ICH WERDE DIE WELT NIE WIEDERSEHEN

Die Übersetzung eines Artikel über Ahmet Altan aus der britischen Zeitung Guardian  – übersetzt von mir

 

„Ihr könnt mich einsperren, aber ihr könnt mich hier nicht festhalten“, schreibt Ahmet Altan zum Ende seines gefeierten Buches „Ich werde die Welt nie wiedersehen“, weil ich, wie alle Schriftsteller, Zauberkräfte besitze. Ich kann mit Leichtigkeit durch eure Mauern gehen.“

Die Essayserie des Schriftstellers, die mit den Notizen seiner Anwälte aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde, wurde von Literaturkritikern als Klassiker eingestuft, als sie im Frühjahr dieses Jahres in Großbritannien veröffentlicht wurde, und letzte Woche mit dem 50.000 Pfund dotierten Sachbuchpreis Baillie Gifford ausgezeichnet wurde.

Jetzt hat Altan, -der wegen Unterstützung des gescheiterten Putschversuches vom Juli 2016 seit drei Jahren im Gefängnis sitzt-, seine Missbilligung durch das geschriebene Wort erneut zum Ausdruck gebracht und ein weiteres Buch in seiner Gefängniszelle im hochsicheren Silivri geschrieben.

„Ich habe einen neuen Roman geschrieben“, sagte er der Zeitung Guardian in den Nachrichten, die aus seiner Gefängniszelle kamen. Wie das Buch „Ich die Welt nie wiedersehen“ ist davon auszugehen, dass der neue Titel, „Lady Life“, zuerst auch auf Englisch veröffentlicht wird. Eine Komödie, die im heutigen Istanbul vor dem Hintergrund von Unterdrückung und politischen Unruhen spielt, deren Protagonistin, eine Frau namens Hayat ist, ein Name, der auf Türkisch „Leben“ bedeutet.

„Es erzählt die Geschichte von jemandem, der das Leben nicht zu ernst nimmt“, sagt Altan. „Sie erwies sich als eine Figur, die mich sehr amüsiert.“

Laut Altans Freundin Yasemin Çongar, die das Buch ins Englische übersetzen wird, sei der Roman sehr lustig. Aber immer im Hintergrund stehe eine zerbrochene Gesellschaft mit einer maroden Wirtschaft, voll von „neuen Armen“, auch verarmt durch eine weit verbreitete und scheinbar wahllose Säuberung von so genannten Dissidenten. „Es sind Menschen, deren Leben unterbrochen, fast zerstört wurde“, sagte Çongar.

Nach dem Putschversuch, verloren mehr als 100.000 Menschen – Beamte, Lehrer, Richter, Polizisten, Soldaten, Journalisten und Wissenschaftler – ihre Arbeit, die meisten von ihnen standen im Verdacht, Verbindungen zu Fethullah Gülen, einem türkischen islamischen Gelehrten, der in die USA verbannt wurde und von den Behörden beschuldigt wird, den Putschversuch geleitet zu haben. Mehr als 300.000 Bücher, die sich auf Gülen beziehen  wurden zerstört.

Altan, 69, ein kämpferischer, provokanter und unverblümter Gegner des Erdoğan-Regimes, wurde im September 2016 inhaftiert, zusammen mit seinem Bruder Mehmet, 66, einem Schriftsteller, Journalisten und Akademiker, und einer ehemaligen Abgeordneten und Journalistin Nazli Ilicak, 75, wegen in einer Fernsehsendung geäusserten „unterschwelligen Botschaften“ zur Unterstützung des Staatsstreichs. Im Februar 2018 wurde Altan mit Ilicak zu erschwerter lebenslanger Haft verurteilt, weil er versucht haben soll, die Regierung zu stürzen. Mehmet wurde freigelassen, verlor aber seinen Job als Wirtschaftsprofessor.

Das Urteil wurde von Schriftstellern weltweit mit Empörung aufgenommen. Ein Appell an Erdoğan von 38 Nobelpreisträgern – darunter VS Naipaul, JM Coetzee und Kazuo Ishiguro – Ahmet Altan freizulassen, stieß auf taube Ohren.

Im Juli hob das Kassationsgericht, das oberste Berufungsgericht der Türkei, die Verurteilungen von Altan und Ilicak auf, entschied aber, dass sie im Gefängnis bleiben und jetzt wegen Unterstützung der Gülen-Bewegung, die das Regime als terroristische Organisation betrachtet, erneut angelegt werden. Altan und Ilicak verneinen die Vorwürfe. Der Prozess beginnt am 8. Oktober.

Philippe Sands, der britisch-französische Menschenrechtsanwalt und -schriftsteller, der den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gebracht hat, weil Ahmet Altan rechtswidrig festgehalten werde, sagte Guardian, er sei „offen gesagt, entsetzt über das Versagen Großbritanniens“, nicht aktiv auf seine Freilassung zu drängen.

„Wir brauchen die Regierung, die deswegen nicht lautstark kichert. Boris Johnson muss öffentlich Erdoğan anrufen, um Ahmet zu befreien“, sagte Sands, der das Vorwort zu „I Will Never See the World Again“ schrieb. „Alles, was sie jemals sagen, ist, dass sie hinter den Kulissen arbeiten würden, aber das Einzige, was sie interessiert, ist der Handel. Es ist ein Skandal.“

Sands, der Präsident des englischen PEN, verteidigt und fördert, erwartet ein Urteil aus Straßburg, hat aber bereits erfolgreich in diesem Fall dort vorgetragen, dass Mehmet Altan illegal inhaftiert worden ist.

„Ahmet ist ein so bemerkenswertes Individuum, ein Mann mit echter Substanz, ein Mann mit Stärke. Und nach allem, was er durchgemacht hat, bleibt er ungebrochen“, sagte Sands.

In der Zwischenzeit bleibt Altan in der Zelle, die er mit zwei anderen Häftlingen in Silivri teilt, zwei Autostunden westlich von Istanbul am Marmarameer. Er schreibt, während er auf einem Plastikstuhl an einem kleinen Plastiktisch sitzt, auf Papier, welches er beim Gefängnisaufseher gekauft hat. Sein Vater Çetin Altan, ein prominenter linker Journalist, Schriftsteller und Abgeordneter, veröffentlichte auch einen Roman (A Handful of Sky, 1974) und war gleichzeitig politischer Gefangener.

Ahmets Frau Gülnur, Freunde wie Çongar und Unterstützer hoffen, dass er nach dem Prozess im Oktober freigelassen wird. „Er ist schon zu lange im Gefängnis“, sagte Çongar. Aber Altan hält nicht den Atem an. „Weil das Kassationsgericht das Urteil aufgehoben hat, besteht nun die Chance, dass ich die Welt wiedersehen könnte“, sagte er Guardian.

„Aber wann? Niemand weiß es. Das Gericht wird auf die eine oder andere Weise um meine Verurteilung sorgen. Sie wollen mich so lange wie möglich hinter Gittern halten. Es ist wahrscheinlich, dass ich wieder verurteilt werde, aber ich weiß nicht, wie das Urteil lauten wird. Da es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, ist es unmöglich, eine Vorhersage zu machen.“

Er ist nicht ganz von der Welt abgeschnitten, Besuche seiner Familie sind erlaubt. „Ich kann meine Frau, meine Kinder und Geschwister einmal pro Woche eine Stunde lang mit einer Glasscheibe dazwischen sehen“, sagte er. „Wir müssen telefonieren, aber wir können uns sehen. Neben meiner Familie können mich drei meiner Freunde besuchen, deren Namen ich der Gefängnisleitung gegeben habe. In der Vergangenheit durfte ich meine Anwälte nur für eine Stunde pro Woche sehen, aber diese Einschränkung wurde aufgehoben.“

Und nach den trostlosen ersten Monaten ohne Bücher hat er jetzt schon 10 davon in seiner Zelle. „Ich kann mir Bücher aus der Gefängnisbibliothek leihen, und meine Anwälte können Bücher von außen mitbringen“, sagte er. Altan bleibt stoisch und trotzig und überlebt seine Haft, indem er weitgehend in seiner Phantasie lebt. „Jeden Morgen wache ich woanders auf“, sagte er. „Trotzdem kann ich träumen. Das hilft mir wirklich.“

nach einer eventuellen Entlassung, wird er sich weiteren, ebenso kafkaesken Rechtsstreitigkeiten stellen müssen. Gegen ihn gibt es ein ausstehendes Verfahren im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Tageszeitung Taraf von 2007 bis 2012, die nach dem gescheiterten Putsch im Ausnahmezustand verboten wurde.

Mit Çongar, seiner ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurin, wird ihm vorgeworfen, ein Regierungsdokument über einen angeblichen geheimen Plan zur Kriegserklärung gegen Griechenland erhalten und dann vernichtet zu haben. „Wir haben das Dokument nicht einmal gesehen“, sagte Çongar der Guardian. Aber die Anklage sieht möglicherweise eine Gefängnisstrafe von mehr als 50 Jahren vor.

Çongar, 52, übersetzte „I Will Never See the World Again“, ist nun Generaldirektorin von P24, einer gemeinnützigen Plattform für unabhängigen Journalismus in Istanbul, die sie mitbegründet hat.

Laut P24 befinden sich in der Türkei 140 Journalisten im Gefängnis, von denen die meisten nach dem gescheiterten Staatsstreich angeklagt wurden. Die Türkei, die im Welt-Pressefreiheitsindex 2018 von Reporter ohne Grenzen auf Platz 157 von 180 Ländern aufgelistet ist, verhaftet mehr Journalisten als jedes andere Land.

Philippe Sands widmet Ahmet Altan und allen anderen in der Türkei inhaftierten Schriftstellern eine Aufführung der Bühnenversion seines preisgekrönten Buches „East West Street“ nächsten Monat in London. Die Veranstaltung, die Teil des Londoner Literaturfestivals ist, findet am 21. Oktober in der Queen Elizabeth Hall, South Bank, statt.

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