Tag der „Arbeitenden Journalisten“

Die Türkei feierte den Tag der „Arbeitenden Journalisten“ am 10. Januar unter weit verbreiteter politischer Unterdrückung und dramatisch gestiegener Arbeitslosigkeit in der Medienbranche. Während 108 Journalisten in Gefängnissen sitzen und gegen weitere 172 Journalisten wegen ihrer journalistischen Tätigkeit Ermittlungen laufen, haben mehr als 13 Tausend Journalisten aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ihre Arbeit verloren.

images-4Der 10. Januar wurde zum Tag der „Arbeitenden Journalisten“ erklärt, als die damalige progressive Militärregierung nach dem Militärputsch am 27. Mai 1960 durch ein „Pressegesetz“  den Journalisten eine Reihe von Freiheiten und Rechten gewährte. An diesem Tag im Jahr 1961 wurde zum ersten Mal in der Türkei ein Pressegesetz mit den europäischen Standards eingeführt.

Laut dem Weltpressefreiheitsindex 2019 von Reporter ohne Grenzen (RSF) belegte die Türkei im Jahr 2019 Platz 157 von 180 Ländern. Die Internationale Beobachtungsstelle für Menschenrechte (IOHR) weist darauf hin, dass die Türkei weiterhin der schlimmste Kerkermeister von Journalisten weltweit ist.

Insbesondere die regierende islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklungimages-2 (AKP) hat nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 das harte Vorgehen gegen die Medien erheblich ausgeweitet. Dutzende von Journalisten wurden inhaftiert oder mit rechtlichen Schritten schikaniert, und mehr als 200 Medien wurden geschlossen. Diejenigen kritischen Medien, die überleben konnten, wurden zur Selbstzensur gezwungen.

Im Jahr 2019 wurden zweihundertfünfzig Medienschaffende vors Gericht gestellt. Gegen diese Journalisten wurden insgesamt einhundertdreiunddreißig Jahre Freiheitsentzug und eine Geldstrafe von 140.000 Türkische Lira (ca. 22.000 Euro) verhängt. Dutzende von Journalisten wurden von den der Regierung nahestehenden Schlägern angegriffen, betonte Gülfem Karataş von der türkischen Journalistengewerkschaft (TGS) gegenüber dem Internetportal Ahval.

Inmitten der weit verbreiteten politischen Repression sehen sich Journalisten in der Türkei auch mit einer enormen Arbeitslosigkeit und Entlassungen konfrontiert.

Offizielle Daten des türkischen Instituts für Statistik zeigen, dass jeder vierte Uni-Absolvent des Fachs „Journalistik“ in der Türkei arbeitslos bleiben wird, in dem Land, in dem jedes Jahr Tausende von jungen Menschen ihren Abschluss in der Kommunikationsbranche machen.

„Laut dem Bericht, den wir ein Jahr nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 erstellt haben, lag die Arbeitslosenquote unter den Journalisten bei 30 Prozent, jetzt ist diese Quote viel höher. Erst im Jahr 2019 wurden 186 Journalisten aus verschiedenen Medien entlassen.  Viele Journalisten glauben, dass sie ihren Job in diesem Land nicht mehr ausüben können und planen, ins Ausland zu gehen“, sagte  die Sprecherin Karataş.

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Seinen Auftritten in seinen Phantasieuniformen dürfen nur die von ihm auserwählten Journalisten beiwohnen

Der leidenschaftliche Sportreporter, Uğur Köstekçi ist einer von diesen jungen arbeitslosen Journalisten. Köstekçi hat schon früh mit dem Journalismus begonnen und viel im In- und Ausland gearbeitet, um Erfahrungen zu sammeln. Doch jetzt ist er arbeitslos, obwohl er sich mehrfach um einen Job beworben hat.

„Egal, welche Fähigkeiten man besitzt; wenn man keine einflussreichen Kontakte in die Regierungsebene besitzt, ist es fast unmöglich, in der Türkei eine Stelle im Mediensektor zu finden“, sagt Köstekçi.

Unter einem so massiven politischen und wirtschaftlichen Druck wird es in der Türkei immer schwieriger, Journalismus zu betreiben, was einige dazu zwingt, den Journalismus aufzugeben und ihre Chance in einem anderen Bereich zu versuchen.

Asya İnedi arbeitete 2,5 Jahre für die kurdische Nachrichtenagentur Dicle, die nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 verboten wurde. Während sie für eine andere Nachrichtenagentur arbeitete, musste sie ihren Job wegen politischer Unterdrückung in den kurdischen Medien kündigen. Jetzt betreibt sie Landwirtschaft in der südlichen Stadt Adana.

„Ich habe mit dem Journalismus begonnen, um meinem Volk die Wahrheit zu berichten. Wir wurden wegen unserer journalistischen Arbeit ständig bedroht und unterdrückt. Ich wurde mehrmals inhaftiert. Unsere Nachrichtenagentur wurde verboten und geschlossen, wir haben nicht aufgegeben, aber ab einem bestimmten Punkt wird sehr lebensbedrohlich. Dann muss man aufgeben.

Neunundfünfzig Jahre nachdem die damalige Putschregierung 1961 den ersten Tag der „arbeitenden Journalisten“ organisiert hat, verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen und die Rechte der Journalisten in der Türkei rapide.

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