Eine kleine Silvestergeschichte..

Als ich heute in den Archiven türkischer Zeitungen nach Themen für eine kleine Geschichte zum Silvester Ausschau hielt, fand ich in der Tageszeitung Cumhuriyet

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Bericht über Hikmets Festnahme vom 1.1.1937

vom 1.1.1937 einen ausführlichen Bericht über die Verhaftung des bekanntesten Lyrikers der Türkei, Nazım Hikmet.

Der Dichter und weitere 12 Personen seien wegen „Aufstachelung zum kommunistischen Umsturz“ in Istanbul festgenommen, steht es in Cumhuriyet geschrieben. In der Silvesternacht. 

Ein Untersuchungsrichter vernahm sie und schickte sie dann in die Haft. Während des Verhörs warf der Richter Nazım Hikmet vor, er sei der Vorsitzende der Kommunisten in Istanbul, habe seine Freunde zwecks Gründung eines Vereins in einer Patisserie im Stadtteil Taksim getroffen. Dabei haben sich der Dichter und die anderen in einer kodierten Geheimsprache miteinander unterhalten. 

Nazım Hikmet erklärte dem Richter, dass er wegen eines Buches über Marxismus, was ihm ein Freund vor sieben Monaten geschenkt hatte, festgenommen worden sei. Dieses Buch könne man außerdem in jedem Buchladen der Stadt kaufen. Er erklärte weiter, er kenne keine Geheimsprache und habe auch nicht vor gehabt, einen Verein zu gründen. Von den anderen verhafteten zehn Personen sei ihm nur einer bekannt. 

Der Richter mit dem Namen Salahaddin schickte nach den gesetzlich obligatorischen Verhören alle festgenommenen Personen in U-Haft. So die kurze Zusammenfassung des Berichts in der Tageszeitung Cumhuriyet vom 1.1.1937. 

 

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Nazim Hikmet

Wenn ich mir diese Vorwürfe von vor 82 Jahren gegen Nazım Hikmet anschaue, finde ich kaum einen Unterschied zu heute. 

Die Gesinnungsschnüffelei, die Verfolgung von Andersdenkenden am Bosporus scheinen seit Jahrhunderten die Grundlagen des jeweiligen herrschenden Systems zu sein. Die Herrscher wechseln sich, der Herrschaftsapparat bleibt. 

In jener Silvesternacht am 1.1.1937 regierte die „Lichtgestalt“ Atatürk, der schon mal als junger Offizier von der Geheimpolizei des Sultans verfolgt worden war. Atatürk setzte den Sultan ab, rief die Republik aus, übernahm aber das faschistische Strafrecht Mussolinis, um jene zu verfolgen, die nicht in das Raster seines Machtsystems passten. Damals waren es Kommunisten und islamische Eiferer, heute sind es PKK und FETÖ. Übrigens ist das Strafrecht Mussolinis mit einigen kleinen Korrekturen bis heute geblieben. 

Es wird sich in Zukunft nicht viel ändern, solange die Bevölkerung der Türkei sich mit ihrer eigenen Vergangenheit nicht auseinandersetzt, das geschehene Unrecht wahrnimmt, die Ursachen dieses Unrechts in der Vergangenheit herausarbeitet und aus diesem Diskussionsprozess die notwendigen Konsequenzen für die Zukunft zieht. Nichts ist in den letzten Jahrzehnten geschehen. 

Nazım Hikmet saß nach seiner Festnahme am 1.1.1937 über 14 lange Jahre in Haft, bis zur Generalamnestie im Jahr 1951. Dann flüchtete er ins Ausland. Er hat es zu seinen Lebzeiten nicht erleben dürfen, dass seine Werke in der Türkei gedruckt wurden. 

Wenige Wochen nach seiner Flucht ins Ausland entzog die Regierung ihm seine türkische Staatsbürgerschaft. Die „Verstoßung aus der Gemeinschaft der türkischenBildschirmfoto 2019-12-29 um 22.12.00 Nation“ ist auch so eine Übernahme aus dem faschistischen Strafrecht Mussolinis. Du bist ein Ausgestoßener und du sollst es als „Verräter“ zu spüren bekommen. Nur das funktioniert selten. Nicht die türkischen Herrscher bestimmen, ob du dich als Türke fühlst oder nicht. Mir wurde später, um genau zu sein, 20 Jahre später, auch aus ähnlichen Gründen die Staatsbürgerschaft entzogen, aber an meinen Gefühlen zu meinen Freunden in der Türkei hat sich nichts geändert. 

1951 nach seiner Ausbürgerung veröffentlichte die Cumhuriyet, am 12. Juli 1951  ein Foto von Nazım. Er steht darauf Arm in Arm mit dem Generalsekretär des sowjetischen Journalistenverbandes, Fadeyev. „Uns fällt dabei eine Empfehlung des Dichters Esref an den damaligen Sultan Abdülhamit ein“, schreibt die türkische Zeitung Cumhuriyet dazu: „Drucke möglichst alle Bilder eines solchen, damit die ganze Nation ausgiebig seine Visage bespucken kann. Deswegen drucken wir auch das Bild von Nazım hier in dieser Ausgabe“. 

Nazım starb am 3. Juni 1963 in Moskau. Am 6. Januar 2009 erhielt der ausgebürgerte Dichter posthum die türkische Staatsbürgerschaft zurück. Ja, 2009 war der Regierungschef Erdogan. Damals wollte er „lieb sein“ zu den Linken, buhlte um deren Stimmen. 

Ich habe 1970 Abitur gemacht. Während meiner ganzen Schulzeit habe ich in den unzähligen Unterrichtseinheiten der türkischen Literatur nie den Namen von Nazım Hikmet gehört. Er existierte nicht. Erst in Deutschland las ich seine Gedichte. 

Nazım Hikmet Werke dürfen wieder verkauft, öffentlich zitiert und als Liedertexte verwendet werden. Im Besonderen die Linke in der Türkei liebt und ehrt ihn wieder. Die überwältigende Mehrheit dieser „Fans von Nazım“ sind Anhänger der Republikanischen Volkspartei, deren Gründer und Vorsitzender Atatürk ist. 

Gab es jemals bis heute eine Diskussion in der CHP, über die Verfolgung von Andersdenkenden unter Atatürk? Nein! 

Haben sich die späteren Führer der damals einzig zugelassenen und herrschenden politischen Partei CHP jemals über die Verfolgung Nazım Hikmets entschuldigt? Nein!

Hat sich die türkische Tageszeitung Cumhuriyet jemals für seine Verunglimpfung von Nazım Hikmets bei ihren Lesern um Vergebung gebeten?

Ein gesundes 2020 wünsche ich Euch allen. 

 

   

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