Die Angst

Gestern habe ich Freunde besucht.  Freunde aus der Türkei, die gerade hier an einer deutschen Universität ein Projekt entwickeln.

Wir trafen uns in einem kleinen italienisches Restaurant in einer Großstadt, irgendwo in Deutschland. Zwei Professoren aus einer renommierten   Universität in der Türkei. Keine Politikwissenschaftler, sondern Naturwissenschaftler.

Selbstverständlich redeten wir nur über die Türkei. Meine Freunde redeten leise, sehr leise sogar, und ihre Blicke schweiften dabei die Tische um uns herum ab.

Sie erzählten mir von ihrer Angst, vor ihrer Angst verhaftet,  aus der Universität raus geschmissen, mit Berufsverbot belegt zu werden, wie Zehntausende andere Wissenschaftler, Lehrer und Juristen derzeit in der Türkei.

Im Arbeitszimmer, direkt mir gegenüber, saß mein Kollege“, fing einer der Professoren an zu erzählen, es war so etwa 8 Uhr dreißig, kamen zwei Zivile ins Zimmer, zusammen mit dem Dekan. Er sagte, meinem Kollegen, Herr …., Sie müssen diese Beamten begleiten. Sie nahmen ihn mit. Und als sie draußen waren, montierte der Dekan persönlich das Namensschild des Kollegen von der Tür. Kein Wort zu mir, warum der Kollege gehen musste. Ich weiß es immer noch nicht, warum er verhaftet wurde, oder wie es ihm jetzt geht?

Übrigens es sind keine Ausnahmen, was mein Freund mir gestern erzählte, sondern die Regel. in der heutigen Cumhuriyet ist ein Brief eines Juristen veröffentlich. Er sitzt in einem anatolischen Gefängnis, seit 487 Tagen, seit 16.Juli 2016.

Kadri Atalay heißt dieser Jurist, er war bis zum 16.Juli 2016 Richter in einer Kleinstadt im Westen der Türkei. Richter Kadri Atalay ist seit 487 allein in seiner Zelle, in Isolierhaft. Er wurde auch am gleichen Tag vom Dienst suspendiert, seine Pensionsansprüche gestrichen.  Kadri Atalay beschwert sich nicht in seinem Brief über über seine Haftbedingungen. Er beschwert sich nur darüber, dass er noch nicht weiß, was ihm vorgeworfen wird, warum er in Haft ist, seit fast anderthalb Jahren.

Auch Kadri Atalay ist nicht eine Ausnahme. Mit ihm sitzen über 2400 andere Richter in U-Haft, ohne Anklage, ohne einen konkreten Verdachtsmoment.

RTE (Recep Tayyip Erdogan) bezweckt damit nur eins: Die Menschen sollen Angst vor ihm haben und ihm gehorchen.

„Ich war Abonnent der Tageszeitung Cumhuriyet“, erzählt mir mein Freund, „ich haben das Abo sofort nach der Festnahme meines Kollegen gekündigt. Ich war mir nicht sicher, ob das Lesen einer oppositionellen Zeitung ausreichen würde, um in die Haft zu gehen.“

 

 

 

 

 

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