ÜBER HADITHE UND DEREN ROLLE BEI DER GESTALTUNG EINER ISLAMISCHEN GESELLSCHAFT – KRITISCHE BETRACHTUNGEN

Giordano Brunello

 

Anfangs September dieses Jahres hat mich die geradezu hysterische Reaktion gewisser Journalistinnen und Journalisten veranlasst, Thilo Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ zu kaufen. Ich war einfach neugierig und wollte erfahren, was diese kolossale Empörung ausgelöst hatte. Schockiert hat mich das Buch keinesfalls. Schließlich las ich das Buch dann aber doch nicht zu Ende, weil es einige faktische Fehler enthielt, die nur von Unkundigen begangen werden können, auf die ich hier nicht eingehen möchte, zumal dies ohnehin nicht der Hauptgrund war, weshalb ich irgendeinmal die Lust verlor, weiter zu lesen. Es war vielmehr die aus meiner Sicht geradezu kindische Annäherung Sarrazins zum Korantext und vor allem auch seine ungenügende Behandlung der Hadith-Problematik. Dieser Herr – immerhin ein Akademiker – hatte sich einfach hingesetzt, den Koran von der ersten Seite bis zur letzten Seite durchgelesen und dachte tatsächlich, dass er mit dieser doch sehr eigenwilligen Methode eine objektive Meinung über „den Islam“ (was immer dieser Begriff für ihn bedeuten mag) bilden könne. Nur so nebenbei erwähnt: Selbst ich habe den Koran noch nie von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, obwohl ich über diese Dinge regelmäßig blogge. Ich werde es auch nie tun, weil ich ein solches Unterfangen für völlig sinnlos halte. Die Methode Sarrazins entspricht ungefähr der Annahme, dass man durch die Lektüre des BGB, ZGB/OR oder des ABGB – jeweils von der ersten bis zur letzten Seite des jeweiligen Gesetzeswerkes, so wie Sarrazin es mit dem Koran tat – das Zivilrecht Deutschlands, der Schweiz oder Österreichs verstehen könne. Darüber hinaus konnte ich – wie erwähnt – über seine geradezu dilettantische und vor allem auch viel zu kurze Behandlung der Hadithe und deren Bedeutung nur den Kopf schütteln. Der negative Eindruck über das Buch ließ mich dann nicht mehr los, obwohl ich auch viele Dinge darin las, dem ich absolut zustimmen kann und andererseits mit interessantem Zahlenmaterial konfrontiert wurde, die er als Volkswirt selbstverständlich gut lesen und interpretieren konnte. In meinem heutigen Blog soll es allerdings nicht um eine Buchkritik sondern um diese von Sarrazin und von anderen Personen, die sich ähnlich islamkritisch äußern, stiefmütterlich behandelten Hadithe und deren Bedeutung für die islamische Gesellschaft gehen. Ich halte diese ungenügende Berücksichtigung der Hadithe und die immer wieder anzutreffende Konzentration auf den Korantext für fatal, weil ein erheblicher Teil der Probleme in westlichen Gesellschaften im Zusammenhang mit der Scharia sowie die Bildung von muslimischen Parallel- und Gegengesellschaften ihre Grundlagen in den Hadithen haben und weitaus weniger im Koran. Ich werde nach der Behandlung der Hadithe kritische Betrachtungen vornehmen und insbesondere darauf eingehen, was die Hadithe auch für westliche Gesellschaften bedeuten, zumal sich doch schon einige Menschen in diesen aufhalten, für welche die Hadithe eine wichtige Rolle spielen.

Man kann die Hadithe nicht verstehen, ohne zuvor kurz auf die Entstehungsgeschichte des Islam aus der Perspektive der Muslime einzugehen. Der Gründungsmythos des Islam ist klar theologisch aber auch politisch motiviert, was viele wenn nicht gar die meisten Islamwissenschaftler nicht davon abhält, diesen dennoch für wahr respektive für historisch zu halten oder zumindest das meiste davon. Ich persönlich habe eine völlig andere Ansicht darüber, wie der Islam entstanden ist, was ich in einem früheren Aufsatz bereits angesprochen habe. Ich halte Mohammed für eine nachkoranische Erfindung auf der Grundlage der Hadithe und der Sira und denke ähnlich wie die meisten Forscher der Inarah-Gruppe, dass der Mohammed im Koran eine andere Person beschreibt, namentlich Jesus, dem der Ehrentitel „der zu Preisende“ beigegeben wurde, was „mohammad“ eben auch bedeutet und damit ein Gerundiv ist. Erst die wesentlich später entstandenen Hadithe und die Sira haben Leben in diese unbekannte und namentlich nicht genannte Person eingehaucht, womit aus dem Ehrentitel für Jesus „mohammad“ eine eigenständige Person entstand, der den Vornamen Mohammad trug. Darüber hinaus denke ich, dass der Koran wesentlich früher entstanden ist, als dies von der Tradition angenommen wird. Jedenfalls legt meines Erachtens auch das neu entdeckte Koranfragment „Birmingham Koran“ aufgrund dessen Radiokarbondatierung (568-645 n. Chr.) diesen Schluss nahe. Meine Auffassungen spielen allerdings für den praktizierten Islam überhaupt keine Rolle, weil Gläubige von der Wahrheit der Entstehungsgeschichte des Islam ausgehen, was Teil des muslimischen Glaubens ist.

Gemäß islamischer Überlieferung und Vorstellung soll ein arabischer Prophet namens Mohammed ab seinem 40. Altersjahr und während 23 Jahren bis zu seinem Tod – sprich zwischen den Jahren 610 bis 632 – auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens mehrfach vom Erzengel Gabriel aufgesucht worden sein. Der Erzengel soll Mohammed das unmittelbar von Gott ausgesprochene Wort übermittelt haben, damit dieser die entsprechenden göttlichen Verlautbarungen an die Menschen weitergeben konnte. Diese sogenannten Offenbarungen seien in der Form von Suren erfolgt, was man mit Korankapitel übersetzen kann. Diese Suren ihrerseits sind in Ayat (Verse) aufgeteilt. Da nach islamischer Vorstellung Gott mit dem Koran höchstpersönlich zu den Menschen spricht, ist dieser beinahe vollständig in direkter Rede verfasst. Mohammed hingegen spricht im Koran nicht. Selbst sein Name (wenn es sich überhaupt um einen Eigennamen handeln sollte) kommt im Koran nur viermal vor.

Gemäß islamischer Darstellung hätten die ersten Muslime die Suren, die ihnen der Prophet Mohammed vorgetragen habe, in erster Linie auswendig gelernt, mündlich weitergegeben, aber auch teilweise schriftlich niedergeschrieben. Jedenfalls habe es bis rund 25 Jahre nach dem Tod des Propheten den Koran in der vollständigen und uns heute bekannten Form gar noch nicht gegeben. Gemäß Darstellung der Tradition sei erst unter dem Kalifen Uthman der Koran in der angeblich auch heute noch bekannten redaktionellen Form entstanden. Auch die Reihenfolge der Suren, die keiner Chronologie folgt, würde auf diesen Uthman zurückgehen. Aus welchen Gründen auch immer sind die Suren im Koran redaktionell der Länge nach angeordnet. Der Koran beginnt mit der Eröffnungssure al-Fatiha, die dieses Prinzip durchbricht, weil sie das islamische Hauptgebet bildet. Anschließend folgen die Suren allerdings der vorgenannten Logik, womit die 2. Sure des Koran (al-Baqara, die Kuh) die längste Sure des Koran ist. Aufgrund der Bedeutung dieses Kalifen Uthman, dessen Existenz übrigens umstritten ist, spricht man vom sogenannten uthmanischen Kodex und gemäß islamischer Vorstellung sunnitischer Prägung entspreche dieser Kodex zu 100% dem heute „geltenden“ Kairoer Ausgabe aus dem Jahr 1924. Das stimmt selbstverständlich nicht, entspricht aber dem islamischen Glauben. Jedenfalls existieren zwischen vielen frühen Handschriften (wie beispielsweise die Koranfragmente von Sana’a) und der heute gültigen Ausgabe viele Unterschiede. Wie so oft im Islam haben wir es hier mit religiös motivierten Behauptungen zu tun.

Der Koran ist vom Umfang her ungefähr zehnmal kürzer als die Bibel (circa 77’000 gegenüber rund 774’000 Wörtern), enthält viele Geschichten über „Propheten“ wie Jesus, Moses, Noah und Abraham und kann in dieser Eigenschaft keine umfassende Rechts- und Gesellschaftsordnung gestalten, was die Scharia letztendlich ist. Diese Lücken werden insbesondere durch die Hadithe gefüllt, wobei diese Lückenfüllung massiv ist, wie die Leserin oder der Leser weiter unten im Text sehen wird.

Zwei Stellen im Koran spielen im Zusammenhang mit den Hadithen eine entscheidende Rolle und verknüpfen gewissermaßen die Hadithliteratur mit dem (göttlichen) Koran.

Sure 3, Vers 32

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

Sure 33, Vers 21

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Ein Gläubiger muss also nicht nur Gott gehorchen, der im Koran Befehle an die Gläubigen erteilt und Verhaltensnormen vorgibt. Er soll auch den Geboten und Befehlen des Propheten folgen (Sure 3, Vers 32). Darüber hinaus soll er sein vorbildliches Verhalten kopieren (Sure 33, Vers 21). Die entsprechenden Informationen, wie dies zu bewerkstelligen ist, entnimmt der gläubige Muslim insbesondere aus den Hadithen aber teilweise auch aus der Sira (fromme kanonisierte Prophetenbiographie), zumal die entsprechenden Informationen im Koran nicht vorhanden sind. Wenn ein Muslim diesen durch die Hadithe überlieferten Befehlen des Propheten folgt und auch das überlieferte vorbildliche Verhalten des Propheten kopiert, folgt er der sogenannten Sunna des Propheten, d.h. er lebt im Sinne der prophetischen Tradition. Wenn ein Muslim dies tut, führt er ein gottgefälliges Leben, zumal es nach islamischer Vorstellung ja Gott ist, der die vorgenannten beiden Koranverse den Menschen offenbart hat.

Wie ein gläubiger Muslim diese Regeln auf der Grundlage des Koran, der Hadithe und der Sira befolgen kann, beantwortet ihm die Scharia („der Weg zur Quelle“), was nichts anderes ist als die Gesamtheit dieser Quellen inklusive die Methode der Rechtsfindung. Wie in meinem letzten Blog erwähnt, handelt es sich bei der Scharia damit um Recht im weitesten Sinne, womit die Scharia eine Gesellschafts- und Rechtsordnung darstellt respektive abbildet, namentlich eine islamische Gesellschafts- und Rechtsordnung. Es geht beim Begriff Scharia damit bei weitem nicht nur um das islamische Zivil- und Strafrecht sondern um weitaus mehr, weil sie letztendlich sämtliche islamische Verhaltensnormen umfasst.

Die Hadithe beschreiben oft konkrete Alltagsituationen oder Situationen aus dem Leben des Propheten, in welchen Mohammed meistens die Hauptperson ist, der teilweise etwas befiehlt oder sonst etwas gegenüber den Menschen, die ihn gerade umgeben oder ihn begleiten, bemerkt oder etwas kommentiert, etwas tut oder eben unterlässt und damit den Gläubigen kopierbare Verhaltensweisen vorgibt. Andererseits stellen Hadithe auch den Offenbarungszusammenhang der Koransuren her, was für die Interpretation des Koran oft entscheidend ist, weil eine Koranstelle erst durch einen entsprechenden Hadith jenen Sinn erlangt, dem die Doktrin und mit ihm die überwiegende Mehrheit der Scharia befolgenden Muslime folgen. Die Hadithe beeinflussen aufgrund des hergestellten Offenbarungszusammenhangs auch die Übersetzungen des Koran, zumal die Übersetzer in der Regel  von der Wahrheit dieser in den Hadithen niedergelegten Geschichten ausgehen. Das ist nicht naheliegend und wird insbesondere von einigen Forschern der Inarah-Gruppe bestritten, die eine andere Geschichte des Frühislam erzählen. Auch wenn ich persönlich deren Darstellungen über den Frühislam für plausibler halte, spielt dies nur eine akademische Rolle, weil die überwiegende Mehrheit (wenn nicht gar alle) der Scharia befolgenden Muslime an die Entstehungsgeschichte der Hadithe, so wie diese von der Tradition dargelegt wird, glaubt, sofern diese für ihren Glauben maßgeblich sind. Die Interpretation und die Maßgeblichkeit der Hadithe hängt dabei sehr wesentlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmte Rechtsschule des Islam ab aber auch von lokalen Traditionen und dem Grad der individuellen Orthodoxie, wobei es selbstredend auch innerhalb der Rechtsschulen wie auch unter Individuen unterschiedliche Auffassungen gibt.

Hadithe gibt es zu Hunderttausenden, was nichts anderes bedeutet, dass der Koran vom Umfang her nur einen kleinen Teil davon ausmachen kann, was die Scharia ist. Meines Erachtens ist diese Erkenntnis entscheidend. Erst durch die Hadithe wird die Scharia zu einer allumfassenden Gesellschafts- und Rechtsordnung mit detaillierten Verhaltensnormen. Ausserdem bestimmen sie – wie erwähnt – die Auslegung des Korantextes. Mit dem Korantext allein wäre es nur schon aufgrund dessen Kürze gar nicht möglich, zu allen möglichen und unmöglichen Lebenssachverhalten eine islamische Meinung zu äußern.

Im sunnitischen Islam sind sechs Hadith-Sammlungen kanonisch, was allerdings nicht heißen soll, dass andere Hadithe keine Bedeutung hätten. Bei den vorgenannten kanonischen sunnitischen Hadith-Sammlungen handelt es sich um Sahih Bukhari und Sahih Muslim, die heiligsten Hadith-Quellen des sunnitischen Islam sowie um Ibn Madsch, Abu Dawud, Tirmidhi und Nasa’i. Die Autoren dieser Werke sind zwischen den Jahren 870 und 915 verstorben und haben damit über Vorgänge geschrieben, die sich angeblich zwischen den Jahren 610 und 632 abgespielt haben. Vor der Niederschrift seien die Hadithe gemäß Darstellung der Tradition mündlich überliefert worden.

Faktisch bedeutet dies, dass Hadithe mehrere hunderttausendfach auf die nachfolgende Art und Weise übertragen wurden, bis sie schriftlich erfasst wurden:

A hat von B gehört, der seinerseits von C gehört habe, der von D vernommen habe, wonach E den Gesandten Allahs gehört habe, wie er dieses und jenes gesagt hat (oder sich auf diese oder jene Art und Weise verhielt), als dies und das geschah (oder diese oder jene Frage gestellt wurde etc.).

Aus diesen hunderttausenden von Hadithen haben insbesondere auch die Autoren der vorgenannten wichtigen Hadith-Sammlungen unter Anwendung von in wissenschaftlicher Hinsicht zweifelhafter wenn nicht gar willkürlicher Methoden die „richtigen“ herausgesucht. Hierbei spielte insbesondere die angebliche Vertrauenswürdigkeit der sogenannten „Isnad“ (Überlieferungskette von Personen, welche den Hadith mündlich weitergegeben haben sollen) eine Rolle. Diese ist nicht immer gleich stark, wobei der Begriff „sahih“ (echt) die höchste Vertrauenswürdigkeitsstufe eines Hadith darstellt und ein solcher damit einen höheren Anspruch auf Authentizität genießt. Deshalb heißen die beiden heiligsten Hadith-Sammlungen des sunnitischen Islam Sahih Bukhari und Sahih Muslim, die in ihrer Heiligkeit unmittelbar nach dem Koran kommen. Der Grad der Vertrauenswürdigkeit eines Hadith basiert auf den in der Isnad genannten Personen, deren Bedeutung, deren Leumund, deren Vertrauenswürdigkeit im Generellen und der soweit wie möglichen Lückenlosigkeit der Überlieferungskette, wobei im Islam kaum in Betracht gezogen wird, dass nebst dem Hadith auch die Überlieferungskette erfunden sein könnte. Es gibt auch weitere Kriterien, die für die Maßgeblichkeit eines Hadith eine Rolle spielen, etwa dass er dem Koran nicht widersprechen darf, was die wichtigste Voraussetzung für die Vertrauenswürdigkeit eines Hadith ist.

Ich werde nun einige Hadithe wiedergeben, damit der Leser einen Eindruck erhält, was in diesen Texten steht. Ich werde die islamische Formel, mit der jeweils der Prophet gesegnet wird, wenn sein Name erwähnt wird respektive von ihm die Rede ist, weglassen, weil dies den Text lesbarer macht.

Aus der Hadith-Sammlung Sunnan Abu Dawud:

Der Hadith beantwortet die Frage: „Wann sollte einem Knaben befohlen werden, dass er das Gebet verrichtet?“

„As Subarah erzählt:

Der Prophet sagte: Befehle einem Jungen mit sieben Jahren, dass er das Gebet verrichten soll. Wenn er das zehnte Jahr erreicht hat, prügle ihn zum Gebet.“

Aus Ahmad Ibn Hanbal 5:75; Abu Dawud, Adab 167:

Abu al- Malih ibn`Usamas Vater bezog sich darauf, dass der Prophet gesagt haben soll: „Beschneidung ist Gesetz für die Männer und eine Bewahrung der Ehre für Frauen“.

Aus Sunnan Abu-Dawud:

„Eine Frau nahm in Medina Beschneidungen (bei Frauen) vor. Der Prophet sagte zu ihr: Schneide nicht zu viel, weil dies besser ist für die Frau und begehrenswerter für den Mann. Abu Dawud sagt dazu: Er (der Hadith) wurde von ‘Ubaid Allah b. ‘Amr from ‘Abd al-Malik mittels einer anderen Überlieferungskette übertragen Abu Dawud sagt ferner: Es ist keine starke Übermittlung. Er (der Hadith) sei in der mursal Form übertragen (es fehle der Link zu den Begleitern). Abu Dawud sagt: Mohammad b. Hasan ist eine obskure Quelle. Die Überlieferung ist schwach.“

Aus Sahih al-Bukhari, Band 5, Buch 58, Nummer 234:

„Erzählt von Aisha:

Der Prophet verlobte sich mit mir, als ich ein Mädchen von sechs Jahren war. Wir gingen nach Medina und wohnten im Haus von BanialHarith bin Khazraj. Dann wurde ich krank und mein Haar fiel aus. Später wuchsen meine Haare (wieder) und meine Mutter, Um Ruman, kam zu mir, während ich mit einigen meiner Freundinnen auf einer Schaukel spielte. Sie rief mich, und ich ging zu ihr, ohne zu wissen, was sie mit mir vorhatte. Sie ergriff mich bei der Hand und ließ mich an der Tür des Hauses stehen. Ich war außer Atem, und als sich mein Atem wieder beruhigt hatte, nahm sie etwas Wasser und rieb mir Gesicht und Kopf ab damit. Dann brachte sie mich ins Haus. Dort im Haus sah ich einige AnsariFrauen, die sagten: “Alles Gute und Allahs Segen und viel Glück”. Dann vertraute sie mich ihnen an und sie bereiteten mich (für die Hochzeit) vor. Unerwartet kam am Vormittag der Gesandte Allahs zu mir und meine Mutter übergab mich ihm, und damals war ich ein neunjähriges Mädchen.“

Aus Sahih Bukhari, Über das Kämpfen für die Sache Allahs (Dschihad), Kapitel 9: Der Kampf gegen die Juden:

Erzählt von Abu Huraira:

Allahs Gesandter sagte: „Die Stunde (die von den Muslimen erwartete und herbeigesehnte Apokalypse) wird nicht kommen, bis ihr mit den Juden kämpft und der Stein, hinter dem ein Jude verstecken wird, wird sagen: „O Muslim! Hinter mir versteckt sich ein Jude, komm und bring ihn um!“

Die gleiche Geschichte aus Sahih Muslim:

„Abu Huraira berichtet, dass Allahs Gesandter gesagt habe: „Die letzte Stunde wird nicht kommen, sofern die Muslime nicht gegen die Juden kämpfen und die Muslime sie töten, bis die Juden sich hinter einem Stein oder einem Baum verstecken und ein Stein und ein Baum würde (in diesem Fall sagen) Muslim, du Diener Allahs, hinter mir versteckt sich ein Jude; komm und töte ihn; aber der Gharqad Baum würde dies nicht sagen, denn es handelt sich um einen Baum der Juden.“

Ein Hadith aus Sahih Bukhari über die Menstruation; es geht darum, dass Frauen während der Menstruation auf das Fasten verzichten sollten.

Abu Sa’id al-Hudri berichtet:

Anlässlich des Opferfestes – oder es kann auch das Fest des Fastenbrechens gewesen sein – begab sich der Gesandte Gottes zum Gebetsplatz. Als er bei den Frauen vorbeikam, blieb er stehen und sagte zu ihnen: „ Ihr Frauen, ich rate euch, Almosen zu geben! Denn ich habe gesehen, dass die Mehrzahl der Höllenbewohner Frauen sind.“ Die Frauen fragten ihn: „Wie kommt das, o Gesandter Gottes?“ – „Frauen fluchen häufig und sind of undankbar gegenüber ihren Ehemännern. Auch sah ich nie jemanden mit weniger Verstand und geringerer Religiosität als manche von euch! Und ihr könnt selbst einen einsichtigen Mann betören!“ Die Frauen fragten: „Aber warum ist unsere Religiosität und unser Verstand mangelhaft, o Gesandter Gottes?“ Er erwiderte: „Ist es nicht so, dass der Zeugenaussage einer Frau nur das halbe Gewicht derselben eines Mannes zukommt?“ – „Doch, natürlich!“ –„Der mangelnde Verstand der Frauen ist der Grund dafür! Und ist es nicht so, dass eine Frau während ihrer Menstruation nicht betet und nicht fastet?“ – „Doch.“ –„Das ist die mangelhafte Religiosität der Frauen.“

Aus Sahih Bukhari im Zusammenhang mit der grossen Waschung (vor dem Gebet), weil das Gebet einer Person, die unrein ist, nicht angenommen wird.

Wenn eine Frau im Traum ein sexuelles Erlebnis hat:

Umm Salama, die Mutter der Gläubigen, berichtet:
Umm Sulaim, die Frau von Abu Talha, kam zum Gesandten Gottes und sagte: „O Gesandter Gottes, Gott schämt sich nicht, die Wahrheit zu sagen! Muss eine Frau, die im Traum ein sexuelles Erlebnis hatte, die grosse Waschung verrichten?“ Der Prophet erwiderte: „Ja, wenn sie nach dem Aufwachen Ausfluss bemerkt, soll sie das tun.“

Aus Sahih Bukhari (zur kleinen Waschung):

Urwa berichtet:

Wenn der Prophet die kleine Waschung verrichtet hatte, kämpften die Menschen fast miteinander, um die Reste seines Waschwassers für sich verwenden zu können.

Abbad Ibn Tamam berichtet:

Mein Onkel väterlicherseits frage den Gesandten Gottes, was zu tun sei, wenn man das Gefühl hat, während des Gebets Blähungen gehabt zu haben. Der Prophet erwiderte: „Setze das Gebet fort und unterbreche es nicht, sofern du nicht ein entsprechendes Geräusch oder einen Geruch wahrgenommen hast.

Aus Kanzul Ummal, Bd. 9, S. 129:

Der Prophet sprach:

„Das Zähneputzen enthält zehn Besonderheiten:

Es macht den Mund wohlriechend, es macht das Zahnfleisch fest, es beseitigt den Auswurf, es verleiht den Augen Glanz, es beseitigt den Zahnschmelz, es ordnet den Magen, es ist die Verfahrensweise (Sunnah) des Propheten, es erfreut die Engel, es stellt den Herrn zufrieden und es erhöht die Wohltaten.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Essen.

Aisha berichtet:

Der Gesandte Gottes aß sehr gern Süßigkeiten und Honig.

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über die Medizin.

Abu Huraira berichtet:

Der Prophet sagte: „Der böse Blick ist Realität!“ Und er verbot das Tätowieren.

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Wissen:

Abu Huraira berichtet:

Ich sagte: „Oh Gesandter Gottes, ich höre von dir so viele Hadithe, aber oft vergesse ich sie wieder.“ Der Prophet antwortete: „Breite deinen Mantel aus.“ Ich kam dieser Aufforderung nach. Danach bewegte der Prophet seine Hände, als schöpfe er etwas in meinen Mantel hinein. Dann sagte er: „Jetzt zieh ihn wieder an.“ Ich tat, was er gesagt hatte, und seitdem habe ich nichts mehr vergessen!

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über den Gebetsruf:

Abdullah ibn Umar berichtet, der Gesandte Gottes habe gesagt: „Das gemeinsame Gebet hat den siebenundzwanzigfachen Wert des alleine verrichteten Gebets.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über Tod und Begräbnis:

Abu Huraira berichtet:

Der Gesandte Gottes sagte: „Jedes Neugeborene hat von Natur aus die Anlage zum rechten Glauben. Es sind die Eltern, die es zum Juden, Christen oder Magier erziehen.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Essen:

Abu Aziz berichtet: Jemand fragte Anas: „Hat der Prophet etwas über den Knoblauch gesagt?“ Ja, der sagte: „Wer Knoblauch gegessen hat, soll sich ja nicht unserer Moschee nähern!“

Wie bereits oben erwähnt existieren mehrere hunderttausend solcher Hadithe, einige sind maßgeblicher als andere. Auch ihre jeweilige praktische Bedeutung und Bekanntheitsgrad sind jeweils ganz unterschiedlich und stark von den jeweiligen Traditionen einer Gemeinde abhängig. Gemäß islamischer Vorstellung sollen also Hadithe, die oft an Detailreichtum nicht zu überbieten sind, in einer derart hohen Zahl während rund 200 Jahren mündlich weitergereicht worden sein. Für die Verlässlichkeit und insbesondere Kanonisierung habe einzig die Vertrauenswürdigkeit der Überlieferungskette eine Rolle gespielt. Wer an den Wahrheitsgehalt respektive Historizität einer solchen angeblichen Überlieferung glaubt, sollte sich meines Erachtens als Muslim bezeichnen, weil solche Annahmen einzig mit Religion zu rechtfertigen sind. Nicht nachvollziehbar ist allerdings, dass die überwiegende Mehrheit der Islamwissenschaftler an den oben beschriebenen Methoden und am Wahrheitsgehalt dieser Geschichten wenig auszusetzen hat.

Die Leserin oder der Leser dürfte gemerkt haben, dass die Hadithe in intimste Bereiche der Privatsphäre eingreifen und eine islamische Meinung zu Dingen äußern, die mit Religion wenig bis gar nichts zu tun haben. In extremis bedeutet dies, dass die Religion das gesamte Leben bestimmt und jede einzelne Handbewegung reguliert. Vor allem aber wirken solche Regeln nur schon aufgrund ihrer großen Menge gesellschaftsgestaltend und -prägend. Je mehr sie ihre Wirkung entfalten und Geltung beanspruchen können, umso mehr bewegt man sich in die Richtung einer idealen islamischen Gesellschaft, in welcher die Scharia gilt, wo alle Menschen aus islamischer Perspektive ein gottgefälliges Leben führen. Je mehr dies erfüllt wird, umso mehr haben wir es allerdings auch mit einer  freiheitsfeindlichen Ideologie zu tun, zumal eine derart dichte Regulierung des Alltags in einem hohen Masse antiliberal wenn nicht gar totalitär ist. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb mein Blog „Freiheit oder Scharia“ heißt, was gewisse Leute, die meine Texte nicht kennen, als zu radikal wahrnehmen. Die Hadithe, die ich zitiert habe und die Vorstellung, dass es hunderttausende davon gibt, sollten jedoch meine Leserinnen und Leser überzeugt haben, was dieses Ausmaß, diese Regulierungsdichte und vor allem diese archaische Gesellschaftsstruktur, die durch die Hadithe und die Sira zum Vorschein kommt, für die Freiheit in unseren westlichen Gesellschaften bedeutet, wenn derartige Regeln zum gesellschaftlichen Massstab werden. Jedenfalls denke ich nicht, dass diese ideale islamische Gesellschaftsform mit dem freiheitlichen Leben in europäischen Gesellschaften zu vereinbaren ist, auch nicht wenn es sich dabei um Parallelgesellschaften handeln sollte.

Da die Scharia einerseits wegen ihres archaischen und rückständigen Inhalts und andererseits aufgrund ihrer allumfassenden Regulierung einer Gesellschaft die Entwicklung von muslimisch geprägten Gesellschaften massiv verhinderte, haben im 20. Jahrhundert politische Bewegungen diese eingeschränkt, respektive den Islam unter staatliche Kontrolle gestellt und versucht, diesen in erster Linie auf die Glaubensbereiche zu konzentrieren. Die Scharia als Gesellschaftsform wurde von der Öffentlichkeit weitestgehend verbannt. Zuvorderst steht selbstverständlich der Name des Staatsgründers der modernen Türkei, M. Kemal Atatürk, der mit seinen Reformen, Abschaffung des Kalifats und weiteren Massnahmen, die Türkei in die Moderne katapultierte. Ohne ihn und seine Reformen wäre dies niemals möglich gewesen. Auch andere Staaten, wie etwa der Iran oder Afghanistan, wurden von diesen Reformen beeinflusst und gewiss auch die Länder Nordafrikas. Es ist klar, dass das Vorgehen Atatürks der heutigen Vorstellung von Glaubens- und Gewissensfreiheit widerspricht. Andererseits muss man sich die Frage stellen, ob eine vormittelalterliche Scharia-Gesellschaft mit ungebildeten Analphabeten diesen Reformen vorzuziehen ist oder nicht. Ferner hat Atatürk die türkischen Frauen befreit, was jede säkulare Türkin bestätigen kann. Mit Scharia-Appeasement, wie dies heutzutage insbesondere von linken Parteien betrieben wird, lässt sich jedenfalls keine Gleichberechtigung der Geschlechter herstellen und die türkische Frauen wären heute nicht dort, wenn sie den Pseudofeministinnen der linksextremen Queer-Theory-Bewegung von Judith Butler gefolgt wären, welche in der Burka eine Ausdrucksform der Bescheidenheit erkennen. Da das 20. Jahrhundert von Figuren wie Judith Butler weitestgehend verschont blieb, stand dies natürlich nie zur Debatte.

Die Scharia ist eine endlose Quelle für die Rechtsfindung und in freiheitlichen Staatswesen wie den unseren kann sie sich leider hervorragend entfalten, obwohl sie eine freiheitsfeindliche Ideologie ist. Auch deshalb freuen sich Scharia-Muslime über ihren Aufenthalt in Europa, weil sie hier diese teilweise uneingeschränkter ausleben können als in ihren eigenen Heimatländern, die Einschränkungen der Scharia vornehmen, um ein Mindestmass an Zivilisation beizubehalten. Man denke nur an die Nikabverbote in Marokko oder Algerien, eine Maßnahme, die in Deutschland  undenkbar wäre. Ich habe derartige Äußerungen der Dankbarkeit schon in einigen Dokumentarfilmen gesehen, insbesondere auch von Scharia-Muslimen, die in Deutschland leben.

In unseren westlichen Demokratien existieren keine ausdrücklichen Einschränkungen der Scharia. Vielmehr gilt grundsätzlich der Vorrang staatlichen Rechts. So ist beispielsweise die Polygamie in den europäischen Staaten verboten und natürlich auch die Vornahme einer Körperstrafe (sog. Hadd-Strafe) nach islamischem Recht, weil der Staat hier immer noch das Gewaltmonopol hat (oder zumindest haben sollte). Da wir aber die Scharia anders als in den Herkunftsländer der meisten Scharia-Muslime nicht einschränken, ist für diese Menschen oft nicht erkennbar, welche Grenzen ihnen gesetzt wurden. Für gewisse ist ohnehin nur die Scharia maßgeblich. Oft sind staatliche Gesetze ihnen auch egal, weil in der liberalen Gesellschaft, in der wir leben, auch verbotene Dinge unentdeckt bleiben können und die Konsequenzen, die sie allenfalls gegenwärtigen müssten, nicht so gravierend sind. Die Folge davon ist der Aufbau von Parallel- oder im schlimmsten Fall Gegengesellschaften auf der Grundlage der Scharia, die mit den Werten, die in unseren Verfassungen verankert sind, wenig bis gar nichts zu tun haben. Wie wir mit diesen Problemen umgehen und dabei die Rechtsstaatlichkeit wahren können, wird uns in den nächsten Jahren gewiss noch beschäftigen.

Mohammed

Muhammad auf dem Berg Hira, Bild aus Siyer-i Nebi: Das Leben des Propheten. Istanbul, 1595. Hazine 1222, folio 158b – Topkapi

 

 

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