Die glorreiche türkische Presse – von Erdogan vertrimmt

Langsam kann ich es nicht mehr hören:

„Die türkische Presse wird unterdrückt, überall herrscht Zensur, Journalisten landen im Knast, wenn sie was kritisches schreiben.“

Ja, das stimmt alles, gilt aber nur für wenige Journalisten, die im Knast sitzen oder ins Ausland geflüchtet sind.

Die überwiegende Mehrheit der Presse in der Türkei hat sich mit dem Tyrannen prächtig arrangiert. Wenn der Tyrann sie ruft, dann rennen sie zu ihm. Sie könnten auch NEIN sagen. Könnten, tun aber nicht, denn dazu gehört Mut, und vor allen Dingen eine demokratische Grundhaltung mit einer Prise journalistischer Ehre. Diese Eigenschaften haben derzeit ganz wenige in der Türkei. Und seien wir ehrlich, diese Eigenschaften hatten sie in der Regel auch nicht früher, auch nicht vor Erdogan. Sie haben sich immer mit jedem Politiker, der an der Macht war, arrangiert. In einem Land, wo der Wert eines Journalisten nur daran taxiert wird, was er verdient.

Und diejenigen Journalisten, die unabhängig und ehrlich sein wollen? Die radikale Minderheit sozusagen? Die ist im Knast, oder im Ausland, oder abgetaucht. Die übrigen 5% der türkischen Journalisten. Die waren gestern beim Erdogan nicht dabei.

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Fast 95% der türkischen Presse an seiner Seite

Schauen Sie sich mal dieses Bild vom „Kopf des Tisches“an:

Ferit Sahenk: Eine der reichsten Männer der Türkei, ein „Günstling“ von Tayyip. Ferits Privatvermögen allein wird 2,1 Milliarden US-Dollar geschätzt. Er besitzt über ein Dutzend Fernsehsender.

Serhat Albayrak: Der ältere Bruder des Schwiegersohnes von Erdogan, Ferhat Albayrak, gehört sozusagen zur Familie, leitet gleich eine gigantische Medienholding mit großen Tageszeitungen, Fernsehsendern und Nachrichtenagenturen. Serhat ist der Leiter der amtlichen Erdogan Presse.

Aydin Dogan: Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse (2009) und der „Goldenen Victoria“ der Deutschlandstiftung Integration. Er besitzt auch eine Holding Gesellschaft mit großen Investitionen in Finanz- Versicherungs-, Energie-, und Tourismusbranche. Dann u.a. die beiden größten Tageszeitungen der Türkei Posta und Hürriyet  und zwei Fernsehsender nebst einem Musik- und Buchverlag. Einen Anteil an seinem Medienimperium hat auch Axel-Springer-Verlag erworben.

Die drei Mogulen der türkischen Presse, ihre Redakteure und Kolumnisten hörten sich gestern die Rede Tayyips an. Er verlangte eine „freie und unabhängige“ Presse, die selbstverständlich „nicht alle Freiheiten“ haben darf. Wenn es zum Beispiel um die Sicherheit des Systems, sprich um seine eigene Sicherheit geht, da gelten für ihn und für die Presse andere Regeln. Die nannte er nicht einzeln, aber jeder an seinem großen Tisch verstand, was er meinte.

Erdogan erwähnte natürlich den langen Marsch des Oppositionsführer im türkischen Parlament von Ankara nach Istanbul zu dem Gefängnis, wo der verhaftete CHP Abgeordnete Enis Berberoglu sitzt. Er setzte den Oppositionsführer gleich mit „Putschisten Gülen“. Beifall im Saal.

Einst war Berberoglu der Herausgeber der Zeitung Hürriyet, darüber schwiegen gestern die Honoratioren der türkischen Presse. Ein Kollege mit dem sie über mehrere Jahre, weit mehr über über ein Jahrzehnt, zusammengearbeitet hatten, sitzt im Knast wegen seiner angeblichen Verbindungen zu anderen Journalisten, die gestern nicht dabei sein durften und bestimmt auch nicht wollten, und keiner dieser Kolleginnen und Kollegen machte dort an dem Tisch vor Erdogan den Mund auf und thematisierte den Fall Berberoglu.

Ich hätte es auch nicht erwartet. Ich habe auch von der Dogan Gruppe keinen Kolumnisten gefunden, der was dazu geschrieben hatte. Ich rede nicht von einer Kritik zu der Verurteilung Berberoglus. Nein, das würde keiner von den Kolumnisten der Dogan Gruppe riskieren. Und sie riskieren viel, wenn sie was politisches schreiben, zum Beispiel einen Nettogehalt von etwa 15.000 Euro netto – im Monat. Ja in der Türkei verdienen die sogenannten Kolumnendiktierer viel und der Rest fast gar nichts. Und der „Rest“ war gestern auch nicht da.

Erdogan kennt das Geschäft und für ihn sind die Kolumnisten wichtig, denn wegen der Nachrichten kauft kaum jemand noch eine Zeitung. Nachrichten sind im Fernsehen immer „frischer“. Aber die Meinungsmacher sind wichtig für Erdogan, könnten zu Stimmungswechsel im Land beitragen. Deshalb hatte er sie alle eingeladen, um sie einzuschüchtern , um sie auf seine Linie einzutrimmen.

Ich kann Ihnen versichern, meine Damen und Herren, liebe Kollegen und Freunde, kein einziger gestern hatte nach dieser Rede von Erdogan Gewissensbisse, so etwa wie, er würde jetzt journalistische Ideale aufs Spiel setzen, weil er für Erdogan Partei ergreifen muss. Nein! Glauben Sie mir, ich kenne viele von ihnen, sind mit vielen per Du, und weiß, was sie verdienen. Und ich weiß, wie sie ticken. Sie werden jetzt für Erdogan Partei ergreifen, und wenn er nicht mehr da ist, werden sie eine Zeit lang jammern, wie schlimm es unter Erdogan war, und sich dann an den nächsten Politiker dran hängen, der dann von den oben gezeigten Mogulen für unterstützungswürdig erklärt wird.

Wie sagte mir einst ein türkischer Journalist, ein guter Freund, Ugur Mumcu, der leider von Islamisten ermordet wurde: „Journalisten sind die besten Berufsnutten. Fürs Geld machen sie alles, aber auch Alles“. Auch Ugur Mumcu, der legendäre Kolumnist der Zeitung Cumhuriyet, saß oft und lange im Knast.

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CHP Vorsitzender Kilicdaroglu auf seinem langen Marsch für eine unabhängige Justiz

Vielleicht noch einige Sätze zu den Berufsprostituierten des türkischen Journalismus: Gestern Abend, bevor die Runde sich auflöste, gab Erdogan noch eine kleine Anweisung für die nächsten Wochen. „Ihr sollt nicht über den Marsch von Kilicdaroglu berichten“.

Selbstverständlich haben sich heute alle daran gehalten. Keine Nachricht, keine Notiz zu dem Marsch von Kilicdaroglu, obwohl ihn heute wiederum Tausende begleitet haben.

 

 

 

 

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