„UMDENKEN“: Unsere Denkweise ändern

Von Taner Akcam

 

Es gibt ein deutsches Wort, „umdenken“. Es sollte aber eigentlich in diesem Fall nicht nur als „Umdenken“ sondern auch als “ eine Änderung der Denkweise “ gelesen werden.

Was ich vorschlage, ist so etwas; wer die Verhältnisse in der Türkei ändern will, sollte „umdenken“. Mit anderen Worten, wir müssen unsere Denkweise ändern, versuchen zu interpretieren und zu verstehen, auf eine andere Art und Weise, vielleicht sogar auf eine kontraintuitive Art.

Die Analysen zu den jüngsten Wahlergebnissen schwanken zwischen zwei verschiedenen Polaritäten: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die unter immensen „Verlusten und Verzweiflung“ leiden, auf der anderen Seite diejenigen, die sich „nicht so schlecht und noch nicht ganz erledigt“ fühlen.

Der Diskurs dreht sich um die Ziehung von Frontlinien „bevor es zu spät ist“.

Die Wahrheit ist: diese Dichotomie ist falsch….

Es war 1984, als die Grünen ihren Parteitag in Hamburg abhielten. Rudolph Bahro sprach; derselbe Rudolph Bahro, der sich dem Regime in der DDR widersetzt hatte und später für sein Buch „Alternative“ zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt worden war und wegen des Aufschreis aus dem Westen nach Westdeutschland verbannt wurde….

Bahro gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Grünen und sprach darüber, wie man die durch die (kapitalistische und sozialistische) Industrialisierung beschädigte und zerstörte Umwelt/Natur schützen kann. Er erklärte, dass es zwei verschiedene Arten der Politikgestaltung gebe. „Der erste Weg“, sagte er, „ist die Politik, die geprägt ist, wenn die Uhr um Viertel vor zwölf steht.“

„Zu dieser Zeit, es ist noch nicht zu spät, es gibt noch Dinge, die gerettet oder geschützt werden können“. Und die befürwortete Politik diskutiert „die Schritte, die unternommen werden müssen, um die Zerstörung oder den Schaden zu verhindern, bevor es zu spät ist“.

Diejenigen, die die Politik nach dieser Logik gestalten, denken, dass die Uhr sich zwölf nähert, wenn ihre Vorschläge und Erwartungen nicht erfüllt werden. Sie befinden sich in einem kritischen Zustand des Pessimismus, da sie annehmen, die Situation werde immer schlimmer. Manche sagen: „Wir sind verloren, diese Situation kann nicht mehr rückgängig gemacht werden“, und andere wiederum sagen: „Es ist nicht alles verloren, es gibt noch Dinge, die getan werden können“….

Pessimisten und Optimisten beteiligen sich an diesen politischen Debatten, aber in Wirklichkeit ist ihr Grundprinzip das gleiche. Die Uhr nähert sich zwölf und dieser Lauf der Geschehnisse muss zu Ende gehen.

„Es gibt aber auch eine zweite Möglichkeit, Politik zu machen“, sagte Bahro…. Darin zeigt die Uhr ein Viertel nach zwölf, das heißt, was Sie befürchtet hatten, ist vermutlich schon eingetreten. Es gibt also nichts mehr zu retten. Es gibt keine Notwendigkeit mehr für Dringlichkeit und Verzweiflung, da es nichts mehr zu retten gibt…. Es gibt keine bevorstehende Katastrophe, die verhindert werden sollte…. Sie haben sie bereits durchlebt.

Nun stellt sich die Frage, was Ihrer Meinung nach unter diesen Umständen getan werden sollte.

Bahro schlug vor, dass die Grünen ihre Politik um die Annahme herum gestalten, dass die Uhr um Viertel nach zwölf ist.

 

Das ist es, was ich auch für die türkische Politik vorschlage.

 

Es ist Viertel nach zwölf und es gibt nichts, was wir noch retten könnten. Deshalb ist es wertlos, kopfüber in irgendetwas zu stürzen. Eine zweite türkische Republik wurde gegründet und diese Gründung wird sich ihre eigene Realität schaffen, egal wie sehr wir auch kämpfen.

Ich kann sogar noch dreister sein und behaupten, dass wir mit unseren bisherigen Denk- und Verhaltensweisen nur Stützpfeiler schaffen würden, auf denen sich die zweite Republik trotz unserer Bemühungen immer stärker positionieren wird.

Was dann?

Ganz einfach, „umdenken“ auf Deutsch gesagt. Wir sollten uns selbst rekonstruieren, indem wir die Art und Weise, wie wir denken und Politik machen, in Frage stellen.

Die Hauptfrage wird sein: Gibt es eine Chance für die Menschen in diesem Land, mit ihren unterschiedlichen Religionen – Sprachen – Kulturen – Glauben – Ethnien und mit unterschiedlichen Lebensstilen? Ist eine solche Zukunft möglich?

Ich habe denen, die jetzt Nein sagen, auch nichts zu sagen. Das würde nämlich bedeuten, versuchen das Bestehende zu rekonstruieren.

Ich gehöre zu denen, die Ja sagen. Es gibt eine solche Zukunft.

Und ich sage diese Worte nicht, indem ich denke, dass es „noch Dinge zu retten gibt“.

Ich sage sie mit dem Gefühl, dass es schon Viertel nach zwölf ist.

Ich schlage vor, zunächst offen zu sagen, was in dieser Situation zu sagen ist.

Das erste, was gesagt werden sollte, ist die Notwendigkeit, eine politische Perspektive zu entwickeln, die über die bestehenden Spaltungen in der Politik hinausgeht. Die bestehenden Segmente (links-rechts; kemalistisch, säkular, modernistisch, westlich – religiös, islamistisch, konservativ; nationalistisch – kosmopolitisch)und eine politische Kultur, die von ethnischen und religiösen (alevitisch – sunnitisch; türkisch – kurdisch; säkular – islamistisch)Unterschieden geprägt ist, die die Wurzeln der Spaltungen der Gesellschaft ausmachen, sind derzeit unsere Realität.

Diese „balkanisierte Handlungsweise“ der Politik ist die Realität sowohl der ersten als auch der zweiten Republik, und man kann nicht etwas jenseits dieser Republiken schaffen, indem man seine Politik gemäß deren Bruchlinien positioniert.

Mit anderen Worten, was ich vorschlage, ist keine „Frontlinie“, die sich irgendwo unter den existierenden Fronten platziert. Wir brauchen eine Perspektive, die die existierenden Fronten bedeutungslos macht und sie transzendiert. Das ist möglich….

Zweitens, die Individuen, die aus all diesen verschiedenen bekannten Linien in der Politik kommen, sich aber der Untiefen und Unzulänglichkeiten ihrer Linien bewusst sind, sollten es schaffen, als Individuen zusammenzukommen, ohne dabei ihre eigene (linke, rechte, weltliche, religiöse, nationalistische) Vergangenheit zu verleugnen…. Sie brauchen ihre Vergangenheit und die „Linien“, aus denen sie kamen, nicht zu verleugnen oder vulgär zu sein und zu zerstören, denn in jeder Linie sind Elemente und Werte eingebettet, die andere Linien überkreuzen und die Grundlage für die Gestaltung der Zukunft bilden könnten. Lassen Sie mich „Gerechtigkeit“ als Beispiel für einen dieser Werte nennen.

Drittens sollten Menschen, die zusammenkommen, lernen, ihr „Gepäck“ zu verlieren, das sie in ihren eigenen Frontlinien aufgeladen haben. Ein einfaches Beispiel aus meiner Linie: Die kurdische Volkspartei (HDP), die vorgibt, sich in einem Kampf für die Demokratie zu befinden, hat Angst, ihren eigenen Mitgliedern die Wahl der Kandidaten für das Parlament zu überlassen. Die Kandidaten werden hinter verschlossenen Türen und mit Zustimmung von Qandil [der Zentrale der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Nordirak] bestimmt.

Mit diesem Gepäck kann man ein „Bevormundungs-Regime“ aufbauen, aber keine demokratische Republik. Ich spreche hier nicht für die Angriffe oder Ungerechtigkeiten gegen HDP. Für mich war es richtig, bei den Wahlen am 24. Juni für HDP zu stimmen. Was ich hier sage, ist etwas anderes.

Vergiss nicht, es ist Viertel nach zwölf. Es ist Zeit, laut zu sagen, was zu tun ist….

Es gibt viele Beispiele für ähnliches „Gepäck“; zum Beispiel ist jede politische Front mit sozialer Gewalt verbunden.

Anstatt ein Beispiel zu geben, sagen wir, jede politische Linie hat ein „Liebling“ [um eine politische Organisation zu unterstützen, die Gewalt als Mittel in der Politik preist].

Diese drei Faktoren, die ich oben aufgelistet habe, sind nur Vorschläge für Probleme, die an der Oberfläche auftreten.

Was wirklich getan werden sollte, ist, den ganzen Boden, auf dem wir Politik machen, zu verändern.

Dieser Boden, der uns im Moment als „Politik“ präsentiert wird, auf dem wir als rechtsgerichtet, linksgerichtet, konservativ, modern, islamistisch, alevitisch, nationalistisch, internationalistisch gespalten sind, ist einfach falsch. Man kann keine gut funktionierende Politik machen, wenn man auf diesen Bruchlinien steht.

Weil dieser Boden auf Lügen und Leugnungen aufgebaut ist.

Innerhalb dieser „konstruierten“ künstlich-fiktiven Realität täuscht sich diese Gesellschaft nur selbst, und was noch wichtiger ist, wir alle sind uns dieser Illusion bewusst.

Was getan werden sollte, ist einfach in seiner Einfachheit: offen zu sagen, was gesagt werden muss.

Sie können argumentieren, dass wir mit einem solchen Ansatz keine Mehrheit werden können.

 

Ja, genau!

 

Haben Sie den Mut zu sagen, was gesagt werden sollte, um zu verlieren statt zu gewinnen? Weil es Viertel nach zwölf ist.

Was um Viertel nach zwölf getan werden sollte, ist einfach: Die von mir genannten Gruppen und Kreise sollten sich auf ehrliche Weise mit sich selbst und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Es gibt keinen Weg mehr, den wir gehen können, indem wir uns und unsere Vergangenheit verherrlichen….

Und ehrlich gesagt waren und sind die Gründer der ersten und zweiten Republik diejenigen, die sich und ihre Vergangenheit am besten verherrlichten.

 

Ich rufe uns allen zu, um der Geschichte unserer Gesellschaft und den Realitäten jeder Gruppe ehrlich und offen gegenüberzutreten. Wir können nichts erreichen durch unsere schizoiden Identitäten, die auf fragmentierten Realitäten aufbauen, die „offizielle“ Meinungen an der Oberfläche darstellen, während „echte“ Meinungen tief verborgen bleiben.

Die Basis der Politik sollte sich verschieben, auf die Gefahr hin, zu verlieren und zu wissen, wie man verliert. Wir alle müssen den Boden der Politik in der Türkei verändern, unabhängig von unseren Meinungen und Gruppen, denen wir angehören. Der Boden, auf dem wir Politik machen und der auch definiert, wer wir sind, sollte rekonstruiert werden.

Was bedeutet „Bodensenkung“ in der Politik? Wie wird die neue Realität des politischen Lebens der türkischen Nation aussehen, wenn sich die Dinge an der Basis ändern?

Ich werde dies in meinem nächsten Artikel besprechen, aber ich kann jetzt schon sagen, dass die Übernahme von Verantwortung im Mittelpunkt stehen wird.

Sind Sie bereit, im Einklang mit dem Begriff der Verantwortung zu handeln, ohne andere zu beschuldigen und darauf zu bestehen, dass es andere waren, die sich geirrt haben, indem Sie sich selbst als das wahre Opfer und die Unschuldigen und andere als den Verursacher und den wahren Täter definieren?

Vergessen Sie nicht, es ist Viertel nach zwölf und diese Gesellschaft kann ihre Zukunft nicht aufbauen, ohne sich ihrer eigenen Geschichte und den künstlichen Realitäten, die sie geschaffen hat, zu stellen.

 

-übersetzt aus dem Englischen von Kamil Taylan-

 

 

 

 

 

 

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