Abgesegnet

 

Ich höre seit Jahren immer wieder das gleiche Klagelied von meinen Kolleginnen und Kollegen, von Freunden, von der Familie: „Das schlimmste Schicksal der Türkei ist, dass dort keine ernsthafte Opposition existiert!“

Ich stimme dem zu. Es gibt keine nennenswerte Opposition mehr in der Türkei.

Wenn es um Islam und Islamismus geht, sind sie sich in der Türkei alle einig.

So ungefähr, unsere Religion wird seit Jahrhunderten aus dem Westen, von den christlichen Kreuzrittern angegriffen, aber wir wehren uns heldenhaft.

Die gleichen Chorale der Opposition auch nach der jüngsten Entscheidung über die Umwandlung der Haghia Sofia in eine Moschee.

Der Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu von der republikanischen Volkspartei CHP: „Wenn sie aus der Haghia Sophia eine Moschee machen wollen, dann sollen sie das. Niemand ist gegen die Öffnung der Haghia Sofia als Moschee.[Fußnote 1]

Der Staatspräsidentschaftkandidat der CHP bei der letzten Wahl und vielleicht auch bei der kommenden Wahl, Muharrem Ince:

„Wir haben die Besitzurkunde von Haghia Sofia. Sie ist unser Eigentum. Sie gehört der Republik der Türkei. Nicht die Außenministerien Griechenlands, Russlands,und der USA entscheiden über Haghai Sofia. Wir entscheiden darüber, ob wir daraus eine Moschee oder eine Kirche machen. Wir akzeptieren die Entscheidungen derjenigen, die unser Land regieren oder die diesbezüglichen Urteile der Gerichte unseres Landes.“ [Fußnote 2]

Wohl bemerkt, Erdogan hat nicht gewagt sich, sich so klar, so deutlich zu äußern.

Alle anderen Oppositionsparteien stellen die Entscheidung Erdogans nicht in Frage.

Selbst die linke und pro kurdische HDP nicht:

„Haghia Sophia ist ein historisches Weltkulturerbe für die ganze Menschheit. Eine politische Diskussion darüber ist jetzt nicht angebracht. Diese Entscheidung darf die Gesellschaft nicht polarisieren oder teilen. Wir akzeptieren die religiösen Gefühle jedes Einzelnen.“ [Fußnote 3]

Das war Meral Danış Beştaş, die stellv. Fraktionsvorsitzende der HDP im türkischen Parlament.

Ansonsten hört man auch nicht ein einziges Wort der Kritik von den sogenannten Oppositionsparteien in der Türkei.

Wenn es um Islam bzw. um Islamismus geht, sind sie sich in der Türkei alle einig.

Friede, Freude, Eierkuchen.

Nur das weiß auch Erdogan.

 

 

[Fußnote 1] Vgl. Tageszeitung Cumhuriyet 10.07.2020

[Fußnote 2] Vgl. Deutsche Welle, 11.07.2020

[Fußnote 3] Ebenda, DW, 11.07.2020

Enter the text or HTML code here

Kommentar verfassen