Die vielen Feinde Erdogans

Wir Türken haben ein großes Problem. Vielleicht haben auch andere Nationen, andere Völker auch so ein ähnliches Problem, aber unser Problem ist wirklich groß. Vermutlich durch einen Gen- oder Erziehungsschaden bedingt, glauben wir Türken, dass bei allem was mit uns und um uns geschieht, immer die anderen Schuld sind, und nie wir selbst.

Das Wetter ist zu warm, dann neigen wir in Istanbul zu behaupten, daran seien die Russen Schuld, denn sie würden ihre Chemikalien in die Flüsse einleiten und dadurch würde das Schwarze Meer immer wärmer werden, und somit auch Istanbul. Oder es ist zu kalt, wir Istanbul trösten uns damit, das sei bedingt durch den Klimawandel, den die Industrie im Westen verursacht. Kein Mensch in Istanbul sagt, wir sollten vielleicht etwas weniger CO2 produzieren oder wir sollten nicht alle Abwasser in den Bosporus leiten. Kurz: Alle anderen tragen die Schul an unserem täglichen Untergang, wir selber natürlich nicht. Oder wie sagte ein General in den 80er Jahren, der damals gerade geputscht hatte, ein Türke kann nur einen Türken zum Freund haben. Also der Rest der Welt sind unsere Feinde.

Oder zu meiner Jugend war es üblich, dass hinter jedem Übel in der Türkei der „amerikanische Imperialismus“ steckte. Das sagten meist die Nationalisten und die Linke, denn die Islamisten haben damals USA geliebt. Jetzt, wo es in der Türkei nur noch wenige Nationalisten und kaum noch Linke gibt, entdecken die Islamisten den größten „ideellen Gesamtfeind“: die USA. Die Islamisten benutzen den Ausdruck Imperialismus nicht, weil sie selber von einem imperialen Staat träumen. Aber sie kennen auch das Wort „Eigenkritik“ nicht. Also der „türkische Genschaden“ pflanzt sich unter den Islamisten fort.

Eben startete Erdogan die große Aufklärungskampagne zu der Militärmaskerade am 15. Juil 2017. Über die Presse natürlich, über die ihm bedingungslos loyalen Kolumnisten.

Diesmal bedient Erdogan neben der eigenen Presse auch noch die so in manchen Köpfen als „unabhängig“ geltenden Medien des Pressemoguls Aydin Dogan. Also namentlich die Tageszeitungen Hürriyet und Posta, sowie die Fernsehsehsender CNN und Kanal D.

So schreibt der Chefredakteur der Hürriyet heute, dass der türkische Geheimdienst MIT schon 2004 über die sehr „intensiven“ Beziehungen zwischen Gülen und USA der türkischen Regierung berichtet hätte. Als Beleg, als einzigen Beleg, wird in diesem Bericht nur erwähnt, dass die Angehörigen der Gülen Sekte schon damals ohne Probleme in die USA einreisen und nach Pennsylvania zu Gülen fahren konnten. (Das ist kein Witz) 

Ausserdem wird erwähnt, -auch wieder ohne eine Quelle zu nennen-, dieser Umstand würden die Russen nicht so gern sehen. Ach… Und?

Eigentlich wäre das keine Meldung, über die man gerade als Chefredakteur eine Kolumne schreiben müsste. Aber wenn der Chef des Chefredakteurs nicht Aydin Dogan, sondern seit einigen Jahren schon, Tayyip Erdogan heisst, dann ist diese Kolumne anders zu bewerten.

Zum Generalangriff gegen die USA und CIA bläst auch ein anderer Kolumnist in der gleichen Ausgabe Hürriyet von heute: Abdülkadir Selvi heißt er. Er schreibt nur, wenn Erdogan ihn persönlich darum bittet, und natürlich auch ihm fast diktiert, was er zu schreiben hat. Selvi ist ein Teil des Deals zwischen Aydin Dogan und Tayyip Erdogan. Dogan nimmt Selvi in die Hürriyet auf, dafür toleriert Erdogan die Ausrutscher der Hürriyet in der Vergangenheit.

Hier muss ich für meine deutschen Leserinnen und Leser einen kurzen Einschub zur Info machen. Schon wenige Stunden nach der Putschmaskerade war der

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Adil Öksüz nach seiner Verhaftung am 16.7.2016

Drahtzieher schon bekannt. Die Schlüsselfigur des Putsches heisst: Adil Öksüz. Ein Dozent der islamischen Theologie, natürlich ein wichtiger Imam in der Bewegung Gülen, hauptverantwortlich für die Strukturen in der Armee, usw., usw.  Adil Öksüz wurde am 16.7.2016 in der Früh unweit von einem Stützpunkt der Luftwaffe in Ankara festgenommen. Er wurde einem Richter vorgeführt und dann von diesem Richter frei gelassen. Seitdem ist Öksüz verschwunden, nichts mehr von ihm gehört, kein Mensch weiß, wo er ist. Es gibt viele, die sogar glauben, dass Adil Öksüz schon lange tot ist, damit er endgültig schweigt, über den Putsch nicht mehr erzählen kann. Auch die Gülen Sekte erwähnt diesen Namen nicht, tut so, als würden sie den Namen Öksüz nicht kennen.  

Heute decken Selvi und einige andere aus den Regierungszeitungen auf:

Es gäbe zwei Szenarien zu der Flucht von Adil Öksüz ins Ausland.  Die eine Theorie besagt, dass er über dem Hafen Mersin ins Ausland gebracht wurde. (Mersin liegt ganz im Süden der Türkei – unweit von Syrien) Oder er flog mit Hilfe der USA über dem NATO Militärstützpunkt Incirlik ins Ausland.

Beweise, Hinweisgeber, Zeugen, Dokumente? Nichts in den fast gleich lautenden Kolumnen.

Welcher dieser Theorien stimmen soll? Dazu nichts in den Gazetten.

Da spätestens, fragt man, was ist die Quelle dieser Hofjournalisten? Die Quelle ist zwar Erdogan, aber er macht es nie direkt. Er spielt immer über die Bande, damit der Schein der Seriosität gewahrt bleibt, Das gelingt ihm selten, auch dieses Mal nicht.

Die Quelle ist einer namens Irfan Fidan. Nein, er ist nicht verwandt oder verschwägert mit dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan. Dieser Irfan ist der Oberstaatsanwalt von Istanbul und ist zuständig für alle politischen Verfahren im Zusammenhang mit FETÖ. dazu zählen natürlich auch die Verfahren gegen die vielen Journalisten, denn denen wird auch u.a. die Unterstützung der DETÖ vorgeworfen.

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Der Schuldige des Verrats bei der Durchsuchung der MIT LKWs sei Gülen, schreibt eine regierungsnahe Zeitung. Zwei seiner Imame hätten nach der Durchsuchung mehrfach die US-Botschaft und das US Konsulat angerufen, insgesamt 8 Minuten 41 Sekunden lang. 

Irfan Fidan schreibt, was ihm die Anwälte von Erdogan vorschreiben, denn in allen sogenannten FETÖ Verfahren ist ein einziger Nebenkläger zugelassen. Er heißt Recep Tayyip Erdogan. Der Präsident sieht sich „geschädigt“ durch die eigens kontrollierte Putschmaskerade und schickt daher zu jedem Verfahren ein halbes Dutzend Rechtsanwälte, die ihn vertreten. Und Erdogans Anwälte bekommen, ich kenne die dazu gehörige Vorschrift nicht, vor jeder Anklageerhebung, den Entwurf der Anklageschrift des Oberstaatsanwaltes Irfan Fidan  zu lesen, um diese dann mit ihrem Mandanten abzustimmen, bzw. um -falls nötig- „Änderungsvorschläge“ zu machen.

Und dieser Irfan Fidan, der oberste Oberstaatsanwalt in Istanbul, schreibt derzeit die Anklageschrift zu der Durchsuchung der geheimen Waffentransporte des türkischen Geheimdienstes durch die türkische Gendarmerie. Nicht etwa der türkische Geheimdienst MIT, der Waffen und Munition an IS geliefert hat, wird angeklagt, sondern die Einheit der Gendarmerie und einige Staatsanwälte, die diesen Transport gestoppt und durchsucht hatten.

Ja, es ist ein Teil dieses Gesamtverfahrens, weswegen Can Dündar im Ausland lebt und vor drei Wochen ein Abgeordnete zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, und deswegen jetzt sein Partievorsitzender mit 10.000 anderen zu einem langen Marsch von Ankara nach Istanbul angetreten ist.

Und diesem Zusammenhang, obwohl es ein Geheimverfahren ist, erklärte Irfan,  dass er festgestellt habe, dass  nach dem Fund der Waffen, einige Imame der FETÖ mit der US-Botschaft und mit dem US-Konsulat telefoniert haben. Irfan, so erzählte er weiter, habe jetzt die US Amerikaner angeschrieben, die mögen bitte unverzüglich die Inhalte dieser Gespräche der Staatsanwaltschaft mitteilen.

Wer hat da mit wem, wann, telefoniert? Das weiß auch bestimmt Irfan auch nicht. Er kennt nicht mal die Namen, denn unter seinen Angeklagten sollen sich diese telefonierenden Imame nicht befinden. Wisst ihr was, ich glaube, er hat weder dem Konsulat noch der Botschaft geschrieben, er macht nur auf Anweisung seines Führers Stimmung gegen wen auch immer. Irfan weiß, wo der ideale Gesamtfeind ist.

Was ist der Grund dieser Hetze Erdogans auf Amerika? Seit Tagen marschieren seine Kettenhunde zu den ausländischen Korrespondenten in der Türkei mit dieser Theorie des „CIA Putsches“, letztes Jahr am 15.7.2016. Die Korrespondenten mögen bitte im Ausland schreiben, dass die USA, der amerikanische Imperialismus hinter dem Putschversuch am 15.7.2016 stecken.

Erdogan merkt, dass er sich schnell, zu schnell, zur persona non grata avanciert. Seine einstigen politischen Verbündeten entschwinden fast täglich. In der islamischen Welt ist er mehr als isoliert, denn die arabischen Verbündete haben ihm die Freundschaft gekündigt. Ausser Katar hält kein arabisches Land mehr zu ihm. Und in der Islamischen Welt? Da entdeckt die Türkei, dass außer Iran niemand mehr auf ihrer Seite ist. Dabei hasst der Sunnit Tayyip die schiitischen Mollahs.

In Syrien und Irak haben die Amis Erdogan einfach sitzen lassen, die Russen übrigens auch. Am vergangenen Wochenende wollte er seine Soldateska in Afrin, der einzigen kurdischen Enklave westlich des Euphrats, aufmarschieren lassen. Da haben Trump und Putin ihn angerufen und vermutlich ihm geraten, von diesem Plan abzurücken. Aus dem Schloss in Ankara kam lediglich die Meldung Erdogan habe mit den beiden Präsidenten sich freundschaftlich unterhalten.

Und jetzt spürt die Türkei auch die wirtschaftlichen Folgen der verfehlten Politik Erdogans. Katar kann mit türkischen Waren nicht mehr beliefert werden, es sei denn nur per Flugzeug. Und sowas ist auf Dauer nicht rentabel und auch nicht machbar, Pfirsiche, Wassermelonen, Tomaten und Gurken per Flugzeug über Umwegen nach Katar zu fliegen. Der neue Lieferant Katars für Frischwaren heißt jetzt Iran.

Alle anderen arabischen Staaten haben ihre Handelsbeziehungen zur Türkei abgebrochen, ihre mittel- und langfristigen Bestellungen annulliert. Die Katar Krise hat die Türkei mehr getroffen, als Katar selbst.

Und innenpolitisch. Der Oppositionsführer im türkischen Parlament marschiert Tag für Tag mit 10.000 anderen gen Istanbul, für mehr Gerechtigkeit.  Tayyip weiß, das er keine Mehrheit mehr hat, wenn am nächsten Sonntag gewählt werden sollte. Deshalb wird er im Ausnahmezustand und mit selbst formulierten Dekreten bis Mitte 2019 weiter regieren wollen. Wird er es schaffen? Ich glaube nicht, zumal er wieder seit Tagen in einem Krankenzimmer entschwunden ist – Chemotherapie oder eine andere Therapie?

 

 

 

 

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