Pressefreiheit JA! Meinungsfreiheit NEIN!

Ich fühle mich beleidigt, ja ich fühle mich verarscht.

Nicht etwa von Erdogan&Co., sondern von den Kollegen der Tageszeitung Cumhuriyet und von Kolleginnen und Kollegen der Tageszeitung Hürriyet.

Gestern wurden in der Türkei zwei Journalisten, zwei bekannte Kolumnisten, fristlos entlassen.

Fangen wir mit dem Kollegen Akif Beki an. Das ist der Herr auf der linken Seite des Titelbildes. Er war mal einst der Hauptberater von Erdogan, entfernte sich politisch von ihm, und vor allen Dingen kritisierte er den allmächtigen Präsidenten, in seinen Kolumnen in der türkischen Zeitung Hürriyet. Akif Beki wurde gestern entlassen. Jeder weiß es, dass hinter dieser Entlassung zwei Personen stecken: Der Staatspräsident Erdogan und der Pressemogul Aydin Dogan, der Besitzer u.a. von der Tageszeitung Hürriyet.

Ja, ja, die große Dogan Gruppe unterstützt auch mit nicht unerheblichen Anteilen der Springer Presse. Ja, ja, Aydin Dogan der Verfechter einer „unabhängigen Presse“ in der Türkei und noch dazu, u.a. deswegen „geadelt“ mit dem Bundesverdienstkreuz.  Aber ein Wunsch des großen Präsidenten Erdogan gilt für Aydin Dogan als ein Befehl. Ein kritischer Journalist wird einfach entlassen. Eine Sorge weniger. Außerdem habe ja das Ganze nichts zu tun mit der Pressefreiheit. Herr Akif Beki kann ja seine Meinung in jeder anderen Tageszeitung  kund tun. Mit anderen Worten Pressefreiheit ja! Meinungsfreiheit Nein! Und was sagen die vielen „kritischen“ Kolleginnen und Kollegen in Hürriyet zu dieser Entlassung? Nichts! Es wurde ihnen von oben mitgeteilt, sagen sie mir am Telefon: Keine Meinungsäußerungen zu der fristlosen Kündigung von Akif Beki.

Die zweite Kollegin, die auch gestern entlassen wurde ist die Dame auf dem Titelbild rechts: Nuray Mert. Sie hatte 2x in der Woche eine Kolumne in der Tageszeitung Cumhuriyet. Die kritische, von der Regierung unterdrückte Tageszeitung. Die Tageszeitung, deren ehemaliger Chefredakteur ins Ausland flüchtete, weil er in der Türkei wegen seiner Artikel mit Knast bedroht wurde. Die Tageszeitung Cumhuriyet, deren Kolumnisten und Redakteure noch immer in Haft sind.

Die Kollegin Nuray Mert hatte gewagt, sagen wir mal etwas „quer“ zu denken, sie hatte versucht, das in Schablonen festgelegte „Denken“ der Cumhuriyet zu „überdenken“. Frau Mert und ihre Artikel kenne ich schon seit Jahren. Seit 20, 25 Jahren. Damals hatte sie geschrieben, dass das Kopftuch nicht das Grundproblem der türkischen Gesellschaft sei. Mit dieser Meinung damals, fand sie keine Zeitung, die diese Meinung veröffentlichte. Abgesehen natürlich von den islamistischen Blättern, aber die hassten Nuray sowieso, denn Nuray hält nichts vom Islam.

Sie war immer anders als die anderen, die man in die Schablonen nach links und rechts einordnen konnte. Für sie hat man nie eine Schablone gefunden. Das ist auch gut so.

Und jetzt? Sie hat in kurzen Abständen in ihrer Kolumne zwei Fragen aufgestellt. Zum einen meinte sie, es störe sie nicht, wenn Imame demnächst als Standesbeamte tätig werden, denn sie müssten sich auch an die geltenden Gesetze halten. Zumindest sollte man in diesem neuen Gesetz nicht das Ende des Laizismus sehen. Und sie hat in einer anderen Kolumne geschrieben, dass die Evolutionstheorie von Darwin, eben halt nur eine Theorie ist und die Beweisführung ihrer Meinung noch fehlt.

„Diese Meinungsäußerungen von Frau Mert widersprechen den laizistischen und kemalistischen Idealen der  Cumhuriyet“, teilte der leitende Herausgeber der Cumhuriyet der Öffentlichkeit mit. Sie wurde entlassen. Sie wurde entlassen auch mit einstimmiger Zustimmung der Kollegen, die wegen ihrer journalistischen Tätigkeit derzeit im Knast sitzen. Die Kollegen für deren Freiheit ich mich seit Monaten einsetze, aber die anscheinend keine andere Meinung tolerieren können.

Versteht ihr, weswegen ich mich verarscht fühle?

 

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