Seine Majestät

Viele glauben, der türkische Präsident und sein politischer Anhang würden in der Türkei nach einem bestimmten Plan „regieren“. Daran glauben nicht nur viele Wähler in der Türkei, sondern auch Erdogans Follower in Deutschland.

Ist es aber so?

Ich glaube nicht.

In der Türkei regiert der Chaos. Oder es wird nach einem „Chaos Prinzip“ regiert. Nach einem „Bauchgefühl“ könnte man auch sagen. Danach was dem Präsidenten gerade so einfällt. Was ihm in den Sinn kommt, wird als unumstößlicher heroischer Einfall heraus posaunt. Die Massen jubeln ihm zu, denn morgen wird sich keiner trauen dem Präsidenten die Frage zu stellen: „Was hatten Sie gestern gesagt?“ Gestern war gestern, heute ist heute.

Einige Beispiele? Bitte sehr!

Fangen wir mit der Außenpolitik an:

Am Morgen nach dem Bombenangriff der Alliierten auf Syrien, erklärt der Präsident: „Ich finde den Angriff auf Syrien richtig. Unzählige Male hat das Regime in Syrien Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung durchgeführt. Jetzt hat das Regime die passende Antwort darauf bekommen.“

Hallo? Bis jetzt waren Russland und Iran seine größten Verbündete. Hatte der Präsident vor einigen Tagen nicht gesagt, die Zukunft der Welt liegt im Osten, im Islam? Gestern war gestern, heute ist heute. Heute will er sich dem Westen ankuscheln, und dafür was vom Westen bekommen.

Legt sich der Präsident mit seinen aktuell besten Partnern an? Mit Iran und Russland?

Der Präsident versinkt in seinem politischen Chaos. Um die „kurdische Gefahr“ im eigenen Land zu begegnen, schickt er Soldaten in die syrischen und irakischen Territorien. Er okkupiert syrisches und irakisches Land, baut dort Stützpunkte. Er sieht sich als Herrscher nicht nur über Afrin, sondern ganz über Nordsyrien, ja sogar über dem ganzen Nahen Osten. Vor dem Bombenangriff Trumps spielte sich der türkische Präsident auf einmal zum einzigen Vermittler zwischen Trump und Putin. „Ich habe Putin die Beweisvideos vom Gasangriff geschickt“, erklärte er seinem Wahlvolk. Und? Weder Putin noch Trump erwähnten diese Videos nicht mal.

Seine „besten“ Verbündete Russland und Irak gewährten ihm seine Kriegsspiele, machten den syrischen Luftraum für türkische Jagdflugzeuge auf, damit er kurdische Dörfer und Städte in Afrin und anderswo bombardieren konnte.  Ja, besonders jenes Russland, das jetzt nach dem amerikanischen Bombenangriff, von einem eklatanten Verstoß gegen Völkerrecht durch die Amerikaner spricht. Als die Türken noch intensiver als die Amerikaner Syrien bombardierten war es anscheinend kein Bruch des Völkerrechts. Gestern ist gestern, heute ist heute.

Und dennoch haben Iran und Russland in den letzten Tagen ziemlich laut den türkischen Präsidenten aufgefordert, die besetzten Gebiet in Syrien der syrischen Regierung zu übergeben. Putin sagte sogar, „das kurdische Volk soll in Syrien mitbestimmen“.

Herr Putin, das darf man dem türkischen Präsidenten nicht sagen. Jenner antwortete nämlich ganz trocken: „Wir entscheiden selbst wem wir Afrin zurückgeben“. Übrigens Erdogans „Wir“ ist immer als eine Weitschweifigkeit von „Ich“ zu verstehen.

Seine Majestät, der Khalif von Ankara, beschäftigt sich außenpolitisch natürlich nicht nur mit Kurden. Sein Geheimdienst entführte vor 10 Tagen in einem Privatflugzeug 6 angebliche Mitglieder der Gülen Bewegung aus Kosovo. Damit löste seine Majestät in Pristina eine Staatskrise aus. Der Ministerpräsident Kosovos bezeichnete die Tat als einen Diebstahl und entließ den Innenminister und den Chef des dortigen Geheimdienstes. Kosovo erhielt eine Rüge der EU.

Der türkische Präsident dagegen wurde in der Türkei und unter Türken in Deutschland als Held gefeiert.

Vor vier Wochen irrten sich zwei griechische Grenzsoldaten im Schneetreiben an der türkisch-griechischen Grenze herum, wurden von türkischen Soldaten gestellt und inhaftiert. Die griechische Regierung, die EU und das Europaparlament forderten den Präsidenten auf, die Soldaten freizulassen. „Nein“, antwortete der Führer der Türken, „die Griechen haben auch die türkischen Soldaten nicht an die Türkei ausgeliefert.“

Tatsächlich sind einige Soldaten wegen politischer Verfolgung in der Türkei nach Griechenland geflüchtet und dort Asyl erhalten. Und wenn die Griechen die türkischen Flüchtlinge nicht zurückliefern, dann bleiben die beiden Soldaten in türkischen Kerkern. Das übrigens ist die neue türkische Aussenpolitik.

Seine Majestät ist überzeugt davon, dass er mit Geiseln, mit Austausch von Geiseln international viel erreichen kann. Warum auch nicht? Er lieferte quasi über Nacht den inhaftierten deutschen Journalisten Deniz Yücel, und erhielt vermutlich, was er wollte. Panzer? Geld? Das werden wir vielleicht eines Tages genauer wissen.

Der evangelische Pfarrer Bronson sitzt seit November 2016 in türkischer Haft. Er soll angeblich ein Mitglied der Gülen Bewegung sein, obwohl es dazu keinen ernstzunehmenden Zeugen gibt. Dokumente, Belege schon garnicht. Der Khalif von Ankara hat mehrfach angedeutet, wenn die USA seinen ehemaligen Freund und Mitkämpfer für den Islam, Fethullah Gülen, ausliefern würden, wäre Bronson sofort frei.

Liebe Leserinnen und Leser, würde ich diese Zeilen in der Türkei schreiben und auch noch dort wohnen, wäre ich innerhalb von Stunden in Haft. Ich will hier jetzt nicht zum wievielten Mal auch immer, über die Hunderttausende Inhaftierten, Verurteilten Regimegegner schreiben. Nur soviel: Allein über 70.000 Studenten sind derzeit in Haft. Die letzten kamen in Haft, weil sie gegen den türkischen Angriff auf Syrien, auf Afrin, protestiert hatten.

Ich habe in der Türkei drei Militärputschs miterlebt, überlebt. Bei den letzten zweien verfolgt, geflüchtet, gelitten. Ich bin in sogenannten „Ausnahmezustanden“ aufgewachsen. Der jetzige türkische Präsident hatte auch damals hier und da seine Probleme mit den Ausnahmezustanden. Jetzt sagt er: „Die Ausnahmezustände nach den Militärputschs kann man mit dem derzeitigen Ausnahmezustand nicht vergleichen“.

Da gebe ich dir Recht Erdogan. Nämlich zu Zeiten der Militärdiktaturen funktionierten Recht und Justiz. Bei deinem Ausnahmezustand nicht.

Nach jedem Militärputsch hat man bei meinen Eltern nach mir gesucht, ihre Wohnung durchsucht, auf den Kopf gestellt. Ich war nicht da. Aber meine Eltern hat man deswegen nicht festgenommen, weil sie mich nicht gefunden hatten. Du, nimmst inzwischen ganze Familien in Geiselhaft, wenn du deinen Gegner nicht gefunden hast, oder dieser ins Ausland geflüchtet ist. Hunderte Flüchtlinge, irgendwo in Europa bangen um ihre Familien, weil du Erdogan, sie in Geiselhaft genommen hast. 

Das ist deine islamische Rechtsauffassung: Geiseln nehmen, um sie dann auszutauschen. Für was auch immer. Das ist die Grundlage deines politischen Handelns. 

Das ist die Politik eines Wahnsinnigen, eines Verrückten,  wie du Erdogan.

 

Die komplette Welt glaubt, die Türkei wächst wirtschaftlich in Riesenschritten, mit gigantischen Wachstumsraten. Das verkündet auch der türkische Präsident täglich von seinem Predigerstuhl. Die Wirtschaft explodiert, die Ökonomie sei nicht mehr zu bremsen, posaunt er. Das muss er am besten wissen, denn der Präsident ist Wirtschaftswissenschaftler, diplomiert von einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, die als sein Diplom ausgestellt wurde, nicht mal existierte. Never mind. Auch manch einer Wahnsinniger hat ein Diplom in der Tasche.

Seit Januar 2018 hat die türkische Währung gegenüber dem US-Dollar über 10% an Wert verloren. Nach den Berechnungen des Statistischen Amtes der Türkei ist die türkische Ökonomie um 85 Milliarden Dollar kleiner geworden. Das Pro Kopfeinkommen ist um 1000 Dollar geringer geworden. Die Teuerungsrate ist nicht mehr auszurechnen, denn stündlich steigen die Preise, die Löhne natürlich nicht. Die Wirtschaft „explodiert“ im wahrsten Sinne des Wortes.

 

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Das Schreiben des türkischen Finanzministeriums über „Privatisierungen“

Seit 14 Jahren regiert dieser Präsident. In diesen 14 Jahren lebten der Präsident und das Land weitgehend vom Tafelsilber des türkischen Staates. In diesen 14 Jahren verkaufte der türkische Staat -laut den Angaben des türkischen Finanzministeriums- 101 staatliche „Einheiten“ an ausländische und inländische Investoren im Gesamtwert von 60,9 Milliarden US-Dollar. Darunter 10 Häfen, 85 Kraftwerke, 40 Unternehmen, 11 Hotelanlagen, 3.631 Gebäude und Grundstücke, 37 Mienen, 3 Schiffe, 6.808 Maschinen und Ausrüstungen, usw.usw.

Übrigens was der „heldenhafte Krieg“ gegen Kurden in Syrien gekostet hat und noch kostet? Diese Frage darf nicht gestellt werden. es sei denn, man ist „knastsüchtig“.

Dafür hat der Präsident ein Schloss mit 1000 Zimmern in Ankara, und lässt derzeit noch eins, allerdings mit nur 300 Zimmern, an der Südküste bauen, die neue Sommerresidenz.

Der neue Recep Tayyip Erdogan International Airport in Istanbul soll Ende dieses Jahres in Betrieb gehen. Allerdings haben die Baufirmen, die diesen größten Flughafen der Welt bauen, derzeit etwas Liquiditätsprobleme und baten darum, ihre dann fälligen Mietzahlungen von etwa einer Milliarde Dollar pro Jahr um zwei Jahre zu verschieben. Das wurde ihnen natürlich gewährt, denn die drei Unternehmen, die den Flughafen bauen, zählen zu den Lieblingsfirmen, zu den „Höflingen“ des türkischen Präsidenten.

Ach ja, da gibt es noch Atomkraftwerke, die die Wirtschaft eigentlich nicht braucht und natürlich den neuen Kanal von Istanbul, den neuen Bosporus. Von dem Erdaushub des Kanals übrigens, soll eine neue Insel mitten im Marmarameer entstehen.

Jedes Großprojekt wird in der Türkei unter den „Höflingen“ verteilt. Wieviel dann als Tribut in die Familienkasse der Familie Erdogan „zurückfließt“ ist derzeit ein geheimes Ratespiel in der Türkei.

Als ich noch vor Jahren in der Türkei in die Schule ging, bezeichneten wir solche Idioten, die über ihre Verhältnisse lebten: „Er hat kein Geld, um ein Ayran zu kaufen, aber zum Scheissen lässt er sich tragen“.

In den letzten 4 Jahren sind 430.275 kleine und mittlere Unternehmen Pleite gegangen. Aber auch große sind gefährdet. Darunter drei Höflinge allein in der letzten Woche. Deren Schulden sollen nach einem Plan von staatlichen Banken „reguliert“ werden, befahl der Präsident.

Kurz diese angeblich im positiven Sinne „wirtschaftlich explodierende“ Türkei steht vor dem Staatsbankrott. Vielleicht wird der große Freund, der Emir von Katar, mit einigen Milliarden den Untergang etwas verzögern, aber er wird ihn nicht aufhalten können.

Was dann?

Ich weiß, dass die Türkei nicht ein demokratisches Land ist. Das heißt, es werden keine Wahlen stattfinden, so dass der Führer abgewählt werden könnte. Nein, mit Sicherheit nicht. Und wenn sie stattfinden sollten, hat der Präsident schon vor Jahren dafür gesorgt, dass aus der Urne nur der Name Erdogan als Sieger herausspringen wird.

Die Islamisten haben sich fast 100 Jahre bemüht, um an die Macht zu kommen. Sie werden diese Macht nicht so leicht verlieren wollen. Der Präsident wird mit aller Gewalt um seine Macht kämpfen. Vielleicht wird er irgendwann von seinen „Mitstreitern“ gestürzt. Oder der Präsident stirbt irgendwann. Schon jetzt wird für die Thronfolge unter den Kronprinzen gestritten.

Und glaubt mir, der nächste Khalif wird noch wahnsinniger regieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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