren Wurzeln tief in diesem Land liegen.

Die Geographie Anatoliens ist heute eine Landkarte der Zerstörung, des Ruins; sie ist voll von Tausenden von Kirchen und anderen heiligen Stätten, die als Stallungen oder Lagerhäuser genutzt werden.

Die Partnerschaft Erdoğan-Bahçeli (und wir können genauso gut den Leiter der „Partei der Nation“,  Doğu Perinçek hinzufügen) steht für diese Tradition der Zerstörung, die Anatolien verwüstet hat, die nicht nur ganze Völker deportiert und liquidiert hat, sondern auch ihr kulturelles Erbe zerstört und auch noch versucht hat, alle Spuren zu verwischen.

Heute hält der türkische Vandalismus, die türkische Zerstörungswut als Koalition Erdoğan-Bahçeli-Perinçek die Zügel der politischen Macht in der Hand.

Jeder Türke muss daher verstehen, dass der Widerstand gegen diese Achse im Kern die Führung eines Krieges um die Zivilisation ist.

Die seit 1000 Tagen anhaltende U-Haft des wohlhabenden Philanthropen Osman Kavala durch das Regime, der als Gründer der Stiftung für anatolische Kultur, das kulturelle Erbe in dieser Region bewahren will, ist vielleicht das ergreifendste Beispiel für die Zerstörungswut der politischen Macht in der Türkei.

Hier geht es um nicht weniger als darum, ob die Türkei den Test der Zivilisation bestehen wird, oder auch nicht.

Am Ende wird die Zivilisation triumphieren; aber diejenigen, die sich ihr entgegenstellen, werden vielleicht nicht…

 

 

 

 

[1] Die Aussagen zu Türken im Text sind den Werken Doğan Avcıoğlu, Türklerin Tarihi, Band I, und Onur Bilge Kula, Alman Kültüründe Türk İmgesi III, entnommen.

 

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