Die Verkehrslage

Mein Vater war „Eisenbahner“. Er hatte mit einem Stipendium der türkischen Eisenbahn in Dresden studiert, den Luftangriff auf diese Stadt überlebt und war dann  als Ingenieur für die Fahrtüchtigkeit der Loks der türkischen Eisenbahn zuständig gewesen. Ich bin sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes in oder mit der Bahn aufgewachsen. Ich kannte jede Lokomotive. Und wenn wir von Ankara nach Istanbul in den Urlaub fuhren, saß ich oft „ganz vorne“ neben meinem Vater. Ich träumte nicht Lokomotivführer zu werden, ich war es schon.

Später schenkte mir mein Vater eine deutsche Modellbahn. Vielleicht schenkte er die Bahn sich selbst, wie fast alle Väter. Auf jeden Fall verbrachten wir Stunden an unseren Modellgleisen. Ich wusste ziemlich früh, wie eine Weiche funktionierte, wie ein Zug an einem Bahnhof zum Halten gebracht werden konnte, damit der D-Zug ihn überholte. Ich kenne jetzt noch, nach über 60 Jahren, alle Signale entlang der Schienen, und könnte auch in einem verdunkelten Zimmer, oder nachts, eine Modelleisenbahn an Hand der aufgestellten Signalisation führen.

Schon damals sagte mir mein Vater, dass unsere Bahn in meinem Zimmer eine Signalanlage besitzen würde, die man damals in der Türkei nicht gekannt hatte. Ich kann mich genau daran erinnern, dass damals von Istanbul nach Ankara eine eingleisige Strecke führte und die Züge an bestimmten Knotenpunkten auf den entgegenkommenden Zug warten mussten. Ich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben 1970 am Hauptbahnhof in Frankfurt erlebt, dass aus einem Bahnhof zwei Züge gleichzeitig abfuhren.

Was hat sich in den letzten Jahren auf türkischen Eisenbahnstrecken geändert? Vieles und doch wenig. Die türkische Eisenbahn verfügt jetzt auf ausgewählten Strecken, Hochgeschwindigkeitszüge, die 250 km in der Stunde fahren könnten. Sie tun es aber nicht, denn die Strecken vertragen solche Geschwindigkeiten nicht gut, besonders die Weichen sollen darunter sehr leiden. Die Schrauben der Traversen sollen sich bei höheren Geschwindigkeiten lockern. Also fahren die türkischen Hochgeschwindigkeitszüge so 90 bis 100 km in der Stunde.

Der türkische Parlamentsabgeordnete Tekin Bingöl erklärte in einer Stellungnahme zu dem Zugunfall vor einer Woche, dass in den vergangenen 16 Jahren, in der Regierungszeit der AKP, 1623 Personen bei Zugunfällen gestorben seien. Verglichen mit anderen Ländern ist diese Zahl sehr hoch.[1] Die türkische Bahn ist alles andere als sicher. So auch vor einer Woche:

Der Hochgeschwindigkeitszug von Ankara nach Konya hatte pünktlich um 6:30 Uhr vom Bahnhof gestartet. Mit 206 Passagieren. Wenige Kilometer später, um 6:36 Uhr, stieß der Zug frontal mit einer die selbe Strecke fahrenden Lokomotive zusammen. Neun Menschen starben, über 90 Personen wurden verletzt. Die Rettungskräfte bemühten sich mehrere Stunden ja fast den ganzen Tag um Verletzte aus den Trümmern zu befreien.

Meterhoch türmten sich die ineinander gekeilten Waggons

Zwei Stunden später, auf der Gründungsversammlung der türkischen  Weltraumbehörde verkündete der selbsternannte Präsident dieser Behörde, Recep Tayyip Erdogan,  dass er seinen Ministern befohlen habe, sofort die Schuldigen ausfindig zu machen und sie zu verhaften. Danach verkündete der Präsident, dass für die Türkei schon längst das „Weltraumzeitalter“ begonnen hat.[2]

Über 12 Stunden brauchten die Rettungskräfte um die verletzten Passagiere aus dem Wrack zu befreien

Hoffentlich wird den zukünftigen türkischen Astronauten die Möglichkeit mit auf die Reise gegeben, gelegentlich mit der türkischen Raumfahrtzentrale zu kommunizieren. Die meisten Lokomotivführer haben diese Möglichkeit immer noch nicht. Warum nicht? Weil die türkische Eisenbahnverwaltung es nicht geschafft hat, die Signalisation entlang der türkischen Schienen aufzubauen. Das Streckennetz ist insgesamt 12.000km lang, und nur 5.000 km davon haben eine halbwegs funktionierende Signalisation. Der Rest des Bahnverkehrs ist Allah überlassen. Auf vielen Strecken ist eine automatische Bremsung durch ein Leitsystem vollkommen ausgeschlossen. Die Verkehrslage ist nicht kontrollierbar.

Daher kollidierte auch der Hochgeschwindigkeitszug Ankara-Konya mit einer entgegenkommenden Lokomotive. Niemand konnte den Zug warnen oder gar zum Halten bringen. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Ankara und Konya hat keine Signalisation. Sie soll nächstes Jahr in Angriff genommen werden. Eigentlich sollte die Bahnstrecke erst auch nächstes Jahr oder 2020 in Betrieb gehen. Aber der allmächtige türkische Staatspräsident entschied im April 2018, kurz vor den Parlamentswahlen, die Strecke -trotz Warnungen aller Fachleute- in Betrieb zu nehmen.[3]Mit anderen Worten, der Hauptschuldige des Zugunfalls vom 13.12.2018 ist der allmächtige Staatspräsident Erdogan. Das darf natürlich keiner in Türkei laut sagen.

Drei Beschäftigte der Bahn wurden wegen des letzten Unfalls festgenommen und sitzen in U-Haft. Der Weichensteller Osman, der bei seiner Vernehmung protokollieren ließ, dass er die Funktionsweise der sogenannten S-Weiche nicht kannte. Der Fahrleiter Sinan wurde festgenommen, weil er die Arbeit des Weichenstellers nicht überprüft hatte. Und der Kontrolleur Emin, weil er nicht den gesamten Vorgang nicht kontrolliert hatte.  

So nebenbei wurde auch festgestellt, dass die Traversen der Strecke sich gelockert hatten. Nämlich am 3.Dezember 2018 war, ohne die gesetzlich vorgeschriebene Ausschreibung einzuhalten, eine Fremdfirma beauftragt worden, um die Schrauben auf der Hochgeschwindigkeitstrasse „festzuziehen“. Übrigens diese Fremdfirma gehört dem Schwiegervater von Bilal Erdogan. Und Bilal ist der Sohn des Staatspräsidenten Erdogan.

Auch die Strecke von Istanbul nach Europa hat keine Signalisation. Hier starben in diesem Sommer 25 Personen bei eine Zugunfall. Auch hier hatten sich die Schrauben gelockert und der Zug entgleiste. Ausserdem war die Strecke durch den Regen unterspült, der Unterbau war nicht mehr fest. Aber es gab keine Signalisation , um den Zug zu verlangsamen oder anzuhalten.

Vielleicht wollt ihr wissen, wie das Kommunikationsproblem auf den Strecken ohne Signalisation „gelöst“ wird? Die Antwort ist einfach: Die Lokführer sprechen übers Handy mit den Bahnhöfen und Stellwerken. Und der Maschinist des Kontrollzuges am vergangenen Donnerstag besaß angeblich kein Handy. Er kann auch nicht befragt werden, denn er ist einer der neun Toten.

Die Verkehrsalge wird in der Türkei durch die Politik bestimmt. Und wann auch immer Wahlen anstehen, fühlt sich der Präsident verpflichtet, Großprojekte in Betrieb zu nehmen. So wie die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Konya. Oder wie der neue Istanbuler Flughafen.

Ende Oktober wurde er von Erdogan offiziell eröffnet. Seitdem starten und landen am Tag drei Flugzeuge auf dem angeblich „größten Flughafen der Welt“, nach Baku, Zypern und Ankara. Und jeder vermeidet diese Flüge, denn die Strecke zum Flughafen dauert derzeit mit Bus oder mit Taxi mehrere Stunden.

Die deutsche Presse berichtet gern von dem „Größten Flughafen der Welt“ bei Istanbul. Anscheinend schreiben die deutschen Journalisten die Werbebroschüren der türkischen Regierung ab. „Eine Moschee der Mobilität“ bezeichnete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) den neuen Flughafen und schrieb: „Die Anbindung an die Stadt per Metro ist vorbildlich[4] Die U-Bahn heißt auf türkisch Metro, und sie wird erst, wenn überhaupt, 2020 fertig werden, vermutlich 2021 oder 2022. Der „größte Flughafen der Welt“ soll erst 2028 oder 2029 fertig gestellt werden. Und ausserdem ist die große „Moschee der Mobilität“, die neben dem Hauptterminal gebaut wird, schon lange nicht fertig.

Der Flughafen sollte laut Befehl des Präsidenten Ende dieses Monats komplett in den Betrieb gehen. Doch diese Inbetriebnahme ist jetzt verschoben, auf den kommenden März, oder auf den kommenden Mai. Das spielt auch keine Rolle mehr, denn Erdogan hat ihn schon mal „eröffnet“, kurz vor den Kommunalwahlen. Seine Wähler ausserhalb von Istanbul fragen nicht nach, ob der Istanbuler Flughafen in Betrieb ist oder nicht? Seine Wähler sind stolz, dass der Präsident ihnen den neuen Flughafen gebaut hat. Den größten Flughafen der Welt.

Dabei ist der neue Flughafen ist nicht mehr als eine Baustelle.  Die notwendige Infrastruktur für Cargo und die gesamte  Technik wie etwa für Wartung, Instandsetzung der Flugzeuge wird erst 2021 fertiggestellt.[5]Und ohne Cargo und die Flugzeugtechnik kann kein Flughafen funktionieren. Also ist die Zukunft des neuen Flughafens Allah überlassen, wie das gesamte Verkehrswesen der Türkei. Und Allah wird dem türkischen Präsidenten, seinem Vertreter auf Erden, schon die richtigen Richtung zeigen. Inschallah.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1]Vg. Hierzu das türkische Internetportal T24, Zugriff am 15.12.2018 um 7:35 Uhr

[2]Türkische Tageszeitungen Hürriyet und Cumhuriyet vom 14.12.18

[3]Vgl. Türkische Tageszeitung Cumhuriyet v. 13.April 2018

[4]Vgl. FAZ vom 30.11.18

[5]Vgl. Hierzu BBC News in Turkish, v. 28.10.2018

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