Es fehlt an Weisheit

 

 

Ich habe schon des Öfteren darauf hingewiesen, dass die Islamisten in der Türkei ihre neue Republik weitgehend installiert haben. Einige Beobachter nennen sie die „2.Republik“, ich nenne sie die „Islamische Republik“.

An Symbolen der Republik wird schon kräftig gebastelt. So wurde dieses Jahr trotz Corona an die Eroberung von Istanbul im Jahr 1453 medial überschwänglich erinnert. In der ehemaligen byzantinischen Kathedrale der Stadt, Haghia Sofia, wurde das Rezitieren der sogenannten „Sura des Sieges“ aus dem Koran in allen Fernsehkanälen übertragen.

In den 18. und 19. Versen dieser „Sura des Sieges“ sagt Allah: „Allah war wohl zufrieden mit den Gläubigen, da sie die Treue gelobten unter dem Baum, und Er wußte, was in ihren Herzen war, dann senkte Er die Ruhe auf sie und belohnte sie mit einem Sieg, der nahe zur Hand war, Und viel Beute, die sie machen sollen. Und Allah ist allmächtig, allweise.“

Weiter im Vers 28: „Er ist es, Der Seinen Gesandten geschickt hat mit der Führung und der Religion der Wahrheit, daß Er sie siegreich mache über jede andere Religion. Und Allah genügt als Bezeuger.“

Mit anderen Worten: Islam soll siegreich über alle anderen Religionen sein und Allah wünscht euch viel Beute auf euren Eroberungszügen.

Als am 29. Mai Istanbul von den Osmanen erobert wurde, soll der Sultan Mehmet II. geradeaus zu dem größten Gotteshaus der damaligen Welt geritten sein, und erklärt haben, dass dieses Gotteshaus ab jetzt eine Moschee wird. Das behaupten zumindest die in der Türkei regierenden Islamisten.

Das damals größte Gotteshaus auf der Welt ist die griechisch-orthodoxe Kathedrale „Haghia Sophia“. Fortan hieß sie „Ayasofya“ Moschee.

Natürlich wurden alle Mosaiken und Wandmalereien sofort mit Kalkfarbe übertüncht, denn Islam toleriert keine Bilder. In den folgenden Jahrhunderten erhielt die „eroberte“ Kathedrale auch vier verschiedene Minaretts, von vier verschiedenen Sultanen. In 17 Jahren wird die Haghia Sophia 1500 Jahre alt. Und diese Feierlichkeiten soll sie als Moschee „Ayasofya“ erleben.

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Die entscheidende Seite des Beschlusses des Ministerrats vom 24.11.1934

Derzeit ist die Haghia Sofia durch einen Beschluss des türkischen Ministerrats vom 24. November 1934 ein Museum, seit 1985 ein UNESCO-Weltkulturerbe, wie alle ehemaligen byzantinischen Kirchen in Istanbul.

Die Islamisten in der Türkei haben diesen Beschluss nie akzeptiert.

Als 1994 Recep Tayyip Erdogan zum Oberbürgermeister Istanbuls gewählt wurde, erwähnte er, die Umwidmung der Haghia Sofia wieder in eine Moschee nur nebenbei.

Denn Tayyip hatte zunächst noch andere gesellschaftliche Veränderungen auf seiner politischen Agenda. Eine seiner ersten Erklärungen war, dass er sich für die Wiedereinführung der Scharia einsetzen werde, denn er sei als Gläubiger für die Scharia. Er führte ein, dass vor jeder Sitzung im Stadtparlament das Todesgebet rezitiert wurde, für die Toten in der Stadt. Er verbot die alkoholischen Getränke in allen sozialen Einrichtungen der Stadtverwaltung. Als das Trinkwasser in den Sommermonaten knapp wurde, schickte er seine Gläubigen zu „Regenbittgebeten“. Er erklärte sich sich selbst zum „Imam von Istanbul“.[Fußnote 1]

Aus dem „Imam von istanbul“ wurde in den folgenden Jahren der „Emir der Türkei“.

Seit 2015 regiert Erdogan mit mehr Vollmachten als einst der osmanische Sultan. Mit seinen Vollmachten könnte er per Dekret aus dem Museum „Haghia Sofia“ die Moschee „Ayasofya“ machen. Das macht er aber nicht. Denn er kann die Stärke der Protestwelle im In- und im Ausland gut einschätzen. USA und EU haben ihm schon lange von diesem Schritt abgeraten.

Und Erdogan will auch nicht direkt als „Kulturvernichter“ in die Geschichte eingehen, wie seine Gesinnungsgenossen, die Talibans, die 2001 die Buddhastatuen in Bamiyan zerstörten. Kurz Erdogan will an seiner Kulturvernichtung nicht als direkt Beteiligter erscheinen.

Das soll zum Beispiel ein „unabhängiges Gericht“ übernehmen. Zwar sind die Richter darin handverlesen vom Staatspräsidenten Erdogan ausgesucht und ernannt worden, aber laut dem Etikett und der Definition ist das oberste Verwaltungsgericht der Türkei „unabhängig“. Erdogan kann sich hinter dem Urteil des Gerichts zurückziehen und behaupten: „Ich muss die Urteile der Gerichte respektieren und sie in die Tat umsetzen“.

So klagt seit 2005 ein Verein, der den Schutz der historischen Denkmäler und der

Umwelt zum Ziel gesetzt hat, dass der Beschluss des Kabinetts von 1934 aufgehoben wird, und aus allen Museen in Istanbul wieder Moscheen werden.

Dieser Verein, von dem man nur den Vorsitzenden kennt, scheiterte mit seinen Klagen zunächst mal durch alle Instanzen. Sogar das Verfassungsgericht lehnte einen weiteren Versuch ab.

2016, nachdem Erdogan seine Richterschaft eingerichtet hatte, klagte der Verein erneut. Diesmal verlangt der Verein die Feststellung der Nichtigkeit des Ministerratsbeschlusses von 1934, denn die Unterschrift Atatürks darunter sei gefälscht. Der Vater der Türken hätte diesen Beschluss nie unterschrieben.

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Unterschriften von Atatürk. Er benutzte fast immer seine Stempeln mit seinen Unterschriften

Der Verein behauptet nicht, dass auch die Unterschriften der 12 Minister unter diesem Beschluss gefälscht sind. Nein, nur Atatürks Unterschrift.Der erste Staatspräsident der Türkei, der seit 1927 mit noch mehr Vollmachten wie Erdogan jetzt regiert hat, soll von der Umwandlung der Moschee in ein Museum nicht gewusst haben? Das ist nicht vorstellbar. Atatürk soll auch später nicht mitbekommen haben, dass aus der Moschee ein Museum wurde, dass Zeitungen voll mit Nachrichten über die Freilegung der Mosaiken waren, das der Eintrittspreis in das neue Museum auf 10

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Die Regierung beschloss sogar den Eintrittspreis des Museums

Kurus festgelegt wurde.

Da alle Beteiligten aus jener Zeit inzwischen tot sind, können Islamisten in der Türkei alles Absurde in den Umlauf bringen, um ein Ziel zu erreichen, um aus einer Kirche, was seit fast 90 Jahren ein Museum ist, wieder eine Moschee zu machen.

Erdogan wäre nicht Erdogan, wenn er nicht seine Speichellecker, seine „islamistischen Intellektuellen“ nicht einsetzen würde. Zwar passen, meiner Meinung nach, islamistisch und intellektuell nicht so ganz zusammen, aber die „wissenschaftliche“ Hilfe für Erdogans Plan war dennoch ansehnlich. So erklärte der ehemalige Vorsitzende des staatlichen Amtes für Geschichte, Prof. Yusuf Halacoglu, ziemlich bald, dass nicht nur Atatürks Unterschrift, sondern auch die anderen Unterschriften unter dem Beschluss von 1934 gefälscht seien.[Fußnote 2]

Ein anderer „Wissenschaftler“ behauptet, dass Atatürk seine Unterschrift von einem armenischen Kalligrafen gestalten ließ. Das riecht schon mal grundsätzlich nach einem Betrug, besonders wenn auch noch ein armenischer Kalligraf im Spiel gewesen sein soll.

Anfang Juni hat Erdogan wieder erneut öffentlich erklärt, er wäre gern bereit, falls das oberste Verwaltungsgericht im Sinne der Kläger entscheiden würde, aus dem Museum Haghia Sofia, wieder eine Moschee zu machen, man solle das Urteil des höchsten Gerichts warten.

Das Gericht tagte am 4. Juni. Anwesend waren die Kläger, also der Verein zum Schutze der historischen Denkmäler und der Umwelt und die Anwälte des Staatspräsidialamtes anwesend. Die mündliche Verhandlung dauerte eine halbe Stunde. Die Kläger betonten noch einmal, dass die Unterschrift Atatürks gefälscht sei. Die Anwälte des Präsidenten gaben überhaupt keine Stellungnahme ab. Sie schwiegen.

In den kommenden Tagen wird das Gericht ein Urteil präsentieren. Und es kann nur ein Urteil geben: Die Unterschrift Atatürks war nicht echt.

Dann wird es schnell gehen. Über Nacht können die Malerkolonnen die Mosaiken wieder mit Farbe zudecken. Und der Emir Tayyip Erdogan kann die ganze Welt zu einem Gebet in die Ayasofya aufrufen.

Haghia Sofia heißt in der griechischen Sprache „Heilige Weisheit“. Sie fehlt anscheinend den Islamisten. Der Name der Moschee „Ayasofya“ hat in der türkischen Sprache keine Bedeutung. Dieser Name der Moschee ist in der türkischen, aber auch in der arabischen Sprache nicht mal existent.

 

[Fußnote 1] Vgl. die türkische Tageszeitung von Cumhuriyet v. 26.05.1998

[Fußnote 2] Vgl. Türk. Internetportal, habertürk v. 08.06.2020

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