Die Anatomie des Osmanischen Völkermordes

Taner Akçam

 

Einführung

Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reiches, insbesondere die Zeit zwischen 1878 und 1924, war durch eine Reihe von Zwangsmassendeportationen, Vertreibungen und ethnischen Säuberungen gekennzeichnet.  Zu diesen zählten auch Massenmorde und Völkermorde. Der armenische Völkermord könnte den Höhepunkt dieser Zeit darstellen; aber es gab auch in den Jahren 1913 und 1914 die ethnischen Säuberungen der Griechen auf dem osmanischen Balkan und in Westanatolien, den Völkermord an den Assyrern ((Aramäisch-sprachige Christen) während des Ersten Weltkriegs, und den Völkermord an den Pontusgriechen (die Griechen, die an der Schwarzmeerküste Anatoliens lebten.) Sie wurden 1921 und 1922 Opfer eines Genozids.

Ich denke, es ist angebracht, dass wir den Terminus „osmanischer Genozid“ verwenden und einen genozidalen Prozess betrachten, um die Geschehnisse in dem Zeitraum zwischen 1876 und 1924 besser beschreiben und analysieren zu können. Ich differenziere hier zwischen dem genozidalen Prozess und den Momenten des Genozids: Der erste betrifft den langfristigen Prozess zwischen 1878 und 1924; dieser genozidale Prozess bestand aus einer ganzen Reihe von genozidalen Momenten, in denen der Völkermorde stattfand.

Alle Massengrausamkeiten, Massaker und Völkermorde, wurden von einem und demselben Staat durchgeführt. Als solche stellten sie die Politik der osmanischen Regierung dar, und jedes Ereignis war mit den anderen verbunden; aber bis vor kurzem, mit einigen Ausnahmen, wurden alle diese Ereignisse zwar analysiert, aber  als eigenständige, getrennte soziale Phänomene diskutiert, ohne viel nach Zusammenhängen zu erfragen.

Jede ethnische Gruppe – Assyrer, Armenier, Griechen und alle anderen – entwickelte eine Geschichtsschreibung, die sich weitgehend auf ihre eigene Geschichte beschränkte, aber selten im Zusammenhang mit anderen Massenverbrechen in derselben Gegend und Region.

In den letzten Jahren gab es einige begrenzte Versuche, den gesamten Prozess im breiteren Kontext des osmanischen Völkermordes zu erklären. Aber zum größten Teil sind die Wissenschaftler, die in diesen Bereichen arbeiten, in ihrem eigenen nationalen Forschungsgebiet verblieben. Selbst in Studien, in denen versucht wurde, die verschiedenen Fälle zusammenzufassen, wurde dies größtenteils dadurch erreicht, indem diese verschiedenen Ereignisse als separate Einheiten in einer vergleichenden Perspektive nebeneinander gestellt wurden, anstatt zu versuchen, sie als Beweis für einen miteinander verbundenen Prozess oder als eine Historie zu erklären.

Mein Vorschlag ist, dass wir ein neues Verständnis von dieser Zeit entwickeln und anfangen, über den osmanischen Genozid an den Christen zu sprechen.

Ich werde einen kurzen Einblick für den Zeitraum von 1913 bis 1918 geben, dem wohl umfassendsten Teil des osmanischen Völkermords, und zeigen, wie die einzelnen Schritte der osmanischen Politik gegenüber Griechen, Assyrer und Armenier eng miteinander verbunden waren – also keineswegs isolierte Handlungen, sondern Teil einer umfassenden Politik, die von einer Regierung umgesetzt wurde.

Die Politik in den Jahren 1913-1918 wurde als Teil eines Gesamtplans unter der Überschrift Bevölkerungspolitik durchgeführt, die der Homogenisierung Anatoliens aus türkisch-muslimischer Sicht entsprach. Es ging um die Vertreibung der gesamten oder des größten Teils der christlichen Bevölkerung Anatoliens. Die Politik wurde zwischen 1913 und 1918 als allgemeiner Umsiedlungsplan umgesetzt, in den Jahren 1921 und 1922 gegen die Pontusgriechen fortgesetzt und 1924 mit dem ersten Bevölkerungsaustauschabkommen zwischen Griechenland und der Türkei beendet.

Die Eliminierung der christlichen Bevölkerung war von zentraler Bedeutung für diesen Plan, aber es war nicht dessen alleinige Komponente. Der demografische Plan bestand aus zwei Hauptkomponenten. Die eine konzentrierte sich auf die muslimische Bevölkerung nicht-türkischer Herkunft wie Kurden, Araber und Einwanderer aus dem Balkan und Kaukasus. Sie wurden verlagert und unter der türkischen Mehrheit verteilt, um die Assimilation der Menschen mit nicht-türkischer Herkunft zu gewährleisten.

Die andere Komponente war die Eliminierung der nicht-muslimischen Bevölkerung in  Anatolien, was dazu führte, dass zwischen 1914 und 1918 über zwei Millionen Armenier, Assyrer und Griechen entweder gewaltsam vertrieben oder massakriert wurden. Dies führte zur vollständigen demographischen Neugestaltung Anatoliens. Von den geschätzten 17 Millionen Menschen, die damals in Anatolien lebten, wurde mindestens ein Drittel entweder woanders hin umgesiedelt, vertrieben oder vernichtet. Vertreibung, Vernichtung und Assimilation waren die drei wesentlichen Elemente dieser Politik.

 

Balkankriege und Beginn der Bevölkerungspolitik

Ich möchte ein Modell auf Makroebene vorstellen, das den Völkermordprozess der Jahre 1878 – 1924 und insbesondere im Zeitraum 1913 – 1918, als Teil der Politik der europäischen Großmächte (einschließlich Russlands) und des Zusammenbruchs der vier Reiche Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und des Osmanischen Reiches interpretiert. Die Kämpfe um die nationale Staatlichkeit, die in jedem dieser Reiche entstanden sind, genährt durch die Französische Revolution und ihre Forderungen nach Gleichheit und Freiheit, spielten eine wichtige Rolle bei diesem Zusammenbruch.

Das Osmanische Reich, der „kranke Mann des Bosporus“, war das schwächste Glied in der Kette im Machtkampf der Großmächte. Die Osmanen konnten keinen Weg ausarbeiten, um Christen in einen gleichberechtigten Status mit Muslimen zu bringen, da die Osmanen sowohl in ihrer institutionellen Zusammensetzung als auch in ihrer Kultur islamisch waren. Die Muslime betrachteten die Christen nicht als gleichwertig. Infolgedessen waren die Osmanen der fremden Einmischung ausgesetzt und ihr wehrlos ausgeliefert. Der sichtbarste Grund für die Einmischung der Großmächte war, ihr Verlangen noch „Verbesserung der Bedingungen der osmanischen Christen“. Der häufigste Ausdruck, der bei fast allen diplomatischen Treffen verwendet wurde, war „den Christen das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu ermöglichen, indem ihnen eine faire Teilhabe an der Verwaltung gewährt wird“.

Ein weiterer wichtiger Grund für die europäische Intervention war das Konzept der Europäischen Sicherheit. Die Großmächte sahen die Probleme des osmanischen Staates mit seinen christlichen Bürgern als Bedrohung für die europäische Sicherheit. Wenn die Osmanen keine Lösung für ihre internen Probleme finden würden, könnte dies in kurzer Zeit zu einem internen Konflikt innerhalb Europas werden.

Es ist in der Tat möglich, den Beginn ausländischer Interventionen zur Verbesserung des Zustands der Christen im osmanischen Reich bis zum Aufstand der Serben in den Jahren 1804-1814 zurückzuverfolgen. Der griechische Unabhängigkeitskrieg 1821-29 und die Intervention der Großmächte haben jedoch ein neues Konzept hervorgebracht, das heute häufig diskutiert wird: die humanitäre Intervention. Die Reformwünsche der osmanischen Christen drohten zwischen den „Mühlen“ der europäischen inneren Sicherheit und der osmanischen Wahrnehmung, in Vergessenheit zu geraten.

Ja, man könnte sagen, dass die humanitäre Intervention, die zwischen dem imperialistischen Eigeninteresse der Großmächte und der moralischen Verantwortung für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Christen in den osmanischen Gebieten schwankte, den Weg zum Völkermord von 1878-1924 ebnete.

Dieser Prozess, der von den Christen als Flucht vor Grausamkeit und der Erlangung von Freiheit und Unabhängigkeit interpretiert wird, stellte für die Osmanen einen unerträglichen Gebietsverlust dar und schuf ein vierstufiges Modell von „Reformen, Massakern, Interventionen, Sezessionen“. Das direkte Ergebnis dieses Schemas war, dass die Osmanen begannen, die Reformforderungen der Christen als ernsthafte Bedrohung für ihre eigene Existenz und Sicherheit zu betrachten.

Dieses vierstufige Modell, „Reformforderungen, Massakern, Interventionen und Sezessionen„, schuf einen Teufelskreis oder eine Catch-22-Situation, wie es die Amerikaner es beschreiben würden, also ein Dilemma für die Osmanen und bildete die Grundlage des gesammelten Wissens, des Bewusstseins, der Osmanen.

Mein zentrales Argument ist folgendes: Sowohl der Sultan Abdul Hamid; die Einheit- und Fortschrittspartei, die ihn stürzte als auch die Kemalisten der jungen Republik näherten sich den Forderungen der Christen als eine Bedrohung der eigenen Sicherheitslage, die auf der Grundlage des gesammelten Wissens um einen vierbeinigen „Stuhl“ von „Reformanforderungen, Massakern, Interventionen und Sezessionen“ aufgebaut wurde. Vor diesem Hintergrund wurde die Phase des osmanischen Genozids in der Zeit 1913-1918 eingeläutet.

 

Zuerst die Griechen entlang der ägäischen Küste

Verfügbare osmanische Dokumente zeigen, dass die geplante Bevölkerungspolitik gegen die Griechen, entlang der Ägäis Küste, zunächst 1913 und dann im Frühjahr 1914 umgesetzt wurde. Die osmanischen Verluste während des Balkankriegs von 1912 waren dabei ein wesentlicher Impuls. Die Osmanen verloren innerhalb einer Woche 83 Prozent ihrer Besitztümer und 69 Prozent ihrer Bevölkerung in Europa: ein großer Schock für die osmanischen Herrscher. Sie haben nicht nur Land verloren, sondern auch ihre Heimat – denn fast die gesamte herrschende Elite der Einheit- und Fortschrittspartei stammte aus Mazedonien, Albanien und aus dem Balkan.

Als Ergebnis des Krieges vereinbarte die osmanische Regierung den Austausch der Bevölkerung mit Griechenland, Bulgarien und Serbien. So wurde 1913 das erste international bekannte Bevölkerungsaustauschabkommen mit Serbien, Griechenland und Bulgarien unterzeichnet.

Die Osmanen wollten dann aus Sicherheitsgründen die Politik des Austauschs gegen die Griechen nach Westanatolien ausdehnen; sie sagten selbst: „Die Politik gegen die Griechen zielte darauf ab, die Konzentration der nicht-türkischen Bevölkerung zu beseitigen, die sich an strategischen Punkten angesammelt hatte und anfällig für negative ausländische Einflüsse war“.

Die ersten Maßnahmen gegen die Griechen an der ägäischen Küste folgten einem doppelgleisigen Kommunikations- und Betriebssystem. Auf der Oberfläche hatte die Regierung eine offizielle Vereinbarung mit Griechenland, wonach Muslime und Christen ausgetauscht und neu angesiedelt werden sollten.

Aber während der Verhandlungsphase mit Griechenland über den Bevölkerungsaustausch führten die Osmanen tatsächlich eine Politik der Zwangsvertreibung durch, die der eigentliche Teil, der osmanischen Doppelstrategie in diesem Prozess war. Auf der einen Seite saßen und verhandelten sie mit Griechenland so ganz üblich wie zwischen zwei Staaten und schlossen eine Vereinbarung über den Bevölkerungsaustausch, die ihn zu einem rechtsverbindlichen Akt machte.

Andererseits gründeten die osmanischen Behörden im November 1913 eine Sonderorganisation innerhalb des türkischen Verteidigungsministeriums, und diese Sonderorganisation führte illegale Operationen durch, darunter die gewaltsame Räumung griechischer Dörfer durch Angriffe auf Dorfbewohner, Massaker und Plünderungen. Doch der Hauptzweck war nicht die Vernichtung.

Es gab Massaker, zum Beispiel in Hroja/Foca, einer kleinen Stadt in der Nähe von Smyrna – etwa 200 griechische Dorfbewohner wurden getötet, weil sie sich geweigert hatten, zu gehen. Die offizielle osmanische Politik lautete: „Die Griechen haben das Land freiwillig verlassen, und das hat nichts mit der Regierungspolitik zu tun“. Die osmanische Regierung heuerte spezielle Handelsschiffe an, die die Flüchtlinge nach Griechenland brachten. Die Politik, die zwischen 1913 und 1914 gegenüber den Griechen in Gang gesetzt wurde, war Vorläufer der anschließenden Kriegsdeportationen der armenischen und assyrischen Bevölkerung. Wir können sagen, dass die Politik gegen die Griechen in den Jahren 1913 und 1914 ein Probelauf für die Deportation und Ermordung von Armeniern und Assyrern von 1915 bis 1918 war.

 

Griechische Vertreibung: Ein Probelauf für den Völkermord an den Armeniern

Die gewaltsame Vertreibung der griechischen Bevölkerung  stoppte im November 1914 plötzlich, der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Und Deutschland verhandelte mit Griechenland über eine mögliche Beteiligung Griechenlands am Krieg, an der Seite Deutschlands. Deutschland drängte die osmanische Regierung in Istanbul, die Deportationen an der ägäischen Küste zu stoppen.

Der osmanische Innenminister Talat Pascha schickte am 2. November 1914 ein Telegramm an alle Provinzen und befahl in der Tat: „Stoppt die gewaltsame Vertreibung der Griechen aus ihren Dörfern. Unsere neue Politik lautet: Wir haben ein Abkommen mit Deutschland; wir sollten die griechische Bevölkerung nicht anfassen.“

Obwohl die Massenvertreibung der Griechen nach Griechenland gestoppt wurde, setzte sich die Deportation der griechischen Bevölkerung aus den Küstenregionen in das Innere Anatoliens fort. Die osmanischen Behörden tarnten dies als eine militärische Notwendigkeit. Der amerikanische Botschafter in Istanbul, Henry Morgenthau, wies darauf hin, dass die während des armenischen Völkermords angewandten Methoden mit denen gegen die Griechen ähnlich seien. In einem Bericht an Washington schrieb er:

„Die Türken haben fast das gleiche Verfahren gegen die Griechen angewandt, wie sie es gegen die Armenier praktiziert hatten. Sie begannen damit, die Griechen in die osmanische Armee einzubeziehen um sie dann in Arbeiterbataillone zu versetzen. …. Diese griechischen Soldaten starben, genau wie die Armenier, zu Tausenden an Kälte, Hunger und anderen Entbehrungen. …. Überall wurden die Griechen in Gruppen zusammengefasst und unter dem so genannten Schutz der türkischen Gendarmen zu Fuß ins Landesinnere vertrieben“.

Was Morgenthau natürlich nicht wissen konnte, war, dass die neue nationalistische Regierung in Ankara unter der Führung von Mustafa Kemal 1921 und 1922 genau die gleichen Methoden gegen die Pontusgriechen anwenden würde: Verhaftung von Gemeindevorstehern, die dann vors Gericht gestellt und erhängt wurden; Trennung der kräftigen Männer, die in Arbeiterbataillone gebracht oder direkt getötet wurden; und dann die Erzwingung von Frauen und Kindern in Aufmärsche, die zu Todesmärschen umfunktioniert wurden.

Genau die gleiche Vorgehensweise wurde 1913/1914 gegen die Griechen und 1915/1917 gegen die Armenier angewandt.

Basierend auf den osmanischen Archiven können wir zwischen vier verschiedenen Einflussfaktoren unterscheiden, die die Deportation und Umsiedlung der gesamten anatolischen Bevölkerung im Zeitraum 1913 bis 1918 vorangetrieben haben. Erstens wurden die Christen in Anatolien als existenzielle Bedrohung für die Nation wahrgenommen und aus ihren Lebensräumen vertrieben. Zweitenskonnten die von den Christen verlassenen Gebiete mit Muslimen aufgefüllt werden, die aus dem Balkan und dem Kaukasus vertrieben worden waren. Drittens wurden militärische Gründe angeführt: Einige Assyrer wurden im Dezember 1914 aus einem Gebiet Mittelanatoliens vertrieben; und bevor der Völkermord an den Armeniern begann, wurden einige Armenier im Februar und März 1915 aus Kilikien in das Innere Anatoliens deportiert. Viertens war es notwendig, Muslime, die aufgrund des Ersten Weltkriegs vertrieben worden waren, umzusiedeln. Die Kurden zum Beispiel waren der russischen Armee in den östlichen Kriegsgebieten entkommen. Diese unerwartete Flucht wurde zu einem wichtigen Bestandteil der osmanischen Bevölkerungspolitik. Die Zahl der Muslime, die umgesiedelt werden mussten, betrug etwa eine Million.

Bereits im Mai 1913 hatte die osmanische Regierung innerhalb des Innenministeriums eine spezielle Abteilung für Einwanderung und Umsiedlung eingerichtet, die unter anderem auch dafür zuständig war, christliche Dörfer im Rahmen einer Türkisierungspolitik umzubenennen. Nach der Vertreibung von Armeniern und Assyrern im Jahr 1915 wurde der Umbenennungsprozess beschleunigt, aber die dafür zuständigen Provinzverwaltungskommissionen waren nicht gut organisiert. Um den Prozess zu stabilisieren, erließ das Verteidigungsministerium am 15. Januar 1916 eine Anweisung, dass alle Städte, Dörfer, Berge und Flüsse mit nicht-islamischen Namen türkische Namen erhalten müssen. Dieser Prozess stellte in den Kriegsjahren ein enormes Problem dar, da niemand mit den neuen Namen vertraut war. In einem zweiten Dekret unterbrach die Regierung den Namensgebungsprozess, weil das Militär nicht unter Verwendung der neuen Ortsnamen miteinander kommunizieren konnte.

Bei der Umsetzung des Plans zur Neuansiedlung der allgemeinen Bevölkerung erstellten die osmanischen Behörden Karten, die die ethnische Demografie jeder Region aufzeigten. Sie erläuterten auch den Bildungsstand, die Sprachen und die wirtschaftlichen Verhältnisse der verschiedenen ethnischen Gruppen sowie die gegenseitigen Beziehungen. In einem Telegramm von 1915 an die Provinzen hieß es: „Folgendes wird benötigt: Kartenmaterial mit Namenslisten auf denen die nationalen Identitäten der Bevölkerung für jede Verwaltungseinheit, vom Kreis bis zum Dorf, eingetragen sind: diese Karten sollen vorbereitet und an die Zentralregierung verschickt werden.“

In einem anderen Telegramm hieß es: „Die nationalen Identitäten der Bevölkerung müssen samt den Herkunftsregionen und des gegenwärtigen Aufenthaltsortes aufgelistet werden, inklusive mit allen Veränderungen. Und selbst aus den Dörfern sollten diese Änderungen und die Zahlen nach Istanbul verschickt werden.“ Aus diesen Dokumenten können wir auch ableiten, dass die mit der Übermittlung der Informationen beauftragten Personen die Priester, die Ordensführer der christlichen Gemeinschaften waren. Wenn sie falsche Informationen schickten oder Informationen zurückhielten, wurden sie bestraft.

Im Falle der Griechen war es einfach, diese zu „entsorgen“; man konnte sie auf Schiffe setzen und nach Griechenland schicken. Aber wohin sollten die Armenier hin? Hatten die einen Staat? Zu Beginn hatte die osmanische Regierung ernsthaft erwogen, die Armenier nach Russland zu schicken, aber sie haben diese Idee aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen aufgegeben. In ihren Mitteilungen lesen wir: „Wenn wir die Armenier nach Russland schicken, werden sie der russischen Armee beitreten und wieder zurückkommen.“ Das ist der Hauptgrund, warum die Politik gegen die Armenier ein Völkermord sein musste – denn es gab keinen Ort, an den sie geschickt werden konnten, wo sie keine Bedrohung mehr darstellen könnten.

 

Grundmerkmale des Systems

Die Umsiedlung von Muslimen in die von Christen verlassenen Dörfer begann unmittelbar nach der Vertreibung der Christen aus diesen. Wir können in den osmanischen Dokumenten den Zeitunterschied zwischen der Räumung der armenischen Dörfer und der Umsiedlung von Muslimen in diese Dörfer nachlesen: In einigen Gebieten waren es nicht mehr als zwei Wochen. Diese Vorbereitungen zeigen deutlich, dass Vertreibungen nicht das Ergebnis eines einfachen islamischen Fanatismus waren. Es ist klar, dass die Religion eine wichtige Rolle spielte, aber die soziale Umgestaltung war der wichtigste Teil des Denkmodells der Regierung.

Das Hauptziel der Umsiedlungspolitik war die rasche Anpassung der verschiedenen muslimischen Ethnien. In den osmanischen Dokumenten wurde das arabische Wort für „Assimilation“ offen verwendet. Um die Assimilation zu erreichen, wurden muslimische Gruppen von ihren religiösen Führern getrennt; zum Beispiel mussten kurdische Stammesführer von ihren Stämmen getrennt und in verschiedenen Gebieten angesiedelt werden. Darüber hinaus waren die Gruppen selbst in ganz Anatolien verteilt.

In einem Telegramm vom 2. Mai 1916 hatte es geheißen, dass die Absicht der Umsiedlungspolitik darin bestand, die Kurden sich nicht mehr an  ihre ethnische und kulturelle Identität erinnern sollten. Sie sollten nicht in Gebiete umgesiedelt werden, die es ihnen ermöglichten, ihre nationale Identität zu bewahren. Zum Beispiel hatten die örtlichen Behörden bestimmte Kurden in die Provinz Urfa im Südosten verlegt, aber das wurde nicht zugelassen, da die Kurden ein sehr gutes Verhältnis zu den benachbarten Arabern hatten und unter diesen Umständen ihre Kultur und ihre Sprache nie vergessen würden. Sie sollten weiter in das türkische Kernland Anatoliens, nach Konya, geschickt werden. Die Dokumente zeigen, dass die Regierung die Regionalbehörden ausdrücklich angewiesen hat, sicherzustellen, dass jede verlagerte Gruppe nicht mehr als fünf bis zehn Prozent der ursprünglichen Bevölkerung ausmacht.

 

Bevölkerungszählungen

Die Zentralregierung forderte ständig Zahlen sowohl zu den vertriebenen Gruppen als auch über die verbleibenden und verlagerten Gruppen an: Prozentsätze der gregorianischen Armenier, orthodoxen Armenier, protestantischen Armenier und katholischen Armenier; ihre Anteile im Verhältnis zueinander und zur muslimischen Bevölkerung usw. Und sie forderten diese Informationen fast wöchentlich an.

Wer war während dieser Zeit für die armenisch-griechischen Deportationen verantwortlich? Das Statistische Amt im Innenministerium war für den gesamten Deportationsprozess zuständig und verfolgte die Zahlen genau. Das Amt legte auch bestimmte Quoten fest, um die Deportierten in verschiedenen Regionen anzusiedeln. So sollten beispielsweise in Westanatolien Armenier, Griechen und Kurden in ihren neuen Regionen %5 Prozent der lokalen Bevölkerung nicht überschreiten. In Syrien, wohin die Armenier endgültig deportiert wurden, sollte ihr Anteil 10 % der lokalen Bevölkerung nicht überschreiten. Die muslimische Bevölkerung in Syrien und im Irak betrug damals rund zwei Millionen. Die Zahl der deportierten Armenier lag jedoch bei rund 1,3 Millionen. Wenn Sie also Armenier nur als zehn Prozent der muslimischen Bevölkerung ansiedeln wollten, was hätten Sie dann mit 1,3 Millionen Armeniern machen sollen? Nur rund 150.000 überlebten den folgenden Ablauf; diese Zahl entsprach perfekt der Forderung, die Armenier auf 10 Prozent der Bevölkerung dieser überwiegend arabischen Gebiete zu beschränken.

Ich denke, das Osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt war bei der Umsetzung seiner völkermörderischen Politik effektiver als die Nazis. Einige Holocaust-Forscher argumentieren, dass es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Nazis planten, und dem, was sie erreichten, gibt, und dass die Nazis nur 20-30 Prozent ihrer Nazi-Pläne umsetzen konnten. Im Falle der Osmanen würde ich sagen, dass sie ihre Völkermordpolitik sehr erfolgreich umgesetzt haben.

Eines der Ziele bei der Vertreibung der christlichen Bevölkerung aus Anatolien war die Entwicklung einer türkisch-muslimischen bürgerlichen Klasse. Zur Förderung dieses Ziels wurden die Besitztümer von Griechen, Assyrern und Armeniern entweder zu Schnäppchenpreisen verkauft oder frei an Muslime verteilt. Die osmanischen Behörden haben diesbezüglich verschiedene Gesetze und Vorschriften erlassen.

Diese Gesetze und Vorschriften sahen vor, dass in jeder der Provinzen eine Sonderkommission eingerichtet werden musste, um einige der armenischen und griechischen Immobilien zu verwalten, treuhänderisch. Getreide und Vieh waren in gleicher Weise zu behandeln. Es sollten Felder bearbeitet und die Ernte verkauft werden, und der Erlös sollte verbucht werden.

Aber was geschah eigentlich mit den Gütern, die in den Kriegsjahren beschlagnahmt wurden? Es waren vier verschiedene Möglichkeiten, um diese Werte zu verwenden. Manche wurden unter den muslimischen Einwanderern verteilt, die in christlichen Dörfern angesiedelt wurden. Zweitens wurden sie bestimmten Personen gegeben, um eine muslimische bürgerliche Klasse mit genügend Kapital zu schaffen, um mit der christlichen Bourgeoisie zu konkurrieren und sie zu ersetzen. Drittens wurden sie zur Deckung der Militärausgaben benutzt – die osmanische Beteiligung am Ersten Weltkrieg wurde teilweise durch die Einnahmen aus christlichen Besitztümern finanziert. Viertens wurden einige der massiven Gebäude für staatliche Nutzung wie Gefängnisse, Schulen und Krankenhäuser umgebaut.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir können die Politik der osmanischen Regierung gegenüber Christen nur verstehen, wenn wir den Begriff „osmanischer Völkermord“ verwenden und von einem Genozid Prozess sprechen, der den Zeitraum von 1876 bis 1924 umfasst. Wir sollten zwischen dem Genozid 1876-1924 und seinen Momenten des Völkermords unterscheiden: Der eine umfasst den langfristigen Prozess, der andere umfasst Massentötungen von Individuen. Diese völkermörderische Politik war besonders nach den osmanischen Verlusten im Balkankrieg von 1912 sehr offensichtlich. Die Eliminierung aller Christen – Griechen, Assyrer und Armenier – aus Anatolien war eine grundlegende osmanische Politik. Der Völkermord von Pontus 1921/1922 und der Bevölkerungsaustausch 1924 waren die letzten Kapitel im Völkermordprozess gegen die osmanischen Christen.

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