Erdogan du bist eigentlich am Ende!

Es ist wirklich nicht einfach, besser es ist unmöglich, in einem so komplizierten Land  Politik alleine zu gestalten, alleine dort regieren zu wollen. Erdogan glaubt, er kann es, allein über 80 Millionen Türken und Kurden entscheiden. Hat er Berater? Ja er hatte mal richtig gute Berater, damals als dieser Staat noch einigermaßen demokratisch regiert wurde, und Erdogan nicht alles, aber wirklich alles, regeln musste.

Jetzt ist Erdogan ganz allein, sehr allein, traut niemandem mehr, leidet unter Paranoia, kann nachts nicht mehr schlafen, weil er ständig Angst hat, er werde beim Schlaf umgebracht, – von wem auch immer. Ständig hat er zwei Ärzte um sich, die seine Gesundheit bewachen, die auf jede Auslandsreise mitfliegen. Alle Journalisten, die ihn ständig begleiten, kennen dies alles, trauen sich nicht darüber mal zu berichten, erzählen es anderen, damit andere darüber berichten.

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Erdogan mit Journalisten beim Diktat

Es sind maximal 10 bis 12 Journalisten, die in seine Nähe dürfen, um von ihm alles diktiert zu bekommen, die rund um die Uhr von ihm angerufen werden können. Journalistisch sind sie eine Niete, das wissen sie auch, aber sie gehören zum inneren Kreis der Macht.  Das sind die Journalisten, die ihm nie Fragen stellen dürfen, denn die Fragen an ihn darf nur Erdogan selbst stellen. Und die Antworten fügt er dann dazu. Und die Schreiberlinge schreiben das alles auf.

Einige von diesen Journalisten wollen anscheinend nicht mehr das „Schosshündchen“ Erdogans sein, und plaudern, nicht viel, aber stetig, darüber was so abgeht im Zentrum der Unfähigkeit, wie sie ihren Berichtsbereich neuerdings bezeichnen. Warum machen sie das? Warum verraten sie ihren geliebten Führer, ihren Präsidenten? Ohne ihn wären sie nichts geworden, ohne ihn werden sie aufhören Journalist zu sein, und ohne ihn werden sie sich nirgends zeigen lassen können, als ehemalige Schleimlecker des Präsidenten. Einen, den ich mehr oder weniger gut kenne, frage ich genau danach. „Dann wirst du hoffentlich, wenn alles vorbei ist, bezeugen, dass ich nicht so war, wie die anderen Arschlöcher damals um Erdogan“, antwortet er mir prompt. Ich könnte nur bezeugen, dass er mir gelegentlich Informationen aus dem Lager des Despoten gab, nicht mehr und nicht weniger. Hilft ihm das dann? Ich glaube nicht. Aber es ist ein Zeichen dafür, dass langsam aber sicher auch die treuesten Vasallen Erdogans unsicher werden, und Sorgen um die eigene Zukunft machen.

Aber man braucht eigentlich keine Informationen aus dem inneren Bereich der Macht in der Türkei. Der Chaos, der Untergang, ist überall zu sehen, zu spüren, man riecht es ja förmlich, den bevor stehenden Zusammenbruch. Innerhalb von wenigen Monaten wurden alle noch übrig gebliebenen Spuren einer westlichen Demokratie, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit beseitigt. Dank einem Putschversuch, besser einer „Putschmaskerade“, am 15.Juli 2016, die Erdogan als „Gabe Gottes“ bezeichnet.

113.260 Beamte wurden ohne Begründung entlassen, die Hälfte von ihnen verhaftet, weil sie sich irgendwie am Putsch beteiligt haben sollen. Sie wurden gefoltert, mit Folterwunden fotografiert und in den Medien präsentiert, so nach dem Motto, endlich können wir wieder frei foltern. Dutzende Konzerne, die den Führer anscheinend nicht ausreichend an ihren Gewinnen beteiligt haben, wurden konfisziert und deren gesamtes Vermögen an Günstlinge des Führers verscherbelt.

Ach ja, 5.295 Akademiker, Wissenschaftler, Professoren und Dozenten wurden auch in die Arbeitslosigkeit gefördert. Mein Informant meint, Erdogan meine, man bräuchte nicht so viele Wissenschaftler in einem islamischen Staat. Man legt die westlichen Wertvorstellungen ab, und schlüpft in die Traditionen der Diktaturen des Nahen Ostens hinein. Toll. Und in einer Diktatur braucht man auch keine Journalisten. 160 von ihnen befinden sich in Haft, nochmals fast genauso viele sind auf der Flucht, in Europa, in den USA.

Die Wirtschaft stagniert. Der Aufschwung ist schon lange verpufft. Wirtschaftlich Stagnation scheint allerdings ein Naturgesetz in den islamischen und islamistischen Gesellschaften zu sein. So auch in der Türkei. Wenn 50% der Menschen in der Gesellschaft von jeder Arbeit, von jedem Denk- und Entscheidungsprozess ausgeschlossen sind, auf deren Unterstützung aus religiösen Gründen verzichtet wird, denen man nicht mal die Hand strecken darf, dann sind solche Gesellschaften samt ihrer Politik dem Untergang geweiht. Wer die Frauen von der Teilhabe an der Gesellschaft verbannt, der nähert sich seinem eigenen wirtschaftlichen Ende. So auch Erdogan, denn er hat nicht sprudelnden Ölquellen wie die Saudis, Emirate oder andere Golfstaaten unter seinem Hintern. Der Verzicht auf die Frauen wird den Untergang Erdogans wirtschaftlich und politisch besiegeln.

Morgen wird Erdogan wieder mal, diesmal allerdings offiziell, zum Vorsitzenden, Unknown-3der einst von ihm gegründeten AKP gewählt. Meinem Informanten hat er schon gesagt, dass er die Partei verjüngen will, die Jugend in die Partei einbinden will. Klar, wer würde denn vor der Wahl zum Vorsitzenden sagen, ich mach mit den alten Männern weiter, wie gehabt? Erdogan spürt es vielleicht, dass ihm die Massen langsam aber sicher weg bleiben, besonders die Massen, die gebildet sind, die seine loyalen Anhänger in den Großstädten waren. Die laufen ihm in Scharen davon, weil sie in ihm keine Visionen mehr sehen. Erdogan hat keine Visionen mehr für die türkische Gesellschaft, ausser einer islamistischen, die Vision der Muslimbruderschaft, wie in vielen arabischen Despotien sichtbar. Die gebildete, städtische Jugend, die Erdogan 20 Jahre lang vom Wahlsieg zu Wahlsieg verholfen haben, wenden sich von ihm ab, weil sie sich von den westlichen Normen und Gepflogenheiten nicht gänzlich trennen wollen, weil sie kein Kopftuch tragen wollen, weil sie mal auch an einem Kiosk ein Bier trinken möchten, ohne gleich wie in manchen Provinzen von der Polizei belästigt zu werden, weil sie zwar Islam als ihre Religion sehen, aber nicht islamistisch sein wollen.

Erdogan nennen sie in der Machtzentrale der Türkei, alle „Reis“, „der Führer“.  „Reis meint,“ sagt mein Informant, „ein aufrichtiger Muslim hat keine Freunde ausser sich selbst.“ Das habe ich schon mal gehört, von einem General, der 1980 in der Türkei putschte, und das Land in wenigen Jahren in eine Katastrophe führte. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass Reis und sein Land mit allen Nachbarn im nahen Osten Krach haben. Syrien, Irak, Iran, Armenien, Georgien und Russland. Von den Griechen will er alle Inseln in der Ägäis haben. Ach ja dann noch die Kurden und USA. Israel brauchen wir in diesem Zusammenhang nicht mal zu erwähnen, denn es ist anscheinend Pflicht für jeden Muslimen, Israel zu hassen. Kein Tag vergeht, ohne dass der Reis Israel als Kindermörder bezeichnet.  Und der große Weggefährte USA? „darüber reden wir am liebsten nicht,“ bittet mein Informant. Er habe auch in seiner Zeitung nichts darüber geschrieben. Der Reis habe darum gebeten auf dem Rückflug aus Washington.

Erdogan, du bist eigentlich ganz schön am Ende.

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Aslı Aydıntaşbaş, Cumhuriyet, 18.05.2017

    Sowohl die Presse in unserem Land als auch die allgemeine Weltpresse kann meines Erachtens den Besuch des türkischen Staatspräsidenten im Weißen Haus nicht richtig deuten. Die Kollegen mit denen ich spreche, erklären das Erdoğan mit „leeren Händen in die Türkei zurückgekehrt“ sei und beim Thema YPG nicht „das Gewünschte erzielt“ habe. Es gibt auch einige, die die Waffenlieferung der USA an die YPG für die Rakka-Operation als ein Beitrag zur „Gründung eines kurdischen Staates“ betrachten oder die Reise Erdoğans als „Skandal“ bewerten. Ich teile beide Analysen nicht. Diese Reise war aus Sicht von Tayyip Erdoğan erfolgreich. Er hat mit Trump das gewünschte Bild vermittelt.

    Erdogan dessen Legitimität von der westlichen Welt hinterfragt und diskutiert wurde, stand plötzlich im Oval Office neben dem US-Präsidenten äußerst gelassen. Trump, der es sogar vermied Angela Merkel die Hand zu geben, hat Erdoğan vor der ganzen Welt gelobt und mit seiner amerikanischen Gestik, in dem er seine Hand auf sein Arm legte die Botschaft vermittelt „Ich mag diesen Kerl“. Die Bedeutung dieses Bildes aus Sicht der westlichen Allianz ist die erneute Legitimierung der Position Erdoğans. Trump und Erdoğan sind sich in Hinsicht vom Stil und der Philosophie nicht weit entfernt. Die aufgebaute Beziehung zwischen beiden ist genau die, die der türkische Staatspräsident wollte. Erdoğan möchte nicht Teil der westlichen Wertegemeinschaft werden. Er möchte mit dem Westen eine Beziehung des „Geben und Nehmens“ aufbauen. Der EU-Prozess war der Vorstoß der Türkei Teil des Westens zu werden. Dieser ist zusammengebrochen. Ankara möchte vom Westen nicht beim Thema Menschenrechte und Demokratie unter Druck gesetzt werden. Es möchte eine Beziehung des Geben und Nehmens, in der die Türkei so akzeptiert wird wie sie ist; ein auf Autorität und den Willen eines Mannes beruhenden Staat. Und dies ist auch genau die Art von Beziehung die Trump sich mit Erdoğan wünscht. Dies ist nun eingetreten. Die Türkei arbeitet in Washington mit Lobbyfirmen zusammen. Eines der Empfehlungen dieser an Erdoğan war es, anstatt mit einem harten Ton wie „Warum gibt ihr der YPG Waffen“, den US-Präsidenten zu loben. Eine intelligente Taktik. Denn der US-Präsident, der die Medien in seinem eigenen Land niedermacht, liebt es gelobt zu werden. Erdoğan begann seine Rede mit dem „historischen Sieg“, den Trump in den Präsidentschaftswahlen erzielt habe. Wir sahen wie verzückt der US-Präsident darauf reagierte. Beide Führungspersonen haben einen inoffiziellen Stil und handeln aus persönlichem Empfinden, was bei den Amerikanern als „Dealmaker“ bezeichnet wird. Die Beziehung von Erdoğan mit Putin und Trump läuft nicht auf der Ebene von Staat zu Staat, sondern vom Präsidenten zum Präsidenten. Und das möchte er auch…

    Nun zum Punkt Rakka… Die Amerikaner schlagen der Türkei folgendes vor: „Wir machen in Rakka mit der YPG weiter, aber gegen die PKK geben wir euch geheimdienstliche Informationen, Waffen und Satellitenbilder“. Es gibt keinerlei Garantie für die Zukunft der Kurden. Dagegen sieht es so aus, als ob die USA grünes Licht für die Vertiefung der Operationen Ankaras im Sindschar-Gebiet (Irak) gegeben haben. Was bedeutet dies? Es bedeutet den Wechsel von einer Phase, in der man mehr auf Sicherheitspolitik bei der kurdischen Frage setzte, in eine Phase in der es verstärkt Bombardements und langanhaltende militärische Operationen gegen die PKK geben wird. Meines Erachtens ist dies eine Formel die Ankara bevorzugt. Zudem hat die amerikanische Seite der Türkei wohl garantiert, dass nach der Rakka-Operation die Stadt nicht von der YPG verwaltet wird und in Syrien kein „kurdischer Staat“ gewünscht ist. Ungeachtet des in der Öffentlichkeit vorgespielten Wirbels, die Türkei möchte gar nicht mit ihren Streitkräften an der Rakka-Operation teilnehmen. Dies wollte sie nie. Es gibt im Staat einen Kreis, der die YPG als Feind betrachtet und sich heimlich freut, dass die YPG in der Rakka-Operation an Stärke verliert. Aus diesem Grund denke ich, dass die gegenwärtige Vereinbarung für Erdoğan nicht „unannehmbar“ ist.

    Was wurde bei diesem Treffen nun nicht besprochen? Es wurde nicht über die 13 festgenommenen Journalisten der Zeitung Cumhuriyet gesprochen. Es wurde nicht über Werte gesprochen. Es wurde nicht über die Qualität von Demokratie gesprochen. Es wurde nicht über den EU-Beitritt der Türkei gesprochen. Seien sie sich sicher; es wurde nicht über die Situation der Menschenrechte in der Türkei gesprochen. Wenn es auf der Tagesordnung des Treffens Pressefreiheit gab, dann haben sich wohl beide gegenseitig über die „schlechte Presse“ beschwert. Wenn es irgendwie bei dem Treffen um Menschenrechte ging, dann nur die Forderung nach Freilassung des US-amerikanischen Pfarrers Andrew Brunson. War es nicht genau dieser Neuanfang, den Ankara mit dem Weißen Haus wollte?

  2. Wenn wir hier bei dem Kommentar den letzten Absatz herausnehmen, könnte der auch wahrscheinlich in der Regierungszeitung in der Türkei veröffentlicht werden!
    Der Türkei ist seit 1923 nicht gelungen, ein säkularer Staat zu werden.
    Im Prinzip wir erleben heute eine Bevölkerung:
    – Die Hälfte der Bevölkerung ist Islamisch, Osmanisch und Nationalistisch (AKP und Erdogan-Anhänger).
    – Der größte Teil der Opposition besteht aus „Ultra-Nationalisten“ und „Kemalistische -Nationalisten“ (MHP, CHP)
    – Die kleinste Gruppe bilden die Kurden, die mit der HDP wahrscheinlich z.Zt. die modernste Partei der Türkei sind. Allerdings sie haben es nicht geschafft die Herzen der Jugendlichen in den Großstädten zu erobern.
    Deswegen sollte man sich mehr mit den Ursachen des Problems auseinandersetzten, statt nur das Problem zu beschreiben.

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