Die Türkei ist eine Diktatur – und das gefällt vielen Türken

Das türkische Verfassungsgericht fällt ein Urteil und darüber wird in der Türkei nicht mal unter Journalisten diskutiert.

Natürlich halten die Regierenden das Urteil des Obersten Gerichtes zur Freilassung von inhaftierten Journalisten für „illegal“. Nicht nur Erdogan, sondern auch anscheinend große Teile der Opposition sind der Meinung, die Freilassung von FETÖ Journalisten, sei grundsätzlich illegal.

By the way, keiner von diesen türkischen Marktschreiern ist etwa Jurist. Aber sie finden das Urteil illegal, weil das Verfassungsgericht nicht „das gesunde Volksempfinden“ berücksichtigt  haben soll. Und der Inbegriff dieses Volksempfindens ist natürlich Recep Tayyip Erdogan, der nie studiert hat. Also diese Analphabeten der Regierungspartei AKP sagen den studierten Juristen, was Recht oder Unrecht ist. Und die Presse auch.

Wir haben schon die Scharia und den dazu gehörigen islamistischen Faschismus, ja sogar nicht mal die Scharia, denn da würde wenigstens gelegentlich Koran als juristische Grundlage fungieren. In der Türkei herrscht nur noch das Wort Erdogans. Das Schlimme ist, ich vergesse es immer wieder, und hoffe, es könnte sich was ändern. Zum Positiven.

Wäre ich gestern in der Türkei gewesen, wäre ich sofort zum Gefängnis nach Silivri gefahren, dort gewartet, bis die beiden Kollegen entlassen werden. Ich kenn sie zwar kaum, kenne nur ihre Artikel, ihr Bücher. Dennoch wäre ich dahin gefahren, nur aus Solidarität. Das haben übrigens einige gemacht und waren dann bitter enttäuscht, als andere Gerichte die Freilassung ablehnten.

Aber noch frustrierender war gestern das Verhalten von türkischen Journalisten hier und in der Türkei. Von meinen Kollegen sozusagen. In voller Euphorie hatte ich einen Kollegen in Istanbul angerufen, wollte wissen, ob er jetzt alles liegen läßt und nach Silivri fährt? „Die beiden Journalisten, die freigelassen werden sollen,  gehören doch der FETÖ an“, antwortete er mir, und machte mir deutlich, für FETÖ Schreiberlinge würde er nichts machen. Da half es nicht, ihm zu erklären, dass diese beiden Kollegen wegen ihrer Artikel inhaftierest wurden, und ähnliches. Es war wieder da, diese klassische Ahnungslosigkeit in Sachen Demokratie. Wer nicht zu uns gehört, ist unser Feind, zumindest nicht unser Freund, unser Kollege.

Dieses Lagerdenken findet man anscheinend nicht nur unter den Journalisten in der Türkei, sondern auch unter denen in Deutschland. Eine Kollegin aus Hamburg beschimpfte in Facebook das Verfassungsgericht, dieses würde nur die Fälle der FETÖ Mitglieder behandeln und nicht die von x und y. Sie nannte dabei einige Namen aus „ihrem“ Lager.

Und die Presse heute, nachdem Erdogan das Urteil des Verfassungsgerichts eigenhändig einkassiert hat? Ich fand zwei Journalisten, die dazu was geschrieben haben. Ganze zwei. Ich fühle mich wieder bestätigt, was ich in meinem Artikel vor zwei Tagen geschrieben geschrieben habe: Ein Volk ohne Geschichte – da ist der Begriff der Demokratie anscheinend nicht mal in den Genen vorhanden.

Und die Opposition? Diese Opposition, die im Sommer von Ankara nach istanbul marschierte – für mehr Gerechtigkeit? Es gibt keinen einzigen Oppositionspolitiker, der sich heute zur Abschaffung des Rechtssystem in der Türkei geäussert hätte. Durch ihr Schweigen bestätigen die dem Machthaber, dass er richtig handelt, in Sachen der Inhaftierung von Journalisten.

Ich sage mir, Erdogan hat bei diesen Journalisten und bei dieser Opposition ein leichtes Spiel, ein sehr leichtes sogar.

Und ich habe mir jetzt ganz fest vorgenommen, wegen der kleinen Zuckungen des sterbenden Rechtsstaates in der Türkei keine Freudenschreie mehr zu produzieren. Und ich werde mich daher von der Tagesrealität in der Türkei entfernen. Ich werde mich wieder mit Themen aus Deutschland, mit Flüchtlingen, mit meinen Filmen und einem Roman beschäftigen. Das hat alles nicht mal am Rande mit der Türkei zu tun. Und das ist gut so, schont wenigstens meine Nerven, ich muss nicht permanent an die Türkei denken.

Ich bin mir ziemlich sicher, in der Türkei wird sich in nächster Zeit nichts ändern, nicht zum Positiven.

Der Rechtsanwalt Emrah Erken aus der Schweiz hat zu meinem heutigen Artikel in Facebook folgendes geschrieben:

Es gibt immer noch Journalisten im Westen (vor allem in der Bundesrepublik), welche die rhetorische Frage stellen, ob die Türkei jetzt eine Diktatur wird. Dann wird die Frage verneint…

Ich verneine die Frage auch. Die Türkei wird nicht zu einer Diktatur. Sie ist eine Diktatur spätestens seit 2007.

Zwar ist dieses Ereignis ein weiterer Beweis dafür, aber die rhetorischen Fragen der Journalisten werden weitergehen…

Das ist wirklich so Emrah. Nur, ich vergesse es immer wieder.

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