„Skirennen um jeden Preis“

Gestern starb der französische Skirennläufer DAVID POISSON nach einem Sturz im kanadischen Skigebiet Nakiska. David trainierte für die World-Cup Abfahrtsläufe in zwei Wochen.

Das Schweizer Blatt „Blick“ fand einen Augenzeugen des Unfalls: „Poisson ist kurz vor dem Ziel mit rund 100 km/h ausgerutscht und ist dann zwei durch sogenannte B-Fangnetze hindurch in den Wald hineingeschossen. Dort dürfte er ziemlich frontal mit einem Baum kollidiert sein.“ 

David Poisson aus Annecy ist 35 Jahre alt geworden. Er hinterläßt einen eineinhalb Jahre alten Sohn.

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DAVID POISSON

David Poisson gewann 2013 die Bronzemedaille bei der WM in Schladming, und dann noch ein Dritter Platz im Jahr 2015 in Italien. Nein, er zählte nicht zu den Großen und Reichen im Skizirkus.

Es gibt keine andere  olympische Sportart bei der so viele Menschen sterben wie beim Skisport. Ich habe unten die Namen der Toten des Skisports aufgelistet. Bald sind es drei Dutzend, seit den Anfängen. David Poisson ist schon der vierte französische Skiläufer nach dem zweiten Weltkrieg, der auf der Piste tödlich verunglückte.

Der Präsident des Skiverbandes, Michel Vion, sagte gestern nach dem Tod Davids: „Die Abfahrt ist gefährlich und riskant, aber in den letzten Jahren haben wir realisiert, dass sie gefährlicher ist als die Formel 1.“ 

Der Präsident lügt!! Schon seit 50er, 60er Jahren, warnen Rennläufer, Funktionäre, einige Trainer, und Journalisten vor den Risiken des Abfahrtslaufs. Nichts ist passiert.

Die Todesspirale dreht sich immer weiter. der Kampf um die Zuschauer geht ständig in neue Sphären. Wie schnell, wie spektakulär muss ein Rennen sein, um Millionen an die Bildschirme zu locken? Ist die Grenze nicht schon lange überschritten, an der das Spiel mit dem Nervenkitzel, mit dem Tod zu weit geht? Wenn nicht, wo liegt diese Grenze? Wieviel Kreuze und Gedenktafeln müssen die Strecken säumen, damit die Verantwortlichen die Notbremse ziehen? Diese Fragen habe vor zwanzig Jahren schon mal gestellt, keine Antwort erhalten. Und ich war mit Sicherheit einer der ersten.

Manche Skiorte präsentieren stolz immer höhere Geschwindigkeiten. Jeder hat die schnellste, spektakulärste Abfahrt. Jeder hat seine tödliche Piste. Was sagte mir 1997 der damalige Sprecher der gesamten Skiindustrie, Franz Julen, in die Kamera:

„Dass beim heutigen Skisport , wie in der Formel 1, ein gewisses Risiko dabei ist, damit muss man leben. Und als der, so schizophren es ist, als in der Formel 1-Rennsport jedes Jahr einen Toten oder Tote hatte, lebte dieser Sport.“ 

Es war der erste Advent des Jahres 1996, als ich in Rauris im Salzburger Land meine Dreharbeiten zu der ARD Dokumentation „Tödliche Pisten“ startete. Das war vor 21 Jahren.

Es war ein wolkenverhangener, kalter Nachmittag. Ich ging über dem Marktplatz zum Friedhof hinter der Kirche. Eine Kerze zwischen den Tannenzweigen machte den Namen auf dem Ehrengrab der Gemeinde lesbar, ihr Foto an dem Kreuz sichtbar.

„Ulli Maier“

Sie war 28 Jahre alt, als sie starb, am 29. Januar 1994 in Garmisch. Sie war nicht die erste Tote des Skiweltcups und auch nicht die letzte.

Ihre Familie war aber die erste, die erfolgreich den internationalen Skiverband verklagte. Dieser wiederum führte daraufhin noch im selben Jahr die sogenannte „Athletenerklärung“ ein. Freischein für den Skiverband. Der geistige Vater dieser Erklärung ist Gian-Franco Kasper, der Präsident des internationalen Skiverbandes FIS. So ein Funktionär vom Schlage Sepp Blatter von der FIFA.

Seit über 20 Jahren müssen alle Athletinnen und Athleten, die bei einem internationalen Skirennen, egal wo auf der Welt und in welcher Kategorie auch immer, starten wollen, eine Erklärung unterschreiben. Ansonsten dürfen sie nicht starten. Die Athleten übernehmen mit dieser Erklärung die Schuld auf sich, wenn sie sterben sollten. So auch David Poisson.

ATHLETENERKLÄRUNG Artikel 2:

athletenerklarung-fis_2015Ich bin mir in vollem Umfange der mit der Skirenntätigkeit verbundenen Risiken bewusst, ebenso der Gefahren der Geschwindigkeit und Schwerkraft, sei es im Training oder während eines Wettkampfes. Ich anerkenne, dass es Risiken gibt beim Versuch, Wettkampfresultate zu erreichen, was von mir verlangt, meine körperlichen Fähigkeiten voll anzuspannen. Ich weiß auch und akzeptiere, dass die Risikofaktoren Umweltbedingungen, technische Ausrüstung, atmosphärische Einflüsse und natürliche oder künstliche Hindernisse einschließen. Ich bin mir ferner bewusst, dass gewisse Bewegungen oder Handlungen nicht immer vorausgesehen oder kontrolliert und daher nicht vermieden oder durch Sicherheitsvorkehrungen verhindert werden können.

Entsprechend weiß und akzeptiere ich, dass dann, wenn ich mich an solchen Wettkampftätigkeiten beteilige, meine körperliche Unversehrtheit und in Extremfällen sogar mein Leben in Gefahr stehen können.

 

Wissen Sie, die Abfahrten wären innerhalb kürzester Zeit sicherer und kaum jemand müsste dann sterben, wenn das Fernsehen die Notbremse ziehen würde, wie das Fernsehen einst im Fall „Tour de France“ praktiziert hatte. So lange gedopt wird, übertragen wir die Tour nicht mehr, hiess es damals. Und die vielen Betrüger unter den Sportlern waren im Nu weg.

Das kann das Fernsehen auch im Bereich des Abfahrtslaufs machen. Wenn die Rennen nicht langsamer und nicht sicherer werden, übertragen wir sie nicht mehr. Und sofort hätten wir keine Leichen mehr auf den Pisten.

Das und noch mehr zeigte ich damals, 1997 in der Dokumentation „Tödliche Pisten“. Lob und bejahendes Kopfschütteln soweit ich blicken konnte. Nichts geschah konkretes. Anscheinend braucht das Land, wie eh und je, seine Gladiatoren im Zirkus, im Worldcup Zirkus.

 

 

 

DIE TOTEN der Skirennen

1930er-Jahre
1938: Giacinto Sertorelli stürzt in der Kandahar-Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen gegen einen Baum und erliegt am nächsten Tag seinen Verletzungen.
1950er-Jahre
1953: Der Italiener Ilio Colli prallt am 21. Februar in der Abfahrt von Madesimo gegen einen Baum und stirbt.
1959: John Semmelink aus Kanada stürzt am 7. Februar 1959 bei der Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen in der FIS-Schneise in ein ausgetrocknetes Bachbett und verstirbt an einer Fraktur des Schädels.
 1959: Am 7. März fährt der Österreicher Toni Mark beim Abfahrtslauf um den Goldenen Schild vom Wallberg in Rottach-Egern in eine Zuschauergruppe. Mark erliegt drei Tage später seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus, drei Zuschauer wurden verletzt.
1960er-Jahre
 1964: Ross Milne aus Australien verunglückt beim Training während der Olympischen Spiele am Patscherkofel tödlich.
 1965: Walter Mussner aus Italien ist das erste Todesopfer im Geschwindigkeitsskifahren. Er fährt in die Zeitmeßanlage und verunglückt bei einem Rennen in Cervinia tödlich.
 1969: Silvia Suter aus der Schweiz prallt bei einem Rennen in Sportinia, Sauze d’Oulx, im Zielauslauf in eine Absperrung.
1970er-Jahre
1970: Bei einem Sturz in der Weltcup-Abfahrt in Megève erleidet der Franzose Michel Bozon einen Genickbruch und stirbt.
1972: Während der Abfahrt zu den Universitätsmeisterschaften in Winter Park kollidiert David Noelle aus den USA mit einem Baum.
 1972: Arthur Gobber aus Österreich verstirbt in der Abfahrt der österreichischen Junioren- Meisterschaften in Schladming.
 1973: Sverre Rasmusbakke aus Norwegen verunglückt in seinem Heimatland bei einem Riesenslalom.
 1974: Der Schweizer Jean-Marc Béguelin stirbt bei einem Hochgeschwindigkeitsrennen in Cervinia.
 1975: Michel Dujon aus Frankreich zieht sich im Training in Val-d’Isère bei der Kollision mit einem Skilift-Mast tödliche Verletzungen zu.
 1975: Der 16-jährige Markku Vuopala aus Finnland stirbt beim Zusammenstoß mit einem Baum nach der Zieldurchfahrt im Abfahrtslauf der Junioren-Europameisterschaft in Zell am Ziller.
 1979: Leonardo David aus Italien verunglückt in Lake Placid bei der vorolympischen Abfahrt. Er stirbt an den Kopfverletzungen nach sechsjährigem Koma im Jahre 1985.
 1979: Die 16-jährige Finnin Sara Mustonen stirbt nach einem Sturz in eine Gletscherspalte beim Training am Hintertuxer Gletscher.
1980er-Jahre
 1982: Der 16-jährige Ebinger Uwe Piske kollidiert beim Einfahren zum Abfahrtslauf der deutschen Meisterschaften ohne Sturzhelm 200 Meter abseits der Rennstrecke in Bolsterlang mit einem Baum.
 1984: Sepp Walcher aus Österreich, Abfahrtsweltmeister von 1978, stirbt nach einem Sturz während einer Abfahrt in Rohrmoos an Schädelverletzungen.
1990er-Jahre
 1991: Gernot Reinstadler aus Österreich stirbt nach einem Sturz im Zielhang der Qualifikations-Abfahrt im Weltcup in Wengen an inneren Verletzungen.
 1992: Der Schweizer Nicolas Bochatay stirbt, als er während des Aufwärmens zum Geschwindigkeitsskifahren der Olympischen Winterspiele 1992 mit einer Pistenraupe zusammenprallt.
1992: Peter Wirnsberger II aus Österreich prallt beim freien Skifahren nach den Salzburger Landesmeisterschaften gegen einen Holzzaun und stirbt wenig später.
1994: Ulrike Maier stürzt bei der Kandahar-Abfahrt Garmisch und kollidiert mit einer Zeitmessvorrichtung. Dabei erleidet sie einen tödlichen Genickbruch.
1996: Kirsteen McGibbon aus Großbritannien stirbt an Kopf- sowie inneren Verletzungen nach dem Sturz bei einer Abfahrt in Altenmarkt-Zauchensee.
2000er-Jahre
2001: Die französische Super-G-Weltmeisterin Régine Cavagnoud kollidiert bei der Abfahrt am Pitztaler Gletscher mit dem deutschen Nachwuchstrainer Markus Anwander und stirbt zwei Tage später in einem Innsbrucker Krankenhaus. Anwander überlebt.
2002: Der Schweizer Werner Elmer stirbt 20-jährig beim Zusammenstoß mit einem Streckenposten in Verbier.
2004: Die 17-jährige US-Amerikanerin Shelley Glover erleidet bei einem Trainingssturz schwere Kopfverletzungen und stirbt drei Tage später.
2008: Der Schweizer Ursin Schmed stirbt 18-jährig bei einem Unfall im Kaunertal.
2010er-Jahre
2012: Die 18-jährige türkische Skirennläuferin Asli Nemutlu erlitt im Skigebiet der Provinz Erzurum bei einem Sturz im Training für die türkischen Jugendmeisterschaften einen Genickbruch, nachdem sich ein Ski gelöst hatte.
2012: Die kanadische Freestyle-Skierin und ehemalige Halfpipe-Weltmeisterin Sarah Burke starb neun Tage nach einem Trainingssturz in der Superpipe von Park City.
2012: Der kanadische Freestyle-Skier Nick Zoricic stürzte beim Zielsprung des Skicross- Weltcup in Grindelwald und erlag kurz darauf einem schweren Schädel-Hirntrauma.
2017: Der 35-jährige französische Skirennläufer David Poisson durchschlug im kanadischen Nakiska nach einem Sturz im Training zur Vorbereitung auf die alpinen Weltcuprennen in Lake Louise die Sicherheitsnetze und prallte gegen einen Baum.

 

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