Erdogan der Verschwörungstheoretiker

Gegen Ende seines politischen Schaffens verstrickt sich jeder Diktator unweigerlich in Verschwörungstheorien, denen er auch in den meisten Fällen auch noch selber glaubt. So auch Erdogan.

Vor kurzem liess er seinen Geheimdienstchef einen ausführlichen Bericht über die Machenschaften der Gülen Bewegung verfassen. Dieser Bericht landete schließlich bei dem Untersuchungsausschuss des türkischen Parlaments zu der Putschmaskerade am 15.7.2016. Obwohl der ganze Bericht mit dem Hinweis „GEHEIM“ versehen ist, wies Erdogan den Vorsitzenden des Ausschusses an, den Bericht sofort ins Internet zu setzen. Damit jeder lesen kann, wie u.a. die ausländischen Mächte bzw. ausländische Geheimdienste durch Unterstützung der Gülen Bewegung (FETÖ) in diesen Putsch verwickelt sind.

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Die erste Seite des Berichtes des türkischen Geheimdienstes an das türkische Parlament
Der türkische Geheimdienst nennt die folgenden „Fakten“als „Beweis“, dass hinter FETÖ ausländische Geheimdienste und Staaten stehen: Wenn FETÖ auf der gesamten Welt mit so vielen eigenen Institutionen agieren und so viele finanzielle Mittel generieren kann, um einen Putsch in der Türkei zu organisieren, dann kann dies nur mit Unterstützung fremder Staaten und Geheimdiensten geschehen, denn sonst wären diese  immensen Aktivitäten der FETÖ den Geheimdiensten schon lange auffallen müssen. (S.26 des Berichts)

Diesen Beweisen fehlen eigentlich schon mal die Logik, denn FETÖ war, wie uns von inländischen und ausländischen Medien täglich erzählt wird, am besten in der Türkei organisiert. Und wo war der türkische Geheimdienst, als FETÖ in der Türkei jahrelang sich finanziell und politisch zu einem Imperium entwickelte, und den türkischen Staat unterwanderte? Waren das auch ausländische Geheimdienste?

An erster Stelle der Geheimdienste, die FETÖ unterstützt haben sollen, stehen erwartungsgemäß MOSSAD bzw. der Staat Israel. Auch so eine Wahnvorstellung von Erdogan, wie einst auch sein Prophet Mohammed, der auch hinter jedem Übel die Juden sah.

Der türkische Geheimdienst rückt die Gülen Bewegung in die unmittelbar Nähe des israelischen Staates, weil FETÖ durch seine terroristischen Aktivitäten Israel unterstützte. Zum Beispiel als das von Islamisten organisierte Versorgungsschiff „Güzel Marmara“ von der israelischen Marine auf unerlaubter Fahrt nach Gaza gestoppt wurde,  habe Gülen Verständnis für die Haltung der Israelis gezeigt. Was für ein Beweis?

Oder als die in den vergangenen Tagen viel erwähnten LKWs des türkischen Geheimdienstes MIT mit Munition für IS von der türkischen Staatsanwaltschaft angehalten wurden, oder als Inhalte der Verhandlungen zwischen Erdogans Regierung und der PKK in Oslo durch FETÖ Mitglieder an die Presse weitergeleitet wurden,  oder als das Büro Erdogans abgehört wurde, oder als in Uludere die türkische Luftwaffe kurdische Zivilisten bombardierte, die Waren über die Grenze einschmuggelten, oder als am 17. und 25. Dezember 2013 Staatsanwälte die finanziellen Machenschaften Erdogans und seiner Minister aufdeckten. da hatte überall neben FETÖ der israelische Geheimdienst MOSSAD seine Finger am Abzug.

Aber natürlich ist die CIA auch dabei beim Putschversuch gegen Erdogan. Immerhin habe Gülen seine Aufenthaltserlaubnis durch Garantieschreiben von ehemaligen CIA Mitarbeitern  bekommen. Als besonders verdächtig gilt der ehemalige stellvertretende CIA Direktor für den Nahen Osten Graham Fuller, auch im Bericht namentlich genannt. Dabei ist Fuller spätestens seit 1988 nicht mehr bei der CIA.

Graham Fuller habe vor 11 Jahren ein Empfehlungsschreiben für Gülen verfasst, damit er in den USA bleibt. Das stimmt. Damit allein ist für den türkischen Geheimdienst die Zusammenarbeit mit CIA „bewiesen“. Das der ehemalige türkische Ministerpräsident Yildirim Akbulut, der persönliche Assistent des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Turgut Özal, Emin Baser, der AKP Kultusminister und Abgeordnete Mehmet Saglam, und auch der türkische Botschafter in Washington in diesem Zusammenhang ähnliche Empfehlungsschreiben für Gülen verfasst hatten, vergisst der türkische Geheimdienst MIT wissentlich. MIT erwähnt in seinem Bericht auch nicht die enge Zusammenarbeit zwischen Erdogan und Gülen. Besonders 2006 hatten die beiden jeden politischen Schritt untereinander abgestimmt.

Das muss man sich noch mal rekapitulieren:

Erdogans Geheimdienst beschuldigt Israel und USA, ohne jeglichen Beweis, nur durch konstruierte Mutmaßungen bezüglich einer öffentlichen Anhörung zu Gülen vor einem Gericht in Pennsylvania im Jahr 2006. Und dann folgert der türkische Geheimdienst daraus, dass eben diese Geheimdienste deswegen auch an dem Putschversuch am 15.7.16  beteiligt sein müssen. Der passende theoretische Verschwörungshintergrund für Erdogans Putschmaskerade, verfasst von seinem Geheimdienstchef Hakan Fidan.

Das ist aber doch nicht alles. Natürlich agierte auch nach dem Bericht der Bundesnachrichtendienst BND im Hintergrund gegen Erdogan. Im

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Passage im MIT Bericht zu BND
Gegensatz zu MOSSAD und CIA wird in dem Schreiben des türkischen Geheimdienstes an das türkische Parlament die Beteiligung des BND „konkretisiert“: der stellv. Vorsitzende der Journalisten und Autoren Stiftung, Cemal Usak, der kurz nach der Putschmaskerade starb, soll am 15.1.2014 den Agenten des BND aus dem Deutschen Konsulat in Istanbul seine Einschätzungen zu den damals publik gewordenen Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien bzw. zu den Ermittlungen der türkischen Staatsanwaltschaft gegen vier Ministern wegen Korruption mitgeteilt haben (Seite 28).

Der türkische Geheimdienst sieht Cemal Usak als den „Pressesprecher“ der Gülen Bewegung in der Türkei und konstruiert daraus eine Unterstützung der Gülen Bewegung durch den BND auch während des Putschversuches. Dabei soll dieses Gespräch 2,5 Jahre vor der Putschmaskerade stattgefunden haben.

Erdogan wittert derzeit ein Komplott gegen sich, verursacht durch die ausländischen Dienste, wie vor einem Jahr bei der Putschmaskerade. Er hört jetzt täglich nicht nur aus dem Ausland,sonderns auch inzwischen von der heimischen Opposition und sogar von eigenen Weggefährten, dass es am 15.Juli kein richtiger Putschversuch war, sondern höchstens ein von Erdogan und seinem Geheimdienst kontrollierter Putschversuch, der dazu diesen sollte, das Parlament weitgehend aus der Politik auszuschalten. So ist es auch gekommen.

Erdogan sucht jetzt den Schutz der Presse. Er verlangt von der Presse, auch von den ausländischen Journalisten in der Türkei, dass diese die ausländischen Dienste als die Drahtzieher des Putschversuchs vor einem Jahr darstellen.

 

 

 

 

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