WAS SAGT MIR DIESES BILD?

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Dieses Bild ist irgendwann in dieser Woche in Rakka aufgenommen. Nach der Eroberung der ehemaligen „Hauptstadt“ des Islamischen Staates im Norden Syriens.

Es ist ein Truppenphoto der Sieger, in diesem Fall sogar der Siegerinnen, der Fraueneinheiten der PKK, die massgeblich mit Unterstützung der USA Rakka vom IS befreit haben. Rakka ist nicht so eine unbedeutende arabische Stadt, sondern mit einst 200.000 Bewohnern ist sie der Mittelpunkt des einstigen Ölgebietes Syriens. Jahrelang hat der IS von hier aus das Erdöl mit Hilfe der Familie Erdogan in die ganze Welt exportiert und mit Milliarden aus diesem Erdölgeschäft weltweit den islamistischen Terror finanziert.

Es ist ein Truppenphoto der Siegerinnen, und im Hintergrund das Bild ihres Vorsitzenden Abdullah Öcalan, des Vorsitzenden der PKK. Öcalan sitzt seit Jahren auf einer türkischen Gefängnisinsel unweit von Istanbul. Daher macht dieses Photo Erdogan, seine Lakaien, und große Teil der türkischen Presse wahnsinnig.

Dieses Bild zeigt mir nicht nur die Freude der Kurdinnen im Norden Syriens, der PKK Kämpferinnen, sondern es zeigt mir auch wie gespalten die Kurden sind. Denn fast zum gleichen Zeitpunkt, als dieses Photo gemacht wurde, marschierten iranische Revolutionsgarden und irakische Armee in die seit 2014 kurdische verwaltete Stadt Kirkuk ein und nahmen dann innerhalb von wenigen Stunden 40% des vom Präsidenten der kurdischen Autonomieregion, Masud Barzani, beanspruchten „kurdischen“ Gebiets ein, mit über die Hälfte der nordirakischen Ölfelder, mit Raffinerien, und mit Militärstützpunkten. Und es fiel kein Schuss seitens der Kurden. Kein Widerstand. Die kurdischen Peshmergas flüchteten, so wie sie sich vor wenigen Jahren in Sinjar vor dem IS fürchteten und die dort lebenden Ezidis dem barbarischen Terror des IS aushändigten.

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Die grün gestrichenen Flächen verlor die kurdische Autonomieregion

Jetzt schreien die „kurdischen Patrioten“ in Deutschland und anderswo auf: „Der Westen hat die Kurden im Stich gelassen!“

Nein!

Der kurdische Führer, Masud Barzani wollte mit den Anhängern seiner eigenen Partei (PDK)  den eigenen Staat gründen und ist dabei trotz Warnungen kläglich gescheitert.

In den Augen der Frauen sehe ich die Freude der PKK über den Sieg in Rakka. Die Niederlage der Kurden in Nordirak scheinen diese Damen kaum zu interessieren.

Volksabstimmung hin, Volksabstimmung her, der kurdische Staat, der da gegründet werden sollte, wäre höchstens ein „kurdisches Fürstentum des Clans Barzani“ geworden, mit Sicherheit nicht mehr. So dachten die meisten Kurden in Irak, in der Türkei und im Iran, als der Präsident der Autonomieregion, Batzani,  in diesem Frühjahr ankündigte, dass er die Kurden in der Region über die Gründung eines kurdischen Staates abstimmen lassen wolle. Bestimmt diese Frauen im Bild haben ihn auch nicht ernst genommen, denn es war den meisten Kurden in der Region klar, dieser neue Staat würde alles andere als eine Demokratie. Und die Mehrheit der Kurden in Irak, in der Türkei und in Iran halten mehr als wenig von Masud Barzani und seiner Partei KDP.

Diese Frauen im Bild wissen, dass in der kurdischen Autonomieregion Barzanis schon seit fast 4 Jahren das Parlament nicht mehr getagt hat, praktisch geschlossen ist, Wahlen schon lange nicht mehr abgehalten werden, die Opposition ausser Landes flüchten musste, um zu überleben, der Parlamentspräsident Einreiseverbot in die kurdische Autonomieregion hat usw., usw.  Und vor allem der Präsident, der jetzt einen kurdischen Staat gründen will, durfte nach der eigenen Verfassung der Autonomieregion gar nicht im Amt sein.

Masud Barzani

Am 13. Juni 2005 wurde Barzani im kurdischen Parlament mit großer Mehrheit für vier Jahre zum Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im irakischen Staatsverband gewählt, – so lautet der offizielle Name der kurdischen Autonomieregion im Nordosten Iraks. Im Juli 2009 wurde er durch eine Direktwahl mit einer Mehrheit von knapp 70 Prozent im Amt bestätigt. Die kurdische Regionalverfassung sieht für den Präsidenten nur zwei Amtszeiten vor. Barzanis Amtszeit wurde 2013 jedoch durch das Parlament nochmals um zwei Jahre verlängert. Damit endete seine Präsidentschaft im August 2015. Gleichwohl übt er das Amt auch 2017 im mittlerweile zwölften Jahr weiterhin aus, denn es gibt kein funktionierendes Parlament in der Autonomieregion.

Seit Jahren fordern alle kurdischen Parteien ausserhalb der Autonomieregion einen „Kurdischen Nationalen Kongress“ ein, um die Gründung eines kurdischen Staates vorzubereiten. Zuletzt warnte Barzani vor diesem übereilten Referendum der inhaftierte Vorsitzende der türkischen prokurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas. Auch er forderte einen nationalen Kongress der Kurden aus allen Regionen und von allen politischen Parteien. Er forderte dann eine demokratische Verfassung, demokratische Wahlen und ein funktionierendes Parlament als Voraussetzung für einen einen kurdischen Staat in Zukunft. (Vgl. Schreiben von Demirtas vom 17.9.2017)

Wer in der kurdischen Autonomieregion mal geschäftlich unterwegs war, kennt es. Als Journalist, brauchen Sie z.B. in Erbil einen Begleiter, der Barzanis KDP nahe steht, in der anderen größeren Stadt Suleimanija brauchen Sie einen Begleiter der PUK, aus der Partei, des vor kurzem verstorbenen Kurdenführers und ehemaligen irakischen Präsidenten Talabani. Sollten Sie etwa in die Grenzregionen zu Syrien, Türkei und Iran fahren, sind Sie schon im PKK Land, deren Zentrale sich im Cudi Massiv im Nordosten der kurdischen Autonomieregion befindet.

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Dschalal Talabani

Sein Leben lang kämpfte Dschalal Talabani auch für die Rechte der Kurden, doch die Unabhängigkeit von Irakisch-Kurdistan lehnte er grundsätzlich ab. In einem geeinten Irak würde es den Kurden besser gehen, glaubte er. Dschalal Talabani gehörte zu einem der beiden einflussreichsten Clans (die andere ist der Barzani Clan)  der irakischen Kurden. Er gründete die Patriotische Union Kurdistans und war der größte Rivale des Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, Masoud Barzani. In den 1990er Jahren gab es regelrechte bewaffnete und blutige Auseinandersetzungen zwischen den Peshmergas der Clanführer Talabani und Barzani.  Nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein wurde Talabani im Jahr 2005 zum ersten nicht arabischen Präsidenten Iraks gewählt. Der studierte Jurist  Dschalal Talabani starb am 3. Oktober in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls.

Die beiden kurdischen Clans Barzani und Talabani hatten zwar 1999 untereinander ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen, aber die Existenz zweier voneinander unabhängigen Peshmerga-Armeen ging weiter. Und beide haben jedes Vertrauen in der Bevölkerung jetzt weitgehend verloren. Die KDP Barzanis schon 2014, als seine 7000 Peshmerga sich aus dem Sincar Gebirge zurückzogen, und die Ezidis dem Terror des IS überließen und die PUK, die Partei Talabanis und seine Peshmergas, weil sie einen Deal mit der Zentralregierung in Bagdad gemacht und sich vergangene Woche kampflos aus Kirkuk zurückgezogen haben, aus dem „kurdischen Jerusalem“, das bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen sich die Kurden stets geschworen hatten.

Diese Frauen auf dem Photo aus Rakka wissen es bestimmt, dass ein unabhängiger Staat Kurdistan nur aus dem Konsens der Kurden in Irak, in Iran und aus der Türkei hervorgehen kann. Die Voraussetzung dazu ist ein demokratisch legitimierter Nationalkongress der Kurden und nicht eilig zusammengeschusterte Volksabstimmungen kurdischer Fürsten.

Und diese Frauen haben heute die Ölfelder im Süden von Rakka vom IS befreit.

 

 

 

 

 

 

 

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