„MIGRATIONSEXPERTE“ GERALD KNAUS UND DIE ANGEBLICHE PRÄSENZ PROTESTANTISCHER ETHIK IN ZENTRALANATOLIEN

Kennen Sie Max Weber und könnten Sie den Titel seines wichtigsten Werkes neben „Wirtschaft und Gesellschaft“ nennen, ohne zu schummeln?

Falls die Leserin oder der Leser diese Fragen verneinen muss, wäre dies zwar bedauerlich aber gewiss kein Grund, um sich wegen vermeintlich schlechter Allgemeinbildung zu schämen. In aller Regel können nur jene Personen diese Fragen korrekt beantworten, die Soziologie, Politologie, Volkswirtschaftslehre oder eine andere sozialwissenschaftliche Disziplin studiert haben. Ich persönlich erfuhr über die Existenz dieses Mannes, als ich zwischen 1991 und 1993 in Genf politische Wissenschaften studierte. Im zweiten Semester, im Fach „Methodologie der politischen Wissenschaften“ bei Prof. Pierre Alan, lasen wir Auszüge aus einem der wichtigsten Werke der Religionssoziologie: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, zunächst erschienen in zwei Publikationen in den Jahren 1904 und 1905, die von Max Weber (1864-1920) selbst stark überarbeitet und die bei seinem Tod im Jahr 1920 in Buchform veröffentlicht wurde.

Sonderausgabe (1934)
(Quelle: Wikipedia)

Einige Monate später las ich die von unserem Professor hervorgehobenen Passagen, die ich auf Französisch bereits gelesen hatte, zwecks Prüfungsvorbereitung auch auf Deutsch, weil die Sprache von Soziologen in aller Regel alles andere als einfach ist, vor allem wenn deren Texte mit langen und verschachtelten deutschen Sätzen ins Französische übertragen wurden. Trotz meines Studiums und einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Buch muss ich natürlich einräumen, dass ich dennoch nur an der Oberfläche dieses Werkes gekratzt habe und ganz sicher kein Max-Weber-Experte bin. Später, nachdem ich mein Politologiestudium abbrach und in Basel Jura studierte, hörte ich den Namen Max Webers nur einige wenige Male und zwar, als ich mich mit Studenten der Soziologie oder der Nationalökonomie unterhielt.

Mit anderen Worten handelt es sich bei diesem Werk durchaus um ein sehr bedeutendes; allerdings ist es über die genannten Fachkreise hinaus eher unbekannt, jedenfalls nicht so bekannt wie „Das Kapital“ von Karl Marx. Wenn man den Autor und dieses Werk, ohne Sozialwissenschaften studiert zu haben, dennoch kennt, verfügt man – zumindest aus meiner Sicht – über eine doch sehr gute Allgemeinbildung. Diejenigen, die das von sich behaupten können, dürfen sich jedenfalls gebauchpinselt fühlen.

Worum es in diesem doch sehr anspruchsvollen Werk geht, ist auf Wikipedia recht gut und kompakt zusammengefasst, weshalb ich den entsprechenden Abschnitt eins zu eins übernommen habe:

„Die Ausgangsfrage lautet, weshalb die moderne Kultur gerade im Okzident entstanden sei und sich z. B. nicht (auch) in China oder Indien, also im Orient, entwickelt habe, bzw. warum sie in Westeuropa nicht schon früher aufgetreten sei. Weber führt dies auf einen „spezifisch gearteten Rationalismus der okzidentalen Kultur“ (Bd. 1, S. 20) zurück. Sein Ziel ist daher, die besondere Eigenart des okzidentalen Rationalismus und insbesondere seiner modernen Variante zu erkennen und ihre Entstehung zu erklären.

Zwischen der protestantischen Ethik und dem Beginn der Industrialisierung bzw. des Kapitalismus in Westeuropa besteht nach Weber ein enger Zusammenhang. Die Kompatibilität („Wahlverwandtschaften“) der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und des kapitalistischen Prinzips der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen waren ein idealer Hintergrund für die Industrialisierung.

Besonders wichtig ist ihm die Frage nach der Bedingung der Entstehung einer Wirtschaftsgesinnung: des Ethos einer Wirtschaftsform, durch bestimmte religiöse Glaubensinhalte. Dieser Frage geht er am Beispiel der Zusammenhänge des modernen Wirtschaftsethos mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus (Bd. 1, S. 21) nach. Er behauptet, dass der Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums vorwiegend protestantisch sei, und konstatiert, dass Protestanten eine eher technische, Katholiken eher eine humanistische Schulbildung hätten, sowie eine auffallend „geringere Beteiligung der Katholiken am modernen Erwerbsleben in Deutschland“ (Bd. 1, S. 32). Er will keine umfassende Kulturanalyse vorlegen, sondern die Entwicklung des „Menschentums“ darstellen, welches durch das Zusammentreffen bestimmter religiöser und ökonomischer Bedingungen geschaffen wurde.“

Für das Verständnis der weiteren Lektüre meines Blogs ist damit sehr wesentlich, dass Max Weber sehr differenziert ist und aufzeigt, weshalb ausgerechnet die protestantische Ethik und ganz besonders die asketischen Calvinisten und nicht eine andere christliche oder andere Kultur westlicher Provenienz den Geist des Kapitalismus und den Rationalismus beflügelten und die Industrialisierung begünstigten. Das ist doch sehr spezifisch und ist auf andere Kulturen und Ethiksysteme nicht übertragbar, weil es in diesem Werk gerade um diesen Unterschied respektive um diese Einzigartigkeit geht. Schon gar nicht existiert diese Ethik im Islam und kann niemals mit einer muslimischen Ethik gleichgesetzt werden, weil die entsprechenden Inhalte in der muslimischen Welt und im Islam inexistent sind, allen voran der Rationalismus. Immerhin unterscheidet Max Weber selbst die protestantische Ethik nicht nur von anderen okzidentalen, sondern auch von orientalischen Kulturen, wie aus dem oben aufgeführten Zitat zu entnehmen ist.

Vor einiger Zeit bin ich auf einen älteren Text der Lobby-Organisation European Stability Intiative (ESI) gestossen, die schon damals vom mittlerweile den meisten politisch interessierten Europäern bekannten Gerald Knaus geleitet wurde. Bei Gerald Knaus handelt es sich um einen österreichischen Soziologen, der in den meisten Medien aus welchen Gründen auch immer als „Migrationsexperte“ bezeichnet wird, obwohl er wohl eher ein Migrationslobbyist ist und damit beschäftigt ist, eine von der überwiegenden Mehrheit der Europäer abgelehnte Migration aus dem Nahen Osten, aus Afrika und aus dem Hindukusch zu ermöglichen. Insbesondere Angela Merkel hat sich vom Masseneinwanderungslobbyisten im Rahmen der Migrationskrise der Jahre 2015/2016 beraten lassen und ausserdem ist Gerald Knaus auch der Architekt des sogenannten Merkel-Plans (EU-Türkei-Abkommen vom 18. März 2016). Der Titel des Textes der Lobby-Organisation, der höchstwahrscheinlich von Gerald Knaus zumindest mitverfasst wurde, lautet „Islamische Calvinisten – Umbruch und Konservatismus in Zentralanatolien“, der unmittelbar Bezug auf den vorerwähnten Max Weber und auf dessen Werk über die protestantische Ethik nimmt und diese von Rationalismus geprägte Ethik ausgerechnet im rückständigen Zentralanatolien wahrnimmt.

Migrationslobbyist Gerald Knaus

Der Aufsatz wurde am 19. September 2005 veröffentlicht und steht im Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsgesuch der Türkei. Das Ziel des Propagandatextes ist, die in Europa bestehenden Ängste im Zusammenhang mit einem allfälligen EU-Beitritt der Türkei unter Erdoğan abzubauen, wobei ganz bewusst nicht auf die ohnehin völlig unproblematische moderne Bevölkerung der Türkei Bezug genommen wird, sondern auf konservative Scharia-Muslime in Zentralanatolien, die angeblich „islamische Calvinisten“ im Max Weber’schen Sinne seien. Ich zitiere aus dem Vorwort:

Von Europäern, die einer türkischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union skeptisch gegenüberstehen, ist häufig zu hören, die Türkei habe zwei Seelen, von denen nur eine westlich sei. Sie kontrastieren das kosmopolitische Istanbul mit dem weiten türkischen Inneren, das als rückständig, verarmt und in seinen Werten als ‚nicht-europäisch’ gilt. Zentralanatolien mit seiner ländlich geprägten Wirtschaft und patriarchalen, islamischen Kultur gilt als das Kernland dieser ‚anderen’ Türkei. Doch hat es in den letzten Jahren ein Wirtschaftswunder erlebt, das eine Reihe ehemaliger Handelsstädte in wohlhabende Zentren der verarbeitenden Industrie verwandelte. Dieser neue Wohlstand hat zu einem Wandel traditioneller Werte und einer Kultur harter Arbeit, des Unternehmertums und der Entwicklung geführt. Während Anatolien eine sozial konservative und religiöse Gesellschaft bleibt, durchlebt es zugleich, was von einigen Beobachtern eine ‚Stille islamische Reformation’ genannt wurde. Viele von Kayseris Geschäftsleuten schreiben ihren wirtschaftlichen Erfolg ihrer ‚protestantischen Arbeitsethik’ zu.

(…)

Die derzeit regierende Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) von Recep Tayyip Erdoğan und Abdullah Gül (Kayseris prominentester Politiker) und ihre politische Philosophie des ‚demokratischen Konservatismus’ sind in Zentralanatolien sehr populär. Das AKP-Parteibüro in Kayseri war eines der ersten landesweit und in den Kommunalwahlen 2004 errang die Partei eine überwältigende Mehrheit von 70 Prozent, ihre stärkste im ganzen Land. Viele Ziele des demokratischen Konservatismus’ erinnern an Parteien des politischen Zentrums in Europa.

Dieser Bericht kommt zu dem Schluss, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Entwicklung ein Milieu geschaffen haben, in dem Islam und Moderne gütlich nebeneinander bestehen. Das von diesen Werten geformte Anatolien begehrt nun, Teil der Europäischen Union zu werden.“

Mit anderen Worten ist das Ziel dieses Textes, Lobbyarbeit für einen EU-Beitritt der Türkei zu leisten, um diesen zu begünstigen und dabei die Illusion einer Ähnlichkeit der Ideologie von AKP-Anhängern mit den Werten der demokratischen Parteien der politischen Mitte Europas herzustellen. Diese Partei würde es ermöglichen, dass der Islam und die Moderne gütlich nebeneinander bestehen könnten, eine Behauptung, die damals schon ein Hohn war. Der in der vom deutschen Verfassungsschutz seit Jahren beobachteten Milli Görüş Bewegung groß gewordene Nationalislamist Erdoğan, der zuvor wegen des Rezitierens eines volksverhetzenden und Dschihad verherrlichenden Gedichts im Gefängnis war, worüber ich auch schon gebloggt habe, ist sodann gemäß Behauptung von ESI ein „demokratischer Konservativer“. Zwecks Untermauerung solcher haarsträubenden Behauptungen werden die AKP-Anhänger sodann als „islamische Calvinisten“ bezeichnet. Mit solchen Ausdrücken, die mit der Realität nichts zu tun haben, will die ESI insbesondere an konservative Bürger in Europa appellieren, weil diese skeptischer gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei stehen als die Linken. Der Text suggeriert deshalb, dass die „konservativen Türken“ – gemeint sind die AKP-Anhänger – den konservativen Menschen der politischen Mitte in Europa und insbesondere den tüchtigen Calvinisten ähnlich seien. Dies soll ein Motiv sein – so die Suggestion dahinter – nicht nur wegen den modernen Türken für einen EU-Beitritt der Türkei sein, sondern auch gerade wegen der angeblich calvinistischen Tüchtigkeit der AKP-Anhänger insbesondere in Zentralanatolien, namentlich in Kayseri.

Besonders absurd wird der Aufsatz ab Seite 25, unter dem Titel „Islamische Calvinisten“und dem Untertitel „Max Weber in Kayseri“, der die Naivität und die Unwissenheit der Verfasser auf eine hervorragende Art und Weise offenbart. Die im Vorwort mit dem demokratischen Zentrum in Europa verglichene „konservative“ Bevölkerung Zentralanatoliens wird gleich im Einstieg ins Kapitel wie folgt beschrieben:

„Keinem Besucher in Kayseri könnte entgehen, dass dies eine tief religiöse Gesellschaft ist, die sich zugleich äußerst aufgeschlossen für Wandel und Moderne zeigt. Im Zentrum der Universität befindet sich eine große neue Moschee und eine noch größere im Industriegebiet, wo viele Arbeiter zum Freitagsgebet gehen. Jede Firma stellt Gebetsräume bereit. Die meisten der älteren Geschäftsmänner haben die Haddsch nach Mekka unternommen. In der Stadt gibt es nur wenige Restaurants, die Alkohol anbieten“.

Dann kommt der Bezug auf Max Weber, wobei deutlich wird, dass der Verfasser des Textes keinen blassen Schimmer über Max Webers Werk hat und lediglich die haltlose Behauptung eines ehemaligen Bürgermeisters Kayseris völlig unkritisch übernommen hat:

„Es ist verblüffend, dass eine Reihe von Menschen in Kayseri ihre Gemeinde unter Bezugnahme auf den Calvinismus und die protestantische Arbeitsethik beschreiben. Sükrü Karatepe, der ehemalige Bürgermeister von Kayseri, verglich seine ‚Kayserili’ (Einwohner von Kayseri) mit hart arbeitenden ‚Protestanten’ und teilte uns mit, dass man Max Weber lesen müsse, um Kayseri zu verstehen und spielte damit auf Webers gefeierten Aufsatz von 1905 an. In „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ argumentierte Weber, dass das „diesseitige Asketentum“ des Calvinismus den Ausschlag für den Aufstieg des modernen Kapitalismus gab.“

Wie die Leserin oder der Leser aufgrund meiner Ausführungen zu Beginn meines Blogs weiß, handelt es sich beim Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ nicht um einen „gefeierten Aufsatz“ aus dem Jahr 1905, sondern um einen zweiteiligen Aufsatz, der in den Jahren 1904 und 1905 publiziert, der später überarbeitet und im Todesjahr Max Webers (1920) in Buchform veröffentlicht wurde. Die vollständige Ausgabe, die im Beck-Verlag erschienen ist, umfasst 432 Seiten. An den Universitäten wird heute praktisch ausschließlich aus dem Buch gelesen, zumal der Text von Max Weber selbst stark überarbeitet worden ist, es sei denn man will ganz spezifisch eine Arbeit über die frühere Fassung schreiben, die in den Jahren 1904 und 1905 in einer Aufsatzreihe erschienen ist und nicht wie behauptet im Jahr 1905 in der Form eines Aufsatzes. Mit anderen Worten dürfte jemand, der von einem „gefeierten Aufsatz“ aus dem Jahr 1905 spricht, das maßgebliche Werk noch nie in den Händen gehalten haben. Ausgerechnet ein solcher Autor, der damit noch weniger über Max Weber weiss als meine Wenigkeit, will also einen Zusammenhang zwischen der protestantischen Ethik der Calvinisten und der Muslimbruderschaft-Ideologie von AKP-Anhängern in Zentralanatolien herstellen. Der haarsträubende Vergleich gefiel offensichtlich und diente der wohlmeinenden Propaganda der Lobby-Organisation ESI als Argument für einen EU-Beitritt der Türkei.

Woher diese appeasende Haltung der ESI-Lobbyisten gegenüber dem türkischen Islamismus stammt, wird an einer Stelle des Aufsatzes deutlich, wo der Autor auf den türkischen Islamisten und Staatsfeind Said Nursi verweist und diesen völlig unkritisch in den Himmel lobt. Dessen Nurculuk-Bewegung steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der später entstandenen Hizmet-Bewegung des türkischen Sektenführers Fethulllah Gülen, mit dem sich Erdoğan bekanntlich verkracht hat und dessen Anhänger der türkische Diktator mit Unerbittlichkeit verfolgt. Auch wird im Aufsatz der Gülenist und Soziologe Hakan Yavuz zitiert und dessen Meinung vorbehaltlos übernommen, gemäß dem die Türkei seit Mitte der Achtziger Jahre angeblich eine stille muslimische Reformation durchlebe, die der protestantischen Reformation ebenbürtig sei. Was der Gülenist hier als Reformation beschreibt, was die Lobby-Organisation ESI völlig unkritisch als Wahrheit übernimmt, ist die Einnistung der islamistischen Gülen-Sekte in die Institutionen der säkularen Türkischen Republik, die ab dem vom Gülenisten angegebenen Zeitpunkt tatsächlich auch stattfand. Nachfolgend der Originalwortlaut einer im Geheimen aufgenommenen Äusserung des Sektenführers Gülen, der obwohl ein Gegner Erdoğans alles andere als ungefährlich ist. Dieses Zitat aus dem Jahr 1999 ist übrigens der Grund, weshalb sich der Islamist und Staatsfeind in die USA begeben hat und seither dort im Exil lebt:

„Man muss die Stellen im Justiz- und Innenministerium, die man in seine Hand bekommen hat, erweitern. Diese Einheiten sind unsere Garantie für die Zukunft. Die Gemeindemitglieder sollten sich jedoch nicht mit Ämtern wie zum Beispiel denen der Richter oder Landräte begnügen, sondern versuchen, die oberen Organe des Staates zu erreichen. Ohne Euch bemerkbar zu machen, müsst Ihr immer weiter vorangehen und die entscheidenden Stellen des Systems entdecken. Ihr dürft in einem gewissen Grad mit den politischen Machthabern und mit denjenigen Menschen, die hundertprozentig gegen uns sind, nicht in einen offenen Dialog eintreten, aber ihr dürft sie auch nicht bekämpfen. Wenn sich unsere Freunde zu früh zu erkennen geben, wird die Welt ihre Köpfe zerquetschen, und die Muslime werden dann Ähnliches wie in Algerien erleben. Die Welt hat große Angst vor der islamischen Entwicklung. Diejenigen von uns, die sich in diesem Dienst befinden, müssen sich so wie ein Diplomat verhalten, als ob sie die ganze Welt regieren würden, und zwar so lange, bis Ihr diese Macht erreicht habt, die Ihr dann auch in der Lage seid, mit eigenen Kräften auszufüllen, bis Ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen an Euch gerissen habt.“

Die doch etwas abenteuerliche Behauptung im ESI-Aufsatz, wonach im zentralanatolischen Kayseri eine Gesellschaft von islamischen Calvinisten entstanden sei, die man mit den Parteien des demokratischen Zentrums in Europa vergleichen könne, bezieht sich damit hauptsächlich auf die in der Regel sehr gut ausgebildeten Gülenisten, die das Ziel verfolgten, den türkischen Staat zu unterwandern und sämtliche Verfassungsorgane an sich zu reißen, um die alte islamische Ordnung herzustellen, natürlich inklusive Kalifat. Und ausgerechnet bei solchen Leuten bekamen die Lobbyisten von ESI regelrecht feuchte Träume und sie sahen in den Gülenisten sogar einen guten Grund, die Türkei in die EU aufzunehmen, wobei sie sich nicht schämten, die Angehörigen dieser gefährlichen Sekte, die Verfassungsfeinde und Islamisten sind, in Anlehnung an Max Webers Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ als „islamische Calvinisten“ zu bezeichnen, obwohl sie das entsprechende Werk des berühmten Soziologen offensichtlich nicht einmal gelesen hatten.

Es ist schwer zu sagen, ob Gerald Knaus und seine Lobby-Organisation ESI auch heute einen solchen appeasenden Aufsatz über türkische Islamisten veröffentlichen und diese auf die gleiche Stufe mit den Calvinisten setzen würden. In Anbetracht der wohlwollenden Haltung der Verfasser gegenüber einer islamistischen Partei, dem politischen Islam, den islamischen Sekten und dem Scharia-Lifestyle, was in diesem Text recht gut zur Geltung kommt, ist davon auszugehen. Nach dem Gesagten muss man sich allerdings die Frage stellen, ob eine Organisation, in der solche geistige Blindflieger operieren, tatsächlich dazu geeignet ist, europäische Regierungen bei einer derart wichtigen Frage zu beraten wie bei der Migrationsfrage.

Gymnasiastinen aus Kayseri in den Siebziger Jahren, bevor die Stadt zu einer Islamistenhochburg wurde

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